Duisburg-HochfeldMelting Pott

In Duisburg-Hochfeld stellen die Türken die bürgerliche Mittelschicht, die Deutschen die Minderheit und die Roma die meisten Neubürger. Ein Ortsbesuch in Deutschlands sozialem Brennpunkt XXL von Wolfgang Gehrmann

Lebhaft und laut ist es immer hier. Aus den offenen Türkencafés plärrt Fernsehsound, Straßenbahnräder klötern in alten Gleisen, aus Autoboxen wummert Ethno-Beat – unter den Arkaden auf der Wanheimer Straße ist die Kakofonie akustischer Alltag. Jetzt aber erhebt sich ein Lärm, der die Passanten einhalten lässt. Mit Mordsgeschrei gehen zwei schwarzhaarige Frauen aufeinander los. Hände fahren schlagend durch die Luft. Drei Männer haben Mühe, die Wütenden zu trennen. Blicke glühen, eine greift sich wieder und wieder mit obszöner Gebärde in den Schritt.

Der Pizzeria-Wirt, der vor seinem Laden auf Kundschaft wartet, deutet die Zeichen: »Sie streiten um einen Mann. Das sind Bulgarinnen.« Auch für das übrige Publikum der Szene ist die Herkunft der zeternden Weiber ausgemacht. Die verhüllten Türkinnen wissen Bescheid, weil sie die Sprache der Streitenden verstehen. Der deutsche Rentner, der sein Bierchen im Stehimbiss wegen der Liveshow auf dem Trottoir schal werden lässt, artikuliert Volkes Stimme: »Zigeuner.« Dann sagt er: »Ein ganz armet Deutschland wird dat hier.«

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Wenn der Mann sich ausführlicher und präziser äußern wollte, könnte er die Lage etwa so zusammenfassen: In Duisburg-Hochfeld gärt ein soziales Problem von höchster Brisanz. Innerhalb kurzer Zeit haben sich mehrere Tausend Zuwanderer im Stadtteil niedergelassen. Offiziell kamen an die 4.500 Migranten, die meisten aus Bulgarien und ein paar Hundert aus Rumänien, seit die beiden Staaten 2007 in die Europäische Gemeinschaft aufgenommen wurden. Tatsächlich werden es aus beiden Staaten deutlich mehr Zuzügler sein. Das ist die einhellige Meinung. Verlässliche Statistiken existieren nicht. Die Bürger aus dem Südosten jedenfalls genießen Freizügigkeit innerhalb der EU, und so sind ganze Ortschaften gen Westen aufgebrochen. Die meisten nennen sich Roma – und sind in ihren Heimatländern traditionell unbeliebt.

Wahrscheinlich haben die Neuen keine genaue Vorstellung davon, wie der deutsche Sozialstaat funktioniert. Aber zugute kommt ihnen, dass ihnen hier – aus ihrer Sicht – Kopfprämien für den Nachwuchs bezahlt werden: das Kindergeld. Die bis zu 215 Euro pro Spross summieren sich für mit Nachwuchs gesegnete Einwandererfamilien zu einem Einkommen, das, gemessen am Lebensstandard ihrer Herkunft, enorm ist.

Eine legale Arbeit annehmen dürfen sie in der Regel nicht, denn zeitgleich mit dem EU-Beitritt im Jahr 2007 hatte die Bundesregierung sich ausbedungen, diesen Neu-EU-Bürgern den regulären Zugang zum Arbeitsmarkt sieben Jahre lang vorzuenthalten. Deutsche Arbeiter im Niedriglohnsektor sollten so vor lohndrückender Konkurrenz geschützt werden. Wie wenig dies gelingt, lässt sich im Morgengrauen auf den Straßen Hochfelds beobachten, wenn Kleinbusse bulgarische Männer einsammeln und sie zur Schwarzarbeit auf die Baustellen des Ruhrgebiets bringen.

Jede Stadt hat ihre prekären Viertel. In Hamburg waren es lange Mümmelmannsberg und der Osdorfer Born, in München das Hasenbergl und in Berlin eben Neukölln. Aber an keinem Ort fräsen sich die Armutsspiralen so tief in die deutsche Gesellschaft wie in Duisburg. Vier Soziologen von der Universität Bochum haben kürzlich ein Buch über den Strukturwandel an der Ruhr geschrieben, und auf die Frage, wo die schlimmsten Zustände anzutreffen seien, antwortet Professor Rolf G. Heinze: »Gehen Sie nach Duisburg-Hochfeld.« Am Rhein liegt Deutschlands sozialer Brennpunkt XXL.

Das Elend war schon da, bevor die Migranten kamen

Was einen Ort wie Duisburg-Hochfeld für die neuen Wirtschaftsmigranten attraktiv macht, ist das Elend, das dort auch so schon herrscht. Hier lässt es sich billig leben. Der Stadtteil hat einmal an der Stahlindustrie gehangen. Seit deren Niedergang ist die Bevölkerung von 60.000 auf 16.000 Einwohner zurückgegangen. Allenthalben stehen Häuser leer und verfallen. Vielen Vermietern sind die Zuwanderer deshalb eine willkommene Klientel. Sie verhökern ihnen Matratzenlager in überfüllten Etagen und verdienen so noch an ihren gammelnden Altbauten.

Der letzte kommunale Sozialbericht belegt auch statistisch, dass Hochfeld das ärmste Viertel einer armen Stadt ist: Von 1.000 Einwohnern beziehen dort 356,7 Leistungen nach dem SGB II, vulgo Sozialhilfe, von den nicht sozialhilfeberechtigten Einwanderern aus Bulgarien und Rumänien ganz zu schweigen.

Begonnen hat die Entwicklung, als die Arbeitsverwaltung im Zuge von Hartz IV Menschen nach Hochfeld ausgesondert hat. Das Wohngeld liegt bei monatlich 248 Euro, und die Mieten in Hochfeld betragen um 4,50 Euro pro Quadratmeter. Dort kann man mit der Stütze noch eine Bleibe finden.

Die Stadt versagt. Aber – wie sollte es auch anders sein? Die Kommune wird seit zwei Jahrzehnten von der Strukturkrise der Ruhrindustrie gebeutelt und steht wie viele andere Städte in Nordrhein-Westfalen wegen Überschuldung unter der Finanzaufsicht der Bezirksregierung. Anders gesagt: Duisburg ist kaum handlungsfähig. Durch die EU-Erweiterung werden der Stadt nun weitere Lasten aufgebürdet, die sie unmöglich alleine tragen kann.

Nachts weist der illuminierte Schornstein eines gewaltigen Heizkraftwerks den Weg nach Hochfeld. An ihm orientieren sich Freier aus dem ganzen Ruhrgebiet, um ins nahe Megabordell Sexxx-Palast zu finden, das unter der Regie der Rockerbande Hells Angels steht. Weitere Bordelle schließen sich an. Ein ganzer Häuserblock und umliegende Gebäude haben ein Rotlichtviertel entstehen lassen, das mal die Hells Angels und mal ihre Rivalen von den Bandidos kontrollieren. Letztere haben ihr Hauptquartier neben einem großen Puff in den Clubfarben gestrichen und gut sichtbar als »Bandidos’ Place« gekennzeichnet. Ein Sozialarbeiter, der nah an der Szene ist, sagt: »Sie sind inzwischen die eigentliche Ordnungsmacht hier.«

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