DIE ZEIT: Herr Burda, in Ihren Erinnerungen an die Bunte-Zeit tauchen viele große Namen auf, von Andy Warhol bis Mark Zuckerberg. Bei Giovanni Agnelli, dem ehemaligen Fiat-Patriarchen, geht Ihnen fast das Herz über. Sie schreiben geradezu anrührend, wie gern Sie mit ihm zu Abend gegessen haben.

Hubert Burda: Gianni Agnelli war der Eleganteste, der Cortegiano. Er schien wie aus der Zeit gefallen. Für mich symbolisierte er das 15. Jahrhundert. Florenz! Botticelli, die Medici. Gianni war wie eine historische Figur, die sich gerne als Marke inszenierte, die den großen Auftritt genoss. Natürlich fand ich das faszinierend und habe oft seine Nähe gesucht. Andererseits hat Gianni viel zu viel Zeit mit diesen Partys verloren. Er war manchmal, so schien es mir, zu wenig an seinem Firmensitz in Turin.

ZEIT: Sie haben in Kunstgeschichte promoviert, in Schwabing gewohnt – und sich nicht hängen lassen: Auf Geheiß Ihres Vaters mussten Sie ein neues Leben im Burda-Büroturm in Offenburg beginnen und sich fortan mit People-Geschichten befassen. Haben Sie Ihrem Vater verziehen?

Burda: Das war nicht einfach. Als ich 1974 nach Offenburg ging, haben sich viele Gefährten aus der intellektuellen Szene von mir verabschiedet. Michael Krüger zum Beispiel, der Hanser-Verleger, der heute zu meinen besten Freunden gehört, meinte damals: »Ja, um Gottes willen, was macht der da?« Für ihn war die Bunte so etwas wie Frau im Spiegel.

ZEIT: Sie haben gelitten?

Burda: Das wäre übertrieben. Ich hatte immer die Eigenschaft, das, was zu tun war, mit hundertprozentigem Einsatz zu machen. Daran ist auch meine erste Ehe gescheitert. Meine erste Frau Christa war in einer ganz anderen Entourage; Filmemacher, Künstler. Sie sagte, wenn du zurückgehst in das väterliche Unternehmen, dann trenne ich mich. Ich habe es trotzdem getan und mich an einem Song von Simon & Garfunkel getröstet: I am a rock, I have my books and my poetry to protect me. Für mich war dieses Lied wie eine Hymne, eine Aufforderung zum Durchhalten; I am a rock.

ZEIT: Sie erwähnen in Ihrem Buch die Begegnungen mit dem jungen Andy Warhol – auch er ein Rettungsanker in Ihrem Leben?

Burda: In New York besuchte ich seine Factory, ich fand sie faszinierend. Warhol erklärte die Dinge der Populärkunst zu Kunstwerken, revolutionär. Der Gegensatz von Illustriertenwelt und Kunstwelt war mit einem Mal aufgehoben, die Illustriertenfotos, mit denen ich mich beschäftigte, waren plötzlich geadelt.

ZEIT: Den Clash zwischen »High« und »Low«, zwischen Hochkultur und Populärkultur, zwischen Handke und Heino beschreiben Sie als »das Thema meines Lebens«.

Burda: Ja! Das »Low«, das Illustriertenfoto, wird zum »High«, kommt direkt ins Museum, eine unfassbare Entwicklung, Warhol hat mich beflügelt, mir den Mut gegeben, nicht eines aufzugeben, das »Low« oder das »High«.

ZEIT: Ihr Buch trägt den Untertitel Ein People-Magazin in Zeiten des Umbruchs – was steht am Ende der Entwicklung? Der Verlust an Ernsthaftigkeit?

Burda: Die Bunte war immer Teil der entertainment economy. Der Begriff ist natürlich ein bisschen ideologisch. Die Unterhaltung ist einer der größten Wirtschaftszweige dieser Nation. Nehmen Sie Fußball, das spannendste Unterhaltungsprogramm, das es gibt, Fernsehen at its best. Die Printmedien verändern sich deshalb. Vor ein paar Wochen brachte der stern eine Reportage über die Spielerfrau Sylvie van der Vaart, das Heft widmete der Fernsehmoderatorin gleich mehrere Seiten – der einst so politische stern. Die Leute wollen diese Art von Geschichten, das hat Zukunft. Für das Ernsthafte halten sich andere für zuständig, ZEIT, Spiegel oder Focus.

ZEIT: »Zeiten des Umbruchs« – auf welche publizistischen Veränderungen muss sich ein Verleger heute einstellen?

Burda: Man muss zur Kenntnis nehmen, dass sich der gesamte Handel verändert hat. Mich packt manchmal die Wut, dass sich auch die besten Verleger bislang kaum um das E-Book gekümmert haben. Kaum jemand will anerkennen, welche Genialität in Jeff Bezos und Amazon steckt. Offenbar verschließt man die Augen davor, dass Amazon das größte Handelshaus der Welt geworden ist.