Schon 2013, sagen Demografen, werde der Anteil der arbeitsfähigen Menschen an der chinesischen Gesamtbevölkerung sinken. Bald werden in den Fabriken die ersten jungen, kräftigen und billigen Arbeiter fehlen, der Mangel an menschlichem Nachschub wird die Löhne – und damit die ohnehin steigenden Produktionskosten – nach oben treiben. Die Zeit, in der die Werkstatt China billig für die Welt produzierte, wird dann vorbei sein. In der Mitte dieses Jahrhunderts wird China statt wie jetzt 19 nur noch 16 Prozent der Weltbevölkerung stellen, Indien 18 und Afrika 22 Prozent.

Millionen Mädchen werden abgetrieben – wenn nur ein Kind, dann ein Sohn

Die Zukunft, predigt die Regierung, liege in Innovation und Hightech, dafür aber müssten die jungen Arbeiter und Angestellten besser ausgebildet sein. Für die Kinder der Bauern und Wanderarbeiter, also die Mehrheit der chinesischen Bevölkerung, ist es jedoch sehr viel schwieriger, an eine Universität zu gelangen, als für Stadtkinder. Im Erziehungsministerium will man das ändern. Doch gegen den Vorschlag, Wanderarbeiterkinder in den Städten die Universitätsaufnahmeprüfung absolvieren zu lassen, laufen Eltern in Peking und Shanghai Sturm.

Der Westen sieht China als ökonomische Supermacht von morgen – im Glauben, die Wachstumsraten der vergangenen Jahre würden sich ungebrochen in die Zukunft verlängern. Fast 70 Prozent der Chinesen sind momentan im erwerbsfähigen Alter, also zwischen 15 und 59 Jahre alt. In Japan liegt dieser Wert bei 56, in Indien bei 61, in Brasilien und Deutschland (wo allerdings auch die 60- bis 65-Jährigen mitgezählt werden) bei 66 Prozent. Doch Chinas demografischer Bonus wird bald aufgebraucht sein. Neue Fabriken, neue Flughäfen, neue Bürohäuser lassen sich aus dem Boden stampfen. Aber wie schnell kann man das Altern lernen? Und wie rabiat ändert sich eine Gesellschaft, die dazu noch immer maskuliner wird?

Viele chinesische Paare haben einen sehr radikalen privaten Weg gewählt, um die Ein-Kind-Vorgabe der Regierung zu erfüllen: Sie wollen nur einen Sohn. Der patriarchalen Tradition nach gehören Frauen der Familie des Ehemanns, einem alten chinesischen Sprichwort zufolge sind sie "wie Wasser, das man wegschüttet". Das Geschlecht eines Ungeborenen per Ultraschall zu bestimmen ist in China illegal – und trotzdem weit verbreitet. Millionen weiblicher Föten wurden in den vergangenen Jahrzehnten abgetrieben.

Deshalb fehlen dem Land jetzt Frauen. Politiker und Unternehmer müssen nicht nur herausfinden, wie sich mit weniger Menschen ein Sozialsystem stabilisieren lässt, wie weniger Arbeiter mehr Autos oder Kühlschränke bauen können – das Land insgesamt muss lernen, mit einer großen Zahl junger Männer ohne Aussicht auf verlässliche soziale Bindung umzugehen. Im Jahr 2010 kamen in China auf 100 neugeborene Mädchen 118 Jungen. Im Jahr 2020 werden deshalb voraussichtlich 24 Millionen Männer allein bleiben. Das sind 15 bis 20 Prozent der Männer im heiratsfähigen Alter. Bereits heute greift der Frauenraub um sich. Auf Jobmessen rekrutieren Mafiosi junge Wanderarbeiterinnen, denen sie Versprechungen machen, die sie dann aber entführen und an Junggesellen verkaufen.

Wo Peking langsam ausfranst und staubig wird, wohnen die Wanderarbeiter, es ist eine Welt der Sonderangebote und der Friseursalons, in deren Hinterzimmern "Spezialdienstleistungen" angeboten werden. Hier lebt Wang Yonggan, 35, ein hochgewachsener Halbmongole. Wang ist Schneider, er achtet sehr auf sein Äußeres, erst auf den zweiten Blick erkennt man, dass der Kragen seines weißen Hemdes eingerissen ist. Wang schiebt sein Elektromofa über die Straßen, den Rücksitz zieren zwei Mauseohren, als führe er damit täglich ein Kind zur Schule. Wang aber hat kein Kind. Auch keine Frau. Er biegt in ein Labyrinth aus niedrigen Ziegelhäusern ein und fährt vorbei an einem Müllberg, dahinter steht das Containerhaus, das er sich mit 50 anderen Parteien teilt. Wang lebt und arbeitet in einem 16 Quadratmeter großen Zimmer, es gibt keine Fenster, nur Neonlicht. Auf dem Bett stapeln sich Stoffballen. Wang näht Modelluniformen, die er als Vorlagen an Fabriken weiterreicht. "Das Geschäft ist gerade miserabel", sagt er, "die Wirtschaft läuft nicht mehr so gut wie früher."

Wang hätte gern eine Familie. "Sonst habe ich doch mein Leben verwirkt", sagt er. Seit Langem sucht er eine Frau. Einmal hatte er eine Freundin, sie kam aus einem Vorort von Peking, doch als er sie heiraten wollte, erhob die Familie des Mädchens Einspruch. "Ihr gefiel nicht, dass ich von außerhalb komme", sagt Wang.

Das chinesische Meldesystem teilt die Gesellschaft in ein Innen und Außen, in ein Oben und Unten. Städter sind oben. Wer wie Wang vom Dorf kommt, ist unten. Ihm stehen viele Privilegien der Pekinger Bürger nicht zu. Er hat keine Sozialversicherung. Er würde keine gute Ausbildung für seine Kinder bekommen. Und auch ein Haus darf jemand wie Wang in Peking nicht kaufen. "Eine Pekinger Frau", sagt Wang, "würde sich nie für mich interessieren."

Nach einer Umfrage ist für 70 Prozent der chinesischen Frauen "Geschäftsgrundlage" für eine Ehe, dass ihr Partner ein Haus oder eine Wohnung besitzt. Für 80 Prozent kommt nur ein Partner infrage, der mehr als 4000 Yuan im Monat verdient, umgerechnet knapp 500 Euro. Wang verdient viel weniger. 57 Prozent aller Frauen sagen: "Hart arbeiten ist nicht so wichtig wie gut heiraten." Viele Frauen heiraten lieber gar keinen Mann als einen, der zu wenig Geld und Status hat. Das bedeutet paradoxerweise: In einem Land mit gewaltigem Männerüberschuss finden auch viele Frauen keinen Partner. Vor allem die gebildeten bleiben allein.

Schon sorgt sich die Regierung, dass eines Tages Heere unbehauster Männer die Straßen füllen könnten, dass es zu wütenden Protesten, Kriminalität und Vergewaltigungen kommt. Es gibt aber auch die Theorie, wonach alternde Gesellschaften friedlicher sind als junge, weil mit dem Alter die Gelassenheit Einzug hält – und weil es am Nachwuchs für Armeen fehlt.

Sicher ist, dass die Ein-Kind-Politik einsam macht. Da sind die Alten, die niemand pflegen wird. Die Einzelkinder, denen die Geschwister fehlen. Die Männer, die keine Frauen finden. Und die Frauen, denen die Männer nicht genügen. Dabei braucht gerade ein alterndes Land, das nicht wirklich reich ist, nichts so sehr wie Zusammenhalt – der Staat kann Anteilnahme weder finanzieren noch organisieren. Die neue chinesische Regierung steht deshalb unter Druck, die Ein-Kind-Politik abzuschaffen. Immer mehr gebildete, selbstbewusste Bürger haben genug davon, dass der Staat ihnen ins Intimste hineinredet. Dieses Thema ist für sie eine Menschenrechtsfrage ebenso wie Chinas Umgang mit politischer Meinungsfreiheit.

Li Meina, 36, ist eine sanfte, elegante Frau, ihr Name ist zu ihrer Sicherheit geändert. Sie weint und schimpft nicht, als sie erzählt, was ihr widerfahren ist, sie will gefasst und sachlich wirken. Und doch wird ihre Stimme manchmal brüchig. Es ist zwei Wochen her, dass ein Arzt das Kind aus ihrem Körper holte. Ihr zweites, das sie sich so sehr gewünscht hatte. Li sagt, sie sei so glücklich gewesen an dem Tag, an dem sich der Streifen auf dem Schwangerschaftstest rosa färbte.

An jenem Abend kam ihr Mann nach Hause und schüttelte den Kopf. Er arbeitet in einem staatlichen Unternehmen in Peking. Noch ein Kind? Auf keinen Fall! Seine Karriere wäre in Gefahr.

Gerne hätte Li ihrer dreijährigen Tochter das seltenste Geschenk überhaupt gemacht: ein Geschwisterkind. "Aber die Kleinen müssen in einer Erwachsenenwelt leben." Die Ein-Kind-Politik sei widernatürlich, doch vielen Menschen erscheine sie immer noch normal, sogar ihrem eigenen Mann. "Aber normal", sagt Li, "wäre es doch, wenn ich dieses Kind bekommen hätte."