Ein kleines Mädchen auf den Schultern des Vaters in Peking © Lintao Zhang/Getty Images

Der alte Bauer ist so klein und schmal, dass man fürchtet, der Wind könnte ihn davontragen. Doch das täuscht. Fang Houze hat in den 71 Jahren seines Lebens so manches Drama überstanden: die Kulturrevolution unter Mao Zedong, den Tod seiner Frau, das Verwaisen und Vergreisen seiner Gemeinde Nadong. Trotz allem ist Fang der freundliche, leise Mann geblieben, den hier jeder kennt.

Nadong, Provinz Hunan, Südchina: ein Dorf von 1000 Seelen, idyllisch wie aus einem Bildband. Ein paar Holzhäuser mit geschwungenen Dächern zwischen grün bewucherten Bergen und Terrassenfeldern. Eine Bushaltestelle, ein Krämerladen, ein paar runzelige Bauern, die mit gebeugtem Rücken in den Reisfeldern stehen – und drei Jungen, die johlend auf einem Motorrad vorbeiknattern.

Nadong ist ein Dorf der alten Leute. Die Hälfte der Einwohner ist älter als 50, jeder vierte sogar über 60. Fragt man Fang, ob Nadong die Zukunft des Landes sei, streckt er den Kopf vor wie eine Schildkröte, blinzelt ungläubig und fragt: "Waaaaas?" Nadong die Zukunft? Was für eine verrückte Frage!

Fang hat einen Sohn, aber der ist längst über alle Berge und sucht sein Glück an einem anderen Ort. Immerhin kam der Sohn einmal zurück, um dem Vater einen Fliesenpalast zu bauen. Grün wie ein umgestülptes Schwimmbad steht er zwischen den traditionellen Holzhäusern des Dorfes. Viel zu groß für einen einzigen Mann. An den Türen klebt nach acht Jahren noch immer die Plastikfolie. Ins Wohnzimmer hat der Sohn dem Vater einen gewaltigen Fernseher gestellt, flankiert von säulengroßen Boxen. Weil Fang noch immer lebt wie auf einem Bauernhof, hat er seine Kohlen hinter den Fliesenpalast geschippt.

Manchmal wacht Fang nachts auf und glaubt, ein helles Lachen zu hören, ein Kind, das die Treppe hinunterhüpft, aber dann merkt er: alles nur ein Traum, der Nachhall einer Erinnerung. Seit 20 Jahren ist er Witwer und allein. Seit zwei Jahren ist auch sein Enkel weg, der acht Jahre lang bei ihm lebte. Es gibt keine weiterführende Schule in Nadong, und die Grundschule wird bald geschlossen, weil es zu wenige Kinder gibt.

"Die Stille macht mir zu schaffen", sagt Fang.

Es gibt viele Nadongs in China – Dörfer, die nicht ganz arm sind, aber auch nicht reich, in denen kaum jemand ein Auto besitzt, aber fast jeder ein Handy, in denen es vorne eine Teerstraße gibt, die weiter hinten zur Holperstrecke wird. Die allermeisten dieser Nadongs sind überaltert. Irgendwann haben sich die wenigen Jungen verabschiedet, weil sie anderswo mehr verdienen konnten. Der Handel, auf den die Alten in den Dörfern sich einließen, lautete: ein wenig Wohlstand gegen Überalterung und Vereinsamung. Das ist ein Handel, der auch im ganzen Land funktionieren soll. So jedenfalls hatte es sich die chinesische Regierung gedacht, als sie vor mehr als 30 Jahren ein weltweit einmaliges Experiment startete: die Ein-Kind-Politik – der zufolge Mann und Frau nur noch einen Nachkommen zeugen dürfen. "Wirtschaftswachstum durch weniger Kinder" lautete die Versuchsanordnung.Für Demografie-Experten ist China ein Labor