TheaterEs kocht das Blut

Von Pixelgespenstern und Fiebergestalten: Frank Castorfs leuchtende Inszenierung von Dostojewskis "Wirtin" in Berlin. von 

Frank Castorf ist schon seit längerer Zeit kein Theaterregisseur im alten Sinn mehr, sondern eher ein Romanleser, welcher die inneren Bilder, die ihm seine Lektüre verschafft, mit Schauspielern nachstellt. So ist er stilbildend geworden. Viele jüngere Regisseure imitieren ihn. Auch das Problem dieser Methode lässt sich bei Castorf beispielhaft betrachten. Man muss als Zuschauer gelesen haben, was er gelesen hat, dann erkennt man eventuell, worauf er auf der Bühne hinauswill, ja dann begreift man vielleicht sogar den Text neu. Wenn man Castorfs Lektürepfaden aber nicht gefolgt ist, wird man von ihm gnadenlos abgehängt. Für den Nichtleser hat er nur Verachtung.

Castorf hat schon mehrere der großen Romane Dostojewskis in sechs- oder siebenstündigen Theaterversionen auf die Bühne gebracht. Jetzt hat er an der Berliner Volksbühne, dem Haus, dessen Intendant er ist, in relativer Kürze eine frühe Novelle von Dostojewski inszeniert: Die Wirtin. Eine Dreiecksgeschichte um die schöne, engelsgleiche Katerina, Frau zwischen zwei Männern. Der eine, Murin, ist ihr Lebenspartner, ein dämonischer Alter, an den sie unheilvoll gebunden ist. Der andere, Ordynoff, ist ihr Untermieter, ein lebensuntüchtiger Junger, mit dem sie eine Liebe auf den ersten Blick verbindet.

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Castorfs Inszenierung ist das, was man fiebrig nennt: Die Schauspieler verausgaben sich an ihrem Text. Sie sind wie Prediger, die über einen reißenden Fluss hinüberrufen, an dessen anderem Ufer sie ein Volk von Ungläubigen vermuten. Sie sprechen so laut, als stünden Seelen auf dem Spiel. Wenn sie sich miteinander unterhalten, tun sie es beschwörend, als müsse ein Sturm übertönt werden, und tatsächlich übertönen sie, indem sie sprechen, den Sturm in ihrem Inneren.

Das Heißlaufen der Schauspieler, das zu Castorfs liebsten Regiemerkmalen (Marotten) zählt, hat hier wirklich einen höheren Sinn: Der Regisseur reagiert damit auf den Aufruhr, der in Dostojewskis Figuren tobt. Ihnen allen kocht das Blut, sie werden immerzu rot vor Scham, Verlegenheit, Zärtlichkeit, Verlangen, Zorn, Empörung, Angst. Katerina sagt es in der Novelle so: »Mein Blut drohte mich zu ersticken.« Bei Dostojewski ist der Mensch Sklave seines Blutes, und Liebe lässt sich deuten als gegenseitige Vergiftung des Blutes: Man übersteht sie nicht unbeschadet. Castorfs Hauptdarsteller, Kathrin Angerer als Katerina, Trystan Pütter als der junge Mann, Marc Hosemann als der Alte, stülpen alle Vergiftungssymptome entschlossen nach draußen. Ihr Spiel hat etwas Lenßen und Partner- Haftes: Sie gehen so weit in die »Wahrhaftigkeit« und die »Verausgabung«, wie es sonst nur noch Amateurschauspieler tun.

Das ist ein vom Regisseur gewünschter Effekt. Castorf entlarvt, was Dostojewskis Figuren für Liebe halten, als eine Form des erbitterten Privatglaubens. Diese Gestalten überzeugen vor allem sich selbst von der Tiefe ihrer Gefühle. Wenn Ordynoff, der junge Mann, die geliebte Katerina anspricht, sehen wir das auf einer Leinwand im Bühnenvordergrund, einer LED-Wand, die aus unzähligen Leuchtdioden besteht, und man hat den Eindruck, es gehe in dieser Inszenierung vor allem darum, Bilder von Liebenden herzustellen. Als Ordynoff der realen Katerina nicht habhaft wird, begnügt er sich damit, einen Monitor mit sich herumzutragen, auf dem ihre Gestalt zu sehen ist.

Auf der Bühne läuft ein schwarz gekleideter Kameramann den Figuren hinterher, steht im Weg, drückt sich um die Ecken einer Holzhütte (Bühnenbild: Bert Neumann). Wen diese Gestalt stört, dem könnte Castorf wohl entgegenhalten: Die Kamera ist mein Erzähler! Und der Erzähler in der Novelle Dostojewskis stört euch doch auch nicht, der ist auch immer dabei, mischt sich ein, steht zwischen dem Leser und den Figuren.

Castorf selbst ist längst auf den einsamen Höhen jener Meistererzähler angekommen, die nur noch im eigenen Stil baden. Ein großer Teil seiner neueren Arbeiten ist Zitat, Gruß aus der Küche, sarkastisches Niederknien vor sich selbst. 2010, in seiner Inszenierung von Jeremias Gotthelfs Die Schwarze Spinne am Zürcher Schauspielhaus ließ er einen Schauspieler sagen: »Der Castorf is doch eh fertig!« 2011 in Kasimir und Karoline am Münchner Residenztheater nötigte er das ganze Ensemble zur ausgiebigen Verbeugung gen Berlin. 2012 nun, in der Wirtin , wird auf der Bühne berichtet, er selbst, »der Frank«, sei ein »ehrenwerter alter Mann«, der mit den Dämonen dieses Berliner Theaterabends nichts zu tun habe. Warum? »Der Frank, der ist doch seit drei Jahren in Bayreuth.«

Das ist aber nur die halbe Wahrheit. Zwar wird Castorf 2013 in Bayreuth den Ring inszenieren, aber an der Volksbühne wird er noch bis 2016 bleiben. Die Wirtin ist in diesem Zusammenhang nur ein Nebenwerk – wenn auch ein leuchtendes. Die Leinwand auf der Bühne erzeugt Glutpunkte wie auf den Gemälden alter Meister, aber sie hat die tückische Tiefe eines Hologramms – man sieht ein aus Kleinstlichtern wie aus Kerzenflammen zusammengesetztes Großbild. Die Schauspieler leben in diesen Flammen: Höllenwesen, Pixelgespenster, Gestalten im Fieber. So hat Castorf, indem er alle seine Manierismen zusammennahm, doch einen Abend geschaffen, der Dostojewski gerecht wird.

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