Wochenmarkt: Jetzt werden die Äpfel gepflückt
Einen Brei aus Kartoffeln und Äpfeln Himmel und Erde zu nennen – das klingt wie die Idee von hoch motivierten Branding-Experten eines internationalen Lebensmittelkonzerns. Erde steht für Kartoffeln, denn sie wachsen im Boden, und Himmel steht für Äpfel, denn sie wachsen schließlich am Baum. Leuchtet jedem sofort ein.
Tatsächlich ist Himmel und Erde ein Hunderte Jahre altes rheinländisches Rezept, das jetzt von reisemüden Großstädtern wiederentdeckt wird. Sie treffen sich zum Beispiel in Hamburg beim Stylisten Christoph Himmel (er heißt wirklich Himmel), der alle paar Wochen zur »Speisegesellschaft« in sein Studio einlädt und für die Leute kocht, die sich vorher auf seiner Internetseite angemeldet haben. Es gibt auch Labskaus, ein weiteres Breigericht der deutschen Küche. Unser Kollege Wolfram Siebeck würde wohl »Plumpsküche« dazu sagen. Der Brei war lange ein Essen für arme Leute – die sich nämlich keinen Backofen fürs Brot leisten konnten. Heute bestellen schon Kinder ihr Sushi auf Japanisch. Warum also nicht den Brei wiederentdecken? Zumal Äpfel und Kartoffeln zusammen prima schmecken, vor allem wenn es eine gebratene Blutwurst dazu gibt.
Man schält zunächst die Kartoffeln – die »Speisegesellschaft« schlägt die mehligkochende Sorte Ackersegen vor – und kocht sie gar. Für die Zubereitung des Apfelmuses eignen sich die großen, sauren Boskoop-Äpfel. Sie werden geschält, entkernt und in kleine Stücke geschnitten. In einem Topf erhitzt man den Apfelsaft, dessen Qualität so sein sollte, dass man ihn auch gern trinken würde. In dem Saft werden die Äpfel weich, aber nicht zu weich gekocht.
Die Kartoffeln zerstampft man, wenn sie gar sind, zusammen mit der Butter und der Milch zu einem groben Brei. Jetzt werden die Apfelstücke hinzugefügt, und das Ganze wird durchgemischt. Mit Salz und Pfeffer schmeckt man am Schluss ab. Es wäre jetzt der Moment gekommen, die zuvor leicht mit Mehl bestäubten Blutwurstscheiben in einer Pfanne anzubraten.
Himmel und Erde
1 kg Kartoffeln (mehligkochend)
1 kg Äpfel
1 Glas Apfelsaft
½ Liter warme Milch
125 g Butter
Salz und Pfeffer









... d.h. schon fast Mitte November, die Äpfel gepflückt werden, nennt man das wohl "Spätlese", oder? Die Großstadtkinder haben wirklich kaum noch ein Verhältnis zu natürlichen Zeitabläufen, hat es den Eindruck.
Im Rheinland kocht kein Mensch die Äpfel in Apfelsaft. So ein Nonsens. Himmel und Ääd met Blootwoosch jeht äsu:
"Himmel un Äd met Blootwoosch för 4 Lück
Zutaten:
1 kg Ädäppel, die mählich koche
5-6 soore Äppel
2 decke Öllich
1 Eßl. Zucker
1 Eßl. Zitronesaff
jet Botter
200 ccm Milch
1 Pund jewöhnlije Blootwoosch
Zubereitung:
Ädäppel schelle un en Salzwasser jar koche. Die Äppel schelle, dä Kitsch erus schnigge un veedele. Donoh met Zucker un Zitronesaff en ne Kochpott jevve. Wann se jet Saff jetrocke han zo Kompott koche. Vun dä Blootwoosch de Huck aftrecke, se dann op Schieve schnigge un en Mähl driehe. Dä Öllich op Ringe schnigge un en Botter anbrode. Derwiel die Ädäppel paasche un met dä heiße Milch ungerenander menge un met Salz un Beschot afschmecke. Dann dä Appelkompott dodrunger mölche. Jitz die Blootwoosch en jet Botter kross anbrode.
Himmel un Äd en en Kump jevve, die Blootwoosch drüvver zorteere un zeletz dä Öllich drop."
Von www.karneval.de
... ist "Himmel und Erde" kein rheinisches Gericht. Die rheinische Beilage heißt "Himmel un Ä(ä)d".
und soll wohl nebst Kartffelsortenempfehlung die "Plumpsküche" Ihres (nicht unseres) Kollegen vermeiden.
...ist es doch, dass es auch in diesem Falle soviele Menschen gibt, die es besser wissen...
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