Wolfgang Herrndorf"Also nichts Gutes"

Über sein Leben mit Hirntumor schreibt Wolfgang Herrndorf in einem bewegenden Online-Tagebuch. Wir drucken Auszüge daraus von Wolfgang Herrndorf

Rückblende: Das Krankenhaus ... Abends das Erwachen auf der Intensivstation: Freunde, hieß es, warteten draußen, aber da erinnere ich mich an wenig. Ich erinnere mich, daß ich allein auf dem Rücken im Zimmer liege, und ein junger Arzt kommt durch, der bei der OP assistiert hat. Er berichtet, daß alles wie geplant verlaufen sei, verschwindet sofort wieder, und ich denke, wenn die vorläufige Histologie was Gutes ergeben hätte, hätte er’s gesagt. Also nichts Gutes. Ich mache mit Händen und Füßen unaufhörlich die neurologischen Übungen, die ich zur Genüge kenne, um zu testen, was von meinem Hirn noch übrig ist. Nur die linke Hand ist etwas unbeholfen. Ich entdecke eine taube Stelle auf der Stirn, aber sonst keine weiteren körperlichen Ausfälle. Allein das Denken scheint mir stark verlangsamt, und ich bin nicht sicher und kann es mit meinem verlangsamten Denken auch nicht untersuchen, ob es an der Narkose liegt oder an mir...

Rückblende: Eine Nacht ... Die von Herrn Genista gefundene Gaußsche Glockenkurve der UCLA rettet in den ersten Nächten mein Leben. Sie brennt sich in mein Hirn. Es ist absolut unwahrscheinlich, weit über den Median auszureißen, aber das Diagramm mit seinen grauen Flächen und Prozentzahlen gibt mir etwas von der Ungewißheit zurück, die man braucht, um zu leben. Es kann in drei Wochen vorbei sein oder in 6065 Tagen. Ich muß Passig anrufen, damit sie mir die im Ausdruck nicht erkennbaren Zahlen auf den Medianen vorliest: 953 Tage für die Altersklasse 20–35, 698 Tage für meine Altersklasse. Ich bin 45. – Ich fange an, mich vorsichtshalber auf drei Monate runterzurechnen. Könnte man leben, wenn man nur noch drei Monate hat? Nur noch einen Monat? Ich werde noch ein Buch schreiben, sage ich mir, egal wie lange ich noch habe, wenn ich noch einen Monat habe, schreibe ich eben jeden Tag ein Kapitel. Wenn ich drei Monate habe, wird es ordentlich durchgearbeitet, ein Jahr ist purer Luxus....

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2010

11.5. 00:55 Erste milde Hypochondrie. Dieses Ziehen am Kopf, der komische Druck auf den Ohren, und immer der Gedanke: Jetzt geht’s schon los. Gleichzeitig auf der Mailingliste Diskussion über Fälle, die es trotz guten MRT-Befundes nach drei, vier Monaten zerlegt.

Ich bin trotzdem ruhig, aber ich fühle mich, als wäre ich schon nicht mehr hier, schon auf der anderen Seite. Das ist nicht schön, aber ist auch nicht mehr wichtig. Spazieren gegangen an den Hackeschen Höfen vorbei, in ein Café gesetzt und an den Ausdrucken gearbeitet. Am Nebentisch ein Mann, der einer nicht deutschsprachigen Frau von einem Land erzählt, wo die Leute wahnsinnig oberflächlich sind.

Einen Ordner UNBESEHEN LÖSCHEN auf meinem Desktop eingerichtet und Freunde gebeten, gemeinsam dieser Aufforderung nachzukommen. Ich möchte, daß es am Ende mehrere sind und nicht ein einzelner, der aus Neugier oder anderen persönlichen Gefühlen auf die Idee kommt, meine Entscheidung in Frage zu stellen. Außerdem alle Festplatten und Speichermedien zerhacken, bitte. Priester sind mit Waffengewalt von mir fernzuhalten. – Und wo wir schon dabei sind: Ich hoffe, es kommt keiner auf die Idee, eine Annonce aufzugeben oder einen Kranz zu kaufen. Besauft euch im Prassnik. Meine Vorstellung einer geglückten Party war immer: Beckett/ Murphy, Kapitel 12. Wenn es jemand schafft, so ein Papiersäckchen aufzutreiben, würde mich das ohne Ende erheitern. Und um das restliche Pathos gleich noch mit wegzuerledigen: Ich wünsche euch, wenn eure Stunde kommt, daß ihr Freunde habt, wie ihr es seid. Thema Ende.

20.9. 13:28 Angesichts der Tatsache, daß morgen mit geringer (Ansicht des Arztes) bis mittlerer (Statistik, meine Ansicht) Wahrscheinlichkeit mein Todesurteil aus dem Faxgerät kommt, bin ich ganz gelassen. Schlafe ohne Probleme und ohne Hilfsmittel. Vielleicht mache ich mir unzulässige Hoffnungen. Oder ich bin wirklich über diesen Quatsch mit dem Sterben hinweg.

2011

7.9. 15:57 Nächster Anfall. Immer zur gleichen Zeit. Deutliche Vorboten, ich schaffe es, das Telefonat mit meiner Mutter rasch und höflich zu beenden, bevor das 16-Tonnen-Gewicht auf mein Sprachzentrum fällt.

12.10. 14:44Tschick jetzt Schullektüre auf Costa Rica, Bilder einer blauuniformierten Klasse, die unter Palmen sitzt und liegt und liest. In Baden-Württemberg dagegen läuft der Buchverkauf so schleppend, daß jugendliche Straftäter zur Lektüre verurteilt werden müssen: Buch kaufen, lesen, fünfseitige handschriftliche Inhaltsangabe, und falls das nicht klappt, »kann ich bis zu vier Wochen Ungehorsamsarrest verhängen«. Richter Hamann, Amtsgericht Reutlingen. ...

2012

27.1. 14:14 Nacheinander drei Teile vom Backenzahn ausgespuckt. Ja, mach dich vom Acker, Körper, hau ab, nimm mit, was du tragen kannst.

Blog

Die Texte sind dem Blog Arbeit und Struktur entnommen.

26.5. 23:12 Im Spätkauf kaufe ich Schokolade, Haribo und den Spiegel, hebe am Leopoldplatz Geld ab und fahre mit dem Rad zwei Stunden die Straßen um meine Wohnung herum ab, ohne nach Hause zu finden. Kein Nordufer, kein Kanal. Die Amrumer Straße kommt mir bekannt vor, Häuser und Perspektive allerdings ganz falsch, also Richtung vermutlich falsch. 180-Grad-Wendung. Jetzt heißt die Amrumer Straße Afrikanische Straße, und der Leopoldplatz ist verschwunden. Kleine und immer kleinere Straßen, von denen die eine Hälfte nach belgischen Orten heißt, die andere nach afrikanischen Staaten. Turin und Kiautschou fallen raus. Samoastraße. War das nicht mal deutsche Kolonie? Für Hirnorganiker nur suboptimal, einem realen Gassenlabyrinth und straßenplanerischen Komplettdesaster eine falsche Weltkarte unterlegt zu finden. Genter Straße, Utrechter Straße, Limburger Straße. Brüssel, Antwerpen, Uganda, Sambesi. Sansibar, ein Anzug für einen Hosenknopf.

Beim Schreiben der Finsternisszenen in Sand war der Orientierungsverlust sehr hilfreich. Vor zwei Jahren noch hätte ich mir nicht vorstellen können, wie blöd ein Mensch sich im Dunkeln anstellen kann. An fast jeder Bushaltestelle halte ich, um zu schauen, ob der fett gelb umrandete Standortkreis auf der Karte der Stelle, an der ich das Nordufer vermute, langsam entgegenwandert. Tut er nicht. ...

14.7. 9:43 Man kann nicht leben ohne Hoffnung, schrieb ich hier vor einiger Zeit, ich habe mich geirrt. Es macht nur nicht so viel Spaß. Hauptsächlich in den Knochen steckengeblieben das Erlebnis, nicht mehr tippen zu können. Sprachsoftware fürs nächste Mal bestellt. ...

29.10. 15:35 Meine Gedanken werden zunehmend laut in mir, in allen Geräuschen schwimmen Silben und Sätze. Der gleichmäßige Atem C.s schwillt an wie Meeresbrandung und treibt mich auf, zwischen sich selbst sagenden Sätzen und Sprachverlust, zwischen innerer Stimme und Epilepsie ist kaum noch ein Unterschied.

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Leserkommentare
  1. Der Name Wolfgang Herrndorf ist mir Jahre lang immer wieder über den Weg gelaufen, ohne dass ich dazu gekommen bin, wirklich mal etwas von ihm zu lesen. Erst jetzt hat mich dieser Artikel auf sein Blog aufmerksam gemacht.

    <em>„Man kann nicht leben ohne Hoffnung, schrieb ich hier vor einiger Zeit, ich habe mich geirrt. Es macht nur nicht so viel Spaß.“</em>

    Traurig und schön zugleich.

    Gute Worte findet Herrndorf auch zu einem ganz anderen Thema:

    <em>27.7. 10:49
    Das Unangenehme an dieser ganzen Beschneidungsdebatte schon wieder, daß es genau wie beim Frauenwahlrecht, dem Schwulenparagraphen, dem Rauchverbot, der Sterbehilfe oder der Einführung der fünfstelligen Postleitzahlen eine von Anfang an klar erkennbare Position der Vernunft gibt, die sich am Ende auch durchsetzt. Was von der Querulantenfraktion Monate, Jahre oder Jahrzehnte verzögert, aber niemals verhindert werden kann. Es ist ermüdend.</em>
    http://www.wolfgang-herrndorf.de/2012/08/dreissig/

    Eine Leserempfehlung
  2. Hallo Ihr Lieben,

    dies wurde mir gestern von einer Frau, die soeben Ihren Wohnsitz verlohren hat und Obdachlose geworden ist mitgeteilt. Offenbar war es für mich nicht wirklich möglich, diese Dame für mein Lebensberatungskonzept auf 3 Säulen zu begeistern. Sie weist es von sich, sieht keine wirkliche Lösung darin, und findet sonst auch eigentlich alles mögliche negative im Leben, um ihre Situation als auswegslos abzustempeln.

    Auswegslos schien auch das Leben des Schriftstellers Wolfgang Herrndorf, der mit seinem Werk eigentlich Hoffnung machte, aber an Tumoren im Gehirn litt, und ...ja wahrscheinlich die Qualen des Krebstodes im letzten Stadium nicht mehr erleben wollte.

    Gut ist, Jugendliche werden zur Lektüre verdonner. Nicht so gut ist, der delinquente Leser wird wohl keinen Sinn darin sehen. Kein Richter kann ihm seine eigenen Einsichten aufdrängt!! (Oder, Herr Richter Hamann?)

    Die Ursachen von Problematiken wie Suicid und Obdachlosigkeit werden immer noch zu sehr ignoriert. Unsere Gesellschaft hat Angst vor solchen Dingen. Und doch sollte für ALLE Menschen Raum sein, zu Leben...trotz Krankheiten und Alter... mit Würde.. warum denn sonst am Leben festhalten?

    Das ganze Geld, das dem Autor zugeflossen ist, hilft ihm jetzt nichts mehr.
    Dieser Dame würde mit nur einem drittel davon gut geholfen sein.

    Nur meine Gedanken hierzu.

    Lydia Proschinger
    Human Potenzial Entwicklerin mit Herz
    http://LydiaProschinger.com

  3. Auf seinem Blog schreibt er:
    "17.8. 2012 17:29

    Antrag auf Avastin von der Krankenkasse zum zweiten Mal abgelehnt."

    Ist es zu spät, darüber zu reden? Oder ist es den Krankenkassen egal?

  4. 4. [...]

    Entfernt. Bitte bleiben Sie sachlich. Danke, die Redaktion/ff

  5. Ach und Frau Poschinger - Sie müssen die Irre sein, von der er sprach.

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  • Schlagworte Antwerpen | Epilepsie | Haribo | Wolfgang Herrndorf | Costa Rica | Sansibar
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