Siemens-Chef Peter Löscher © Johannes Eisele/AFP/Getty Images

Es gibt Situationen, in denen Peter Löscher schweigt, obwohl er etwas sagen müsste. Wenn Journalisten ihn in einem Hintergrundgespräch bitten, eine Einschätzung zu den Alternativen bei der Euro-Rettung zu geben und er die Frage mit der Bemerkung abtut, davon verstehe er nichts, das solle man lieber die Banker fragen, ist das womöglich eine ehrliche Antwort. Sie ist unpassend für einen Mann, der sich kurz zuvor in den Aufsichtsrat der Deutschen Bank hat wählen lassen.

Oder neulich beim Besuch der Kanzlerin in China, als Premierminister Wen Jiabao und Angela Merkel gemeinsam mit den Wirtschaftsleuten diskutierten. Der Premier wollte von den mitgereisten Managern hören, wo es in der Zusammenarbeit konkret hake. Löscher, der dem Asien-Pazifik-Ausschuss der deutschen Wirtschaft vorsteht, fiel außer Gemeinplätzen und diplomatischen Floskeln nichts ein. Er sei allzu »höflich«, rügte der Premier den Siemens-Chef: »Sie wollen die Probleme wohl nicht so deutlich ansprechen.«

Peter Löscher liegt die freie Rede nicht, das schnelle Spiel von Frage und Antwort ist auch nicht seine Sache. Es gibt TV-Interviews, in denen er rüberkommt wie ein Beschuldigter beim Verhör und nicht wie der Chef eines Weltkonzerns. Selbst wenn er vom Blatt ablesen kann wie auf der Bilanzkonferenz des vergangenen Jahres, wirkt er angespannt. In solchen Situationen misslingt ihm regelmäßig der Dativ. »In unseren Heimatland Deutschland...«, sagt er dann. Oder: »Siemens hat eine eigene Basis in praktisch jeden Schwellenland.«

Er wirkt nicht wie der Weltmann, den seine Karriere erwarten ließe

Man hört die Sprachfärbung des Österreichers, etwa wenn er von der »ehnzikartigen Stärke« seines Unternehmen spricht oder dessen »dächnologische Führerschaft« preist. Von einem Schmäh ist aber bei Löscher nichts zu spüren. Im Gegenteil: Der Siemens-Chef wirkt noch deutscher als deutsch.

Das ist ziemlich erstaunlich bei einem, dessen Familie und Karriereweg so international sind. Löscher hat italienische Vorfahren, er ist mit einer Spanierin verheiratet, zwei seiner drei Kinder haben einen amerikanischen Pass, eines ist spanischer Nationalität. Er selbst hat einst in Wien, Hongkong und Harvard studiert. Er war für Hoechst in Deutschland, in den USA und in Spanien tätig und für die deutsch-französische Nachfolgefirma Aventis in Japan. Er wechselte dann zum britischen Pharmakonzern Amersham und wurde bald darauf mitsamt dieser Firma vom US-Riesen General Electric (GE) übernommen. Als Siemens-Aufsichtsratschef Gerhard Cromme 2007 auf ihn aufmerksam wurde, war Löscher gerade Vorstand der US-Pharmafirma Merck & Co in New Jersey.

Ein Provinzler ist der Manager, dessen erster Berufswunsch Diplomat war, also sicher nicht. Man kann sich bei YouTube anhören, wie er spanisch redet, und angeblich kriegt er solche Ansprachen auch auf Japanisch hin. Aber wie der Weltmann, der er eigentlich sein müsste, wirkt der 55-Jährige nicht.

Vielleicht liegt es daran, dass der Sohn eines Kärntner Bauern und Sägewerksbesitzers ein über die Maßen kontrollierter Typ ist. Ganz anders als der gewitzt-joviale frühere Konzernlenker Heinrich von Pierer oder dessen Nachfolger, der charismatische Draufgänger Klaus Kleinfeld. Löscher ist einsilbig, vorsichtig, stets auf Fehlervermeidung bedacht. Bloß nicht verplappern, keine unnötigen Festlegungen, das scheint seine Maxime zu sein.

Natürlich lässt sich so kein Weltkonzern führen, der 370.000 Menschen in 190 Ländern beschäftigt und der darauf angewiesen ist, dass ihm seine Aktionäre gewogen bleiben. Deshalb gibt es neben dem übervorsichtigen Löscher noch einen zweiten Löscher. Der ist ein Mann der großen vollmundigen Ankündigungen (»Siemens steht für saubere Geschäfte – immer und überall«), ein Freund markiger Sätze (»Wir haben Siemens völlig neu positioniert«), an deren Ende er die dunklen buschigen Augenbrauen auf dramatische Weise hochzieht.