ChinaDie Einsamkeit der vielen

Seit mehr als 30 Jahren gilt in China die Ein-Kind-Politik. Auf brutale Weise durchgesetzt, hat sie den Aufstieg des Landes ermöglicht. Jetzt überaltert das Milliardenvolk, und die Menschen fragen sich: Wer wird einmal für uns sorgen? von  und

Ein kleines Mädchen auf den Schultern des Vaters in Peking

Ein kleines Mädchen auf den Schultern des Vaters in Peking  |  © Lintao Zhang/Getty Images

Der alte Bauer ist so klein und schmal, dass man fürchtet, der Wind könnte ihn davontragen. Doch das täuscht. Fang Houze hat in den 71 Jahren seines Lebens so manches Drama überstanden: die Kulturrevolution unter Mao Zedong, den Tod seiner Frau, das Verwaisen und Vergreisen seiner Gemeinde Nadong. Trotz allem ist Fang der freundliche, leise Mann geblieben, den hier jeder kennt.

Nadong, Provinz Hunan, Südchina: ein Dorf von 1000 Seelen, idyllisch wie aus einem Bildband. Ein paar Holzhäuser mit geschwungenen Dächern zwischen grün bewucherten Bergen und Terrassenfeldern. Eine Bushaltestelle, ein Krämerladen, ein paar runzelige Bauern, die mit gebeugtem Rücken in den Reisfeldern stehen – und drei Jungen, die johlend auf einem Motorrad vorbeiknattern.

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Nadong ist ein Dorf der alten Leute. Die Hälfte der Einwohner ist älter als 50, jeder vierte sogar über 60. Fragt man Fang, ob Nadong die Zukunft des Landes sei, streckt er den Kopf vor wie eine Schildkröte, blinzelt ungläubig und fragt: »Waaaaas?« Nadong die Zukunft? Was für eine verrückte Frage!

Fang hat einen Sohn, aber der ist längst über alle Berge und sucht sein Glück an einem anderen Ort. Immerhin kam der Sohn einmal zurück, um dem Vater einen Fliesenpalast zu bauen. Grün wie ein umgestülptes Schwimmbad steht er zwischen den traditionellen Holzhäusern des Dorfes. Viel zu groß für einen einzigen Mann. An den Türen klebt nach acht Jahren noch immer die Plastikfolie. Ins Wohnzimmer hat der Sohn dem Vater einen gewaltigen Fernseher gestellt, flankiert von säulengroßen Boxen. Weil Fang noch immer lebt wie auf einem Bauernhof, hat er seine Kohlen hinter den Fliesenpalast geschippt.

Manchmal wacht Fang nachts auf und glaubt, ein helles Lachen zu hören, ein Kind, das die Treppe hinunterhüpft, aber dann merkt er: alles nur ein Traum, der Nachhall einer Erinnerung. Seit 20 Jahren ist er Witwer und allein. Seit zwei Jahren ist auch sein Enkel weg, der acht Jahre lang bei ihm lebte. Es gibt keine weiterführende Schule in Nadong, und die Grundschule wird bald geschlossen, weil es zu wenige Kinder gibt.

»Die Stille macht mir zu schaffen«, sagt Fang.

Es gibt viele Nadongs in China – Dörfer, die nicht ganz arm sind, aber auch nicht reich, in denen kaum jemand ein Auto besitzt, aber fast jeder ein Handy, in denen es vorne eine Teerstraße gibt, die weiter hinten zur Holperstrecke wird. Die allermeisten dieser Nadongs sind überaltert. Irgendwann haben sich die wenigen Jungen verabschiedet, weil sie anderswo mehr verdienen konnten. Der Handel, auf den die Alten in den Dörfern sich einließen, lautete: ein wenig Wohlstand gegen Überalterung und Vereinsamung. Das ist ein Handel, der auch im ganzen Land funktionieren soll. So jedenfalls hatte es sich die chinesische Regierung gedacht, als sie vor mehr als 30 Jahren ein weltweit einmaliges Experiment startete: die Ein-Kind-Politik – der zufolge Mann und Frau nur noch einen Nachkommen zeugen dürfen. »Wirtschaftswachstum durch weniger Kinder« lautete die Versuchsanordnung.Für Demografie-Experten ist China ein Labor

Leserkommentare
  1. ... keine Red davon!
    Leicht variiert nach Volksmund und B. Brecht.

  2. Hochinteressant und bewegend.

  3. Man sollte aus den chinesischen Erfahrungen lernen. Ich selbst würde weltweit eine 2.0-Kind-Politik befürworten, und zwar verteilt nach Ethnien und Einwohnerzahl. Denn ohne Frage wird Bevölkerungspolitik (ebenso in China) nicht erst seit gestern auch als Waffe eingesetzt.

    Eine 1-Kind-Politik betrachte ich jedoch aus vielen gesellschaftlichen Gründen als regelrecht grausam. Bei einer 2-Kind-Politik würden sich viele der Probleme deutlichst minimieren. Die absolute Bevölkerung würde bei vorläufig steigender Lebenserwartung zwar erst mittelfristig sinken, daß ist es jedoch mehr als wert.

    Verteilt man die Geburten nach Ethnien, erhöht sich auch die Wahlfreiheit der Einzelnen. Familien mit drei Kindern gleichen Einzelkinder aus. Die Gesamtzufriedenheit steigt deutlich.

    Kontrolliert und auch sanktioniert werden sollte die Bevölkerungszahl international. Schon Handelsbeschränkungen könnten hier Wunder wirken. Ebenso sollte dieses Ziel natürlich auch positiv Grundlage der Familienpolitik sein.

    Schlußendlich geht es darum den Planeten lebenswert zu erhalten. Langfristig sind hierzu weder Planlosigkeit, bewußt herbeigeführte Überbevölkerung noch 1-Kind-Politik geeignet. Gewünschte Familienplanung der einzelnen Familien sollten aber ebenso wie die berechtigten Interessen der Menschen insgesamt auf ein lebenswertes Umfeld größtmögliche Berücksichtigung finden. Bei einer 2.0 wären zudem Korrekturen mittelfristig relativ unkompliziert (Steigerung z.Bsp. ab ~2.3).

  4. das zweitälteste Volk der Erde mit der dramatischsten demografischen Entwicklung kommt publizistisch immer wieder mit der gleichen Leier: "China altert bevor es reich wird." Je nach Schaetzung wird 2050 jeder zweite oder jeder dritte Deutsche über 65 sein. In China nur jeder vierte Chinese. Im Vergleich zu Deutschland ist China demografisch kerngesund. Jeder vierte ist durchaus machbar, jeder dritte??? Kaum.

  5. Chinas Bevölkerungszahl wird bis zum Jahr 2050 schätzungsweise noch auf 1,4 bis 1,5 Milliarden Menschen ansteigen und erst dann ein Maximum erreichen. Aus der Altersstruktur der
    Bevölkerung resultiert eine Zunahme des Arbeitskräftepotenzials von bis zu 250 Millionen
    Menschen bis zum Jahr 2030. Arbeitsplätze für dieses riesige Heer von Erwerbspersonen zu
    schaffen, wird die entscheidende Herausforderung der chinesischen Wirtschaftspolitik sein.

    http://www.berlin-institut.org/fileadmin/user_upload/handbuch_texte/pdf_...

  6. Wir hätten heute viel mehr Menschen die Hunger leiden würden auf der Welt, wir kämen mit der Nahrungsmittelproduktion nicht nach.

    In China würde das Wirtschaftswachstum vollkommen vom Bevölkerungswachstum "aufgefressen" also es würde kein Wirtschaftswachstum pro Kopf geben. Investitionen würden allein dahin fließen den Versorgungs-Status Quo für eine Wachsende Bevölkerung sicherzustellen.

    Die ganze Welt sollte China dankbar sein, das Sie das auf sich genommen haben. Natürlich wird irgendwann der Zeitpunkt gekommen sein die 1 Kind Politik zu beenden.

    PS: Kein Mädchen muss abgetrieben werden. Wer ein Mädchen bekommt darf ein weiteres Kind bekommen. Es ist eigendlich eine Ein-Sohn Politik.

    Natürlich ist es ein unglaublicher Eingriff in die Freiheit. Aber ob die Alternative nicht Grausamer ist, ist eine legitime Frage. Indien ist sicher keine Alternative.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
    • mgalvez
    • 18. November 2012 10:05 Uhr

    Wenn ich mich recht erinnere, gilt diese Ausnahmeregelung nur auf den Land. Ansonsten, ein Schuss-ein Treffer.

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  • Schlagworte China | Kommunistische Partei | Kinder | Rentenpolitik
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