Eine, die das gern wäre, ist Teresa Scanlan, 19 Jahre alt. Scanlan hat blondierte Haare, geweißte Zähne, falsche Wimpern und eine dicke Schicht Make-up im Gesicht. 2011 wurde sie zur Miss America gewählt. Und 2028 wird sie Präsidentschaftskandidatin – so zumindest steht es auf ihrer Facebook-Seite. Seit zwei Monaten studiert sie hier.

Sie sitzt in einem Café in Campusnähe, wo Studenten Chai-Lattes aus Pappbechern trinken und vor ihren Laptops sitzen, auf denen Pro-Life-Sticker kleben. Scanlan will in die Politik, seit sie sieben Jahre alt ist. Zum Patrick Henry College will sie, seit sie acht ist. Nach dem College will sie in Harvard einen Master in Jura machen, um anschließend als Richterin für den Obersten Gerichtshof zu arbeiten. Der Oberste Gerichtshof soll das Sprungbrett in die Präsidentschaftskandidatur werden. Sie erzählt diesen Plan so selbstverständlich, als rede sie über das Wetter. Gott habe sie »dazu berufen«. Scanlan hat eine laute, klare Stimme, und während sie spricht, unterstreicht sie die Sätze mit ihren Händen in der Luft.

»Mein Miss-America-Titel ist hier am College gar nichts wert«, sagt sie. »Hier sind Leute, die schon mit 18 ihr erstes Studium abgeschlossen haben, die Bücher geschrieben oder Hilfsorganisationen gegründet haben.« An dieser kleinen Uni, an der jeder jeden kennt und jeder jeden überwacht, sind der Vergleich mit den anderen und die ständige Konkurrenz ein Motor, der die Studenten zu Bestleistungen treibt. Das Versprechen, das ihnen gegeben wird, ist der amerikanische Traum: Du kannst aufsteigen, wenn du nur hart genug arbeitest. Deshalb gibt es Studenten, die morgens um drei aufstehen, um die Bibel zu lesen und den Unterricht vorzubereiten.

Spricht man mit Studenten und Absolventen, dann begreift man eine Angst, die sie alle zu teilen scheinen: die Angst davor, bedeutungslos zu sein. Sie ist wie ein Gift, das ihnen an diesem College verabreicht wird, ein Gift, das sie hungrig macht auf Macht. Absolventen schmieden Pläne, in denen sie festhalten, wie sie in zehn Jahren in den Senat gewählt werden. Wie sie sich sozial engagieren müssen. Wo sie nebenher arbeiten sollen. Hauptsache, es sieht gut aus im Lebenslauf.

Teresa Scanlan will so viele Kinder haben, wie Gott ihr schenke, sagt sie. »Und mindestens zehn adoptieren.« Die Kinder sollen zu Hause unterrichtet werden. Von wem? »Von mir natürlich, ihrer Mutter«, sagt Scanlan. Wie sie das mit ihrer Karriere vereinen will, darauf weiß sie keine Antwort. »Aber Gott wird einen Plan für mich haben.« Fragt man sie nach ihren Vorbildern, sagt sie: »Mutter Teresa und Sarah Palin.« Mutter Teresa, weil sie der Beweis dafür ist, dass ein einzelner Mensch die Gesellschaft bewegen kann. Sarah Palin, weil sie eine Frau ist, die Politik und Glauben vereint.

Könnten diese Studenten wirklich eines Tages Amerika regieren, frage ich mich nach ein paar Stunden und vielen Gesprächen auf dem Campus. Die meisten von ihnen kennen nur ihr Wohnzimmer als Klassenraum, nur ihre Geschwister als Mitschüler. Ausgerechnet diese jungen Leute wollen in die Politik, wollen einen Beruf ergreifen, der mit sozialer Verantwortung zu tun hat, wollen Entscheidungen treffen, die das Leben von Millionen Menschen bestimmen.

Aus schüchternen Erstsemestern werden filmreife Absolventen

Unsere Führung geht weiter, der nächste Programmpunkt heißt »Leben als Patrick-Henry-Student«. Fünf gut aussehende Studenten, die kurz vor ihrem Abschluss sind, beantworten den Besuchern und ihren Eltern Fragen. Die drei jungen Männer erzählen von ihren sportlichen Erfolgen, die beiden Frauen von den Freundschaften, die sie hier geschlossen haben. Eine Stunde lang reden sie; stottern dabei kein einziges Mal, räuspern sich nicht, sie sprechen kamerareif. Ich bin beeindruckt, wie aus schüchternen Erstsemestern selbstbewusste Absolventen geschliffen werden in den vier Jahren am College. Die fünf Studenten auf dem Podium können über sich selbst lachen, sie sind charmant. Sie sind an dieser Uni zu Menschen geworden, denen man vertraut.

»Ich mag ihre Art«, sagt Katie aus Texas, die am Morgen noch skeptisch war. Jetzt sagt sie: »Ich will und muss unbedingt hierher.« Die smarten Studenten auf dem Podium haben sie überzeugt. Eine so ausgezeichnete Sprecherin will sie auch eines Tages werden. Andere Unis guckt sie sich nicht mehr an. Das Patrick Henry College, das weiß sie nun, ist der Plan, den Gott für sie bereithält.

Zum Tagesabschluss werden wir Besucher in einen Keller geführt, die Kapelle, dreimal die Woche findet hier der Gottesdienst statt. Alle Studenten sind in dem Raum mit der tiefen Decke. Sie beten gemeinsam, und Michael Farris, der Gründer, predigt: »Wenn du Jesus nicht kennst, gehst du in die Hölle!«

Es gibt eine Anekdote, die Farris gern erzählt, wenn es um die Zukunft seiner Uni geht. Es ist seine Version von »Ich habe einen Traum«: »Einer meiner Studenten läuft über den roten Teppich bei der Oscar-Verleihung, um sich den Preis für den besten Film des Jahres abzuholen«, sagt er. »Sein Telefon klingelt, und der Präsident der Vereinigten Staaten ruft an, um ihm zu gratulieren. Die beiden haben sich ein Zimmer geteilt am Patrick Henry College.« Die ersten Patrick-Henry-Absolventen haben inzwischen Journalisten-, Film- und Fernsehpreise gewonnen, einer hat gerade sein Jurastudium in Harvard abgeschlossen und wird in die Politik gehen. Farris’ Traum und die Wirklichkeit, sie nähern sich einander.

Die Studenten in der Kellerkapelle singen, sie schließen die Augen und recken die Arme in die Luft. »Das ist der Vorgeschmack auf den Himmel«, sagt Farris. »Nur dass die Akustik dort besser sein wird.«