SeniorenreisenDas fliegende Wartezimmer

Ältere Menschen wollen auch noch mal los. Veranstalter umwerben sie mit Extras, ein Arzt ist immer dabei. von 

Agile Ältere wollen Aufregung. Hier ein Tourist in der Medina von Tunis

Agile Ältere wollen Aufregung. Hier ein Tourist in der Medina von Tunis  |  © Zoubeir Souissi/REUTERS

Mit 80 Jahren durch den Dschungel wandern? Trotz Arthrose Wüsten durchqueren? Das ist heute leichter denn je – oder jedenfalls leichter zu buchen. Die deutschen Reiseveranstalter reagieren auf den demografischen Wandel. Waren es vor Jahren noch die vitalen Jungrentner, um die sie besonders energisch warben, sind jetzt auch die etwas Älteren dran. Die Welt steht euch offen, lautet die Botschaft; für die Absicherung sorgen wir. Man spricht von »ärztlich begleiteten Reisen«.

Früher boten fast nur Spezialisten wie Tour Vital oder Mediplus Reisen einen solchen Service an. Neuerdings schicken aber auch Großveranstalter wie TUI und Thomas Cook Mediziner mit auf einige Touren. »Das ist ein Markt, der noch längst nicht ausgereizt ist«, sagt Ury Steinweg, Geschäftsführer von Gebeco, die seit diesem Jahr entsprechende Reisen bis nach Usbekistan oder Peru anbietet.

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Ältere Menschen gelten in der Branche als dankbare Klientel. Sie sind im Schnitt heute wohlhabender denn je und denken vielfach nicht daran, ihr Vermögen im Sparstrumpf zu horten. »Das Haus ist abbezahlt, die Kinder verdienen ihr eigenes Geld, jetzt wollen die was erleben«, sagt Steinweg. Die Branche spürt einen Mentalitätswandel bei ihren neuen älteren Kunden. Manche gehörten seinerzeit zu den ersten Backpackern und haben schon viel von der Welt gesehen. »Denen können die Ziele gar nicht exotisch genug sein«, sagt Frank Straka von Mediplus Reisen. »Besonders gut laufen bei uns Länder wie Vietnam oder China, in denen man nicht mal die Schriftzeichen lesen kann.« Es gibt aber auch das Gegenteil: Rentner, die bislang allenfalls im Schwarzwald waren und bei denen sich ein »Jetzt oder nie«-Gefühl ausbreitet. In beiden Fällen lässt man es sich gern etwas kosten. »Für Best Ager ist, anders als für Jüngere, der Preis nicht so wichtig«, sagt Frank Straka. Entsprechend leicht lässt sich die »medizinische Begleitung« als Vorsichtsmaßnahme vermitteln.

Unter dem Oberbegriff finden sich allerdings sehr unterschiedliche Leistungen. Die Basis ist, was etwa Gebeco anbietet: Der Begleiter ist ein Arzt beliebiger Fachrichtung, meist schon im Ruhestand. Er berät bei Magenverstimmungen und weiß, wo im Notfall die nächste gute Klinik ist. Spezialveranstaltern wie Mediplus wäre das zu wenig. Dort reisen nur Ärzte mit, die noch praktizieren und sich als Reisemediziner fortgebildet haben. Auch die Programme nehmen auf Kunden Rücksicht, die nicht mehr topfit sind. Sie werden zu Hause abgeholt. Sie fliegen ohne Umsteigen. Und sie können viele Verschnaufpausen nutzen, die dann zum Beispiel als Fotostopp kaschiert sind.

Die Touren dürfen nicht zu betulich daherkommen. Schließlich sucht die Klientel Abenteuer, keine Reha. »70-Jährige nur in den Bus setzen und rumkutschieren, das geht gar nicht. Die wollen in Kambodscha auch mal mit dem Fahrrad zum Tempel fahren«, sagt Straka. Vor allem, berichtet Gebeco-Chef Steinweg, möchten Urlauber nicht das Gefühl haben, mit einem rollenden Altenheim unterwegs zu sein. »Auch ältere Kunden wünschen sich fitte Mitreisende.« Und bloß keine Hinweise darauf, was so alles passieren könnte. Sätze wie »Der Defibrillator ist immer dabei« schreiben erfahrene Veranstalter nicht mal ins Kleingedruckte.

Einer, der sich seit Jahren mit dem Zwiespalt zwischen Reiseträumen und -risiken beschäftigt, ist Tomas Jelinek. Er leitet das Centrum für Reisemedizin in Düsseldorf, das Urlauber über Krankheitsrisiken weltweit informiert. »An sich ist es großartig, dass es jetzt mehr Angebote für reisefreudige Senioren gibt«, sagt Jelinek. Gut beraten, könnten selbst chronisch Kranke Fernreisen antreten. Oft tue ihnen das gut. Menschen mit Übergewicht, Bluthochdruck oder leichter Diabetes etwa seien in den Tropen richtig. Dort verbrauche der Körper mehr Energie. Viele verlören ein paar Pfund und hätten gleich bessere Blutwerte. »Die kommen oft zehn Jahre jünger wieder«, sagt Jelinek. »Da spielt auch die Psyche mit rein.« Als alter Mensch, der ständig zu Ärzten gehe, sei man in gewisser Weise entmündigt. »Man tut, was andere sagen. Auf so einer Reise merkt man, dass man noch etwas leisten kann.«

Ohne Skepsis betrachtet der Mediziner die neuen Angebote jedoch nicht. Er fürchtet, dass sie Illusionen wecken. »Manchmal sitzen Leute vor mir, und ich muss denen klarmachen, dass sie den gebuchten Urlaub besser wieder absagen.« Schließlich gebe es Risiken, die sich nicht wegorganisieren ließen. Etwa bei jenem älteren Mann, einem Diabetiker, der unbedingt auf den Kilimandscharo wollte. »Ich hab dem gesagt, Afrika, Serengeti, alles kein Thema, aber nicht auf so einen Berg.« Da könne man seinen Blutzucker nicht mehr messen, die Geräte versagten in der Höhe, und in der Kälte gefriere das Insulin. Oder bei dem Zug-Fanatiker mit Lungenproblemen, der unbedingt eine Bahnreise in Tibets Berge buchen wollte. »Er sagte mir: ›Das ist nicht anstrengend. Ich sitze da bloß rum.‹ Aber die Luft ist ja trotzdem dünn auf bis zu 5000 Metern. Das hätte der nicht überlebt.«

Gute Beratung dürfte immer wichtiger werden – jedenfalls dann, wenn Frank Straka von Mediplus recht behält. Er glaubt, dass Reisen mit medizinischer Basisbetreuung bald weniger gefragt sein werden. Es komme eine Generation ins Rentenalter, die sich die nächste Klinik notfalls selbst auf dem Smartphone raussuche. Die wohlhabenden 70-Jährigen von heute würden dann aber immer noch reisen wollen. Die Zukunft gehöre Anbietern, so Straka, die Fachärzte mitschicken – etwa einen Kardiologen für den Asientrip nach dem zweiten Herzinfarkt. Fragt sich nur, was man bei einem solchen Angebot ins Kleingedruckte schreibt.

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Leserkommentare
  1. "ihr Vermögen im Sparstrumpf zu horten. »Das Haus ist abbezahlt, die Kinder verdienen ihr eigenes Geld"

    Diese Form des Reisens wird ein relativ kurzfristiges Phänomen bleiben, denn weder die Generation davor war so kurzsichtig, noch werden die nachfolgenden Generationen so sein können.

    Ich kenne genau diese Haltung auch von meinen Eltern:

    1) Das ist alles mein Geld. (Und zwar unabhängig davon, dass ein Teil davon durch Erbschaft nicht selbst erarbeitet wurde, also gerechterweise weitervererbt werden sollte/müsste.)

    2) Die Kinder verdienen ihr eigenes Geld. Ja, das tun sie. Wenn das weniger ist, bzw. zu weniger Lebensstandard führt als in den 80ern, wird das auf die eigene Tüchtigkeit und das relative Versagen der Jugend zurückgeführt. Hauptsache man selbst hat reichlich.

    3) Der Gedanke, dass die Rente stets von der aktiven Generation erarbeitet wird, kommt nicht vor. Stattdessen das völlig unhaltbare: "Die Rente die habe ich mir selbst erarbeitet."
    Wenn Rentner zuviel Geld haben, ist das ein Verteilungsproblem zwischen den Generationen, nicht aber ein Anzeichen für die Tüchtigkeit der Rentnergeneration.

    4) Das Denken hört bei den eigenen Kindern auf. Enkelkinder werden explizit ausgeklammert. "Wir haben Euch großgezogen. Was ihr mit euren Kindern macht, ist eure Sache."

    Kein Wunder, dass so viele Kinder in Deutschland in Armut leben!

    Ja dann: Gute Reise.

    3 Leserempfehlungen
  2. gerade in Marokko wo es keine geregele Versorgung der Alten gibt und die deshalb des nachts vor Rathäusern abgelegt werden und keiner weiss wohin mit ihnen da die nun modernen Familien die Pflege immer mehr nicht mehr durchführen.

    Manche Bezirke haben Kellerräume zur Verfügung gestelt wo bis zu zehn dort auf Matten auf dem Boden liegen.

    Wie unterschiedlich das Rentenlter doch in Marokko und in Deutschland gelebt wird.
    Wir bringen uns den Arzt mit und die Einheimischen haben erst garnicht einen der sie behandelt.

    2 Leserempfehlungen
  3. Das hat doch nichts mit Mitmenschlichkeit zu tun. Wie im Artikel bereits geschrieben, sind das "neue Maerkte die erschlossen werden".

    Wie sonst sollte man es auch rechtfertigen die ganze alte Generation nochmal um den Erdball zu schicken, wo jeder weiss wie schlecht das Fliegen fuer die Umwelt ist. Wenn wir Mitmenschlichkeit wollten, wuerden wir uns hier um unsere Alten kuemmern. Stattdessen muessen nicht nochmal den Urwald oder die Wueste bezwingen um zu erfahren, dass sie noch "etwas leisten koennen".
    Und muss es wirklich der Jungeltrip sein um mal wieder in die Gaenge zu kommen? Diese ganzen Probleme sind doch selbst gemacht!

    2 Leserempfehlungen
    • keibe
    • 29. November 2012 20:47 Uhr

    Mitmenschlichkeit, Toleranz und bedarfsgerechte Angebote:

    "Mit 80 Jahren durch den Dschungel wandern? Trotz Arthrose Wüsten durchqueren? Das ist heute leichter denn je – oder jedenfalls leichter zu buchen. Die deutschen Reiseveranstalter reagieren auf den demografischen Wandel. Waren es vor Jahren noch die vitalen Jungrentner, um die sie besonders energisch warben, sind jetzt auch die etwas Älteren dran. Die Welt steht euch offen, lautet die Botschaft; für die Absicherung sorgen wir. Man spricht von »ärztlich begleiteten Reisen«."

    Danke TUI, fti, thomascook, alltours, Neckermann ... und wie ihr alle heißen möget.

    Danke.

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    Das hat doch nichts mit Mitmenschlichkeit zu tun. Wie im Artikel bereits geschrieben, sind das "neue Maerkte die erschlossen werden".

    Wie sonst sollte man es auch rechtfertigen die ganze alte Generation nochmal um den Erdball zu schicken, wo jeder weiss wie schlecht das Fliegen fuer die Umwelt ist. Wenn wir Mitmenschlichkeit wollten, wuerden wir uns hier um unsere Alten kuemmern. Stattdessen muessen nicht nochmal den Urwald oder die Wueste bezwingen um zu erfahren, dass sie noch "etwas leisten koennen".
    Und muss es wirklich der Jungeltrip sein um mal wieder in die Gaenge zu kommen? Diese ganzen Probleme sind doch selbst gemacht!

    • road90
    • 29. November 2012 21:22 Uhr

    :-)

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  4. Nichts dagegen, wenn ältere Menschen die Welt bereisen wollen. Aber Abenteuer suchen "nicht ohne meinen Arzt" mutet schon seltsam an. Herablassend auch die Einstellung: in vielen Ländern gibt es mittlerweile gut ausgebildete Ärzte und medizinische Versorgungszentren. Es zeugt nicht gerade von Weltoffenheit, wenn man nur seinem deutschen Arzt vertraut.
    Die einen reisen mit ihrem persönlichen Kardiologen, die anderen fischen mit selbstgebastelten Drähten in Altglascontainern nach Pfandflaschen. Wenn die Regierung nicht aktuell den Satz gestrichen hätte, dass die Einkommensspreizung in Deutschland zugenommen habe, könnte man sich glatt wundern.

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    Ich bezweifele stark, daß die meisten Rentner sich mit dieser Problematik herumschlagen müssen. Eher frühpensionierte Lehrer oder Beamte, denen es zu Hause zu langweilig ist.
    Meine Mutter bekommt eine ganz nette Rente (mehr als ich jemals bekommen werde!!!) und fährt nur noch zu meiner Schwester nach Hannover oder wie vor zwei Jahren nach Bayern.

  5. Ich bezweifele stark, daß die meisten Rentner sich mit dieser Problematik herumschlagen müssen. Eher frühpensionierte Lehrer oder Beamte, denen es zu Hause zu langweilig ist.
    Meine Mutter bekommt eine ganz nette Rente (mehr als ich jemals bekommen werde!!!) und fährt nur noch zu meiner Schwester nach Hannover oder wie vor zwei Jahren nach Bayern.

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  6. Nicht alle Rentner haben viel Geld und würden trotzdem auch nochmal verreisen mit einer "Sicherheit" an ihrer Seite, weil sie sich das alleine nicht mehr zutrauen. Das finde ich doch ganz legitim. Die teils sehr hässlichen Kommentare sind hier wirklich fehl am Platz, sie haben nicht den Sinn verstanden.

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