Schwieriger ist schon die Frage zu beantworten, wie wichtig weibliche Gesichter im Wahlkampf sind – und ob es hilft, wenn eine Frau an der Spitze steht. Frauen wählen nicht unbedingt Frauen – eher im Gegenteil. Hätten bei der Bundestagswahl des Jahres 2005 nur Frauen wählen dürfen, wäre Angela Merkel nicht Kanzlerin geworden. Vier Jahre später hingegen lag Merkel bei den Frauen klar vorn.

Möglicherweise urteilen Frauen besonders skeptisch über die Fähigkeiten und vor allem die Erfolgschancen ihrer Geschlechtsgenossinnen – um es dann aber desto mehr zu honorieren, wenn eine Frau sich trotzdem durchsetzt. Für Frauen wiegt der Amtsbonus schwerer als für Männer – wer regiert, den werden sie seltener unterschätzen. Im Fall Merkels kommt vermutlich hinzu, dass ihr Wandel von einer wirtschaftsliberalen Oppositionspolitikerin hin zu einer großkoalitionären Kanzlerin gerade Frauen besonders gut gefiel.

Peer Steinbrück, so scheint es, hat es nicht leicht: Der ideale Kanzlerkandidat der SPD soll ein ganzer Kerl sein, aber trotzdem die Quote mögen, er soll Sinn für Frauenthemen haben, sich dabei aber keinesfalls verbiegen. Erschwerend kommt noch hinzu, dass Steinbrück im kommenden Jahr gegen eine Frau antreten muss, in Wahlkämpfen aber unausgesprochen die Schulhof-Regel gilt, wonach es für Jungen uncool ist, Mädchen zu verdreschen. Steinbrück soll Angela Merkel, seine frühere Chefin, in die Opposition vertreiben – aber allzu hart anpacken darf er sie dabei nicht.

Vermutlich wird Steinbrück von seiner strengen Großmutter erzählen

Der Peer habe es nicht leicht, sagt selbst die ASF-Chefin Elke Ferner. Kürzlich hat sie im Bundestag der Familienministerin Kristina Schröder laut »Zickenkrieg« zugerufen, nachdem diese sich mit Arbeitsministerin Ursula von der Leyen einmal mehr in der Öffentlichkeit beharkt hatte. »Wir hätten das jetzt niemals sagen dürfen, da hättet ihr von der ASF euch doch sofort beschwert«, klagten zwei männliche Abgeordnete von der Nachbarbank. Das sei schon richtig, sagt Ferner, früher sei von Frauen mehr Zurückhaltung erwartet worden als von Männern. Heute sei es oft umgekehrt: Frauen könnten sich mehr erlauben.

Gegenüber Steinbrück, ihrem ehemaligen Minister, wird Merkel das allerdings kaum tun. Als Kanzlerin muss sie nicht zuspitzen und angreifen, Merkel wird einen eher präsidialen Wahlkampfstil pflegen. Beide, Merkel und Steinbrück, dürften eher versuchen, das Umfeld des Gegners zu treffen. Steinbrück wird versuchen, Merkel als Chefin einer Chaoten-Koalition zu karikieren. Die Kanzlerin wird ihrerseits weniger auf Steinbrück zielen als auf seine Partei, die sich von den Reformen der Agenda 2010 immer mehr entferne.

Drei Strategien haben sich die SPD-Wahlkämpfer überlegt, um darüber hinaus möglichst viele Wählerinnen zu überzeugen. Bisher sei Steinbrück einer breiteren Öffentlichkeit nur als Finanzexperte und Bankenregulierer bekannt – beides Felder, die Frauen gemeinhin weniger interessieren als Männer. Das aber werde sich im Wahlkampf ohnehin ändern, heißt es in der SPD. Steinbrück soll viel über den Zusammenhalt der Generationen sprechen, von der Kindererziehung bis zur Pflege. Das Gender-Thema, das Steinbrück am meisten interessiert, sei die ungleiche Bezahlung von Frauen und Männern – im internationalen Vergleich ist der Abstand in Deutschland besonders hoch. Schon seit Längerem, berichtet Generalsekretärin Nahles, kämen zu Veranstaltungen zu diesem Thema viel mehr Besucher als etwa bei Einladungen zum Internationalen Frauentag.

Andere Wahlkampfformate – kleine Bühnen, Zuschauer, die wechselweise einen freien Platz auf der Bühne einnehmen dürfen – sollen ebenfalls Frauen überzeugen. Außerdem haben Tests ergeben, dass Frauen mit klassischen Großveranstaltungen weniger anfangen können als Männer. Von Malu Dreyer, der designierten neuen rheinland-pfälzischen Regierungschefin (sie soll im Januar Kurt Beck ablösen), will die SPD ein Wahlkampfkonzept übernehmen, das vorsieht, dass die Person an der Spitze möglichst viele kleine Wählergruppen trifft.

Schließlich soll Steinbrück daran erinnern, dass er die Familienpolitik der Großen Koalition offensiv vertreten hat. Seine eigene Frau Gertrud, Lehrerin und Mutter von drei Kindern, war nicht nur stets berufstätig, sie hat in den siebziger Jahren sogar einige Monate lang allein das Haushaltseinkommen verdient. Vermutlich erzählt Steinbrück im Wahlkampf nicht nur von ihr, sondern auch von seiner starken, strengen dänischen Großmutter, die ihm als Jungen das Schachspiel beigebracht hat. Sie ließ ihn dabei nie absichtlich gewinnen, sagt er. Zumindest diese Frau hat er am Ende doch besiegt.

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