US-Wahl "Der Sozialismus kommt!"

Wie Anhänger der Tea Party in Florida die Wahlnacht und ihre Niederlage erlebten.

Es ist kurz nach 22 Uhr in Jupiter im Süden Floridas, als Fred und Iris Scheibl klar wird, dass sie auch in den kommenden Jahren mit ihrer Jacht auf keine lange Reise gehen werden.Auf dem Bildschirm in Nick’s Tomatoe Pie Restaurant läuft Fox News, Obama hat momentan einen leichten Vorsprung. 50 erschöpfte Tea-Party-Anhänger starren auf die Fernsehbilder und stochern in ihrer Lasagne. Sie haben den ganzen Tag lang die Wahl beobachtet, »bewacht«, wie sie sagen. Sie tragen Bermudashorts und Turnschuhe, auf ihren T-Shirts steht »Palm Beach County Tea Party«, daran stecken Romney/Ryan-Sticker, eine Dame trägt eine Basketball Mütze auf die in Glitzersteinen »OMG« gestickt ist. »Obama Must Go!« Drum herum kommen und gehen Gäste des Restaurants. Die Wahlparty der Tea Party in Florida wirkt wie eine müde private Geburtstagsfeier.

Pam Wohlschlegel, die Gründerin der Palm Beach County Tea Party, samt Schwester und Mann, Iris und Fred und die anderen Mitglieder sind Rentner, die ihr Leben genießen wollen. Und sie haben eine Agenda: Sie wollen den Staat aus ihrem Leben drängen und die Macht dem freien Markt zurückgeben. Sie wollen nicht mehr, dass verschuldete Hausbesitzer, Banken oder Unternehmen mit ihrem Steuergeld gerettet werden. Schon gar nicht wollen sie, dass die von George W. Bush eingeführten niedrigen Steuersätze am Ende des Jahres auslaufen. Gleichzeitig wollen sie die Staatsschulden tilgen. Und natürlich hassen hier alle Obamacare, die Pflicht zur allgemeinen Krankenversicherung.

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Fox News meldet das Ergebnis der Senatswahl im Bundesstaat Wisconsin. Der Kandidat der Demokraten hat gewonnen. »Der Sozialismus kommt!«, brüllt einer. »Ihr werdet es sehen, es passiert vor unseren Augen, Kamerad!« Die Frauen schütteln bestürzt den Kopf. Pam Wohlschlegel weint.

Obamas Wahlsieg können sie zu diesem Zeitpunkt schon erahnen. »Wir werden uns die Abgeordneten und Landespolitiker vornehmen«, sagt Pam trotzig. »Denn wer die Basis in der Hand hat, hat Amerika in der Hand.« Sie wollen die Regierung von unten kapern und den Präsidenten auf den Platz verweisen, der ihm ihrer Meinung nach zusteht, in die hinterste Reihe.

Addiert man ihre Meilen auf See, so sind Iris und Fred mit ihrem Schiff, der Windwalker, schon um die Welt gesegelt. Sie waren zur Jahrtausendwende auf den Virgin Islands, sie waren in Kanada und in der Karibik. Und genau so sollte sich auch ihr Leben anfühlen, nachdem sie ihre Jobs bei IBM gekündigt und sich mit Ende 50 zur Ruhe gesetzt hatten. Früh genug, um solche Abenteuer mit all ihren Strapazen noch genießen zu können. Aber dann kam Barack Obama. Und mit ihm kamen die staatlichen Programme für die marode Autoindustrie, die gefährdeten Banken und die Menschen ohne Krankenversicherung. »Ich habe damals die Kinder an Halloween gefragt, ob sie ihre mühevoll gesammelten Süßigkeiten hinterher mit den Nachbarkindern teilen würden, die zu faul zum Sammeln waren«, sagt Fred Scheibl. Wollten sie nicht. Und so vertäuten Iris und Fred Scheibl ihre Jacht im Hafen von Ford Lauderdale und gingen zum ersten Tea-Party-Treffen.

Die Tea Party ist seit ihren ersten medienwirksamen Demonstrationen in Washington längst nicht mehr so sichtbar. Aber sie arbeitet weiter. Über 1000 lokal organisierte Gruppen gibt es in den USA. 2011 und 2012 kamen jeweils über 1500 Anhänger zur nationalen Tea-Party-Konferenz nach Arizona und nach Colorado. Ihre Webseiten und Blogs wachsen im Netz wie Pilze. Zu den Treffen in Palm Beach County erscheinen regelmäßig 200 Leute, laut einer Gallup-Umfrage unterstützen 21 Prozent der Amerikaner die Ziele der Tea Party. »Wir werden auf jeden Fall die Mehrheit im Repräsentantenhaus behalten«, sagt Fred. »Und wir müssen dafür sorgen, dass unsere Abgeordneten Obama überall blockieren.«

Das sind nicht wenige. Über 150 Politikern hat die Bewegung in den vergangenen Jahren zu Sitzen im Kongress verholfen. Für Marc Rubio, Senator aus Florida, den sie den »Kronprinzen der Tea-Party-Bewegung« nennen, hat Fred im Wahlkampf 2010 wochenlang vor dem Computer gesessen, um das Stimmverhalten seiner Nachbarn zu recherchieren und ihre Daten auf Telefonlisten zusammenzutragen. Dann haben Iris, Pam und die anderen die Nummern wochenlang abtelefoniert, sie sind von Tür zu Tür gegangen, sie haben Informationsmaterial kopiert und verschickt. Und jetzt wollen sie etwas dafür sehen. »Wir werden die Zügel jetzt anziehen«, sagt Fred.

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