EuropaBon courage!

Unser wichtigster Nachbar könnte Europas schlimmster Patient werden – schuld ist ein unglaublicher Reformstau.

Vom neuen Griechenland zu sprechen wäre übertrieben, aber: Frankreich rutscht in die Rezession, die Arbeitslosigkeit frisst sich fort, das Land ist ein Verlierer der Globalisierung. Es drohen verhängnisvolle Szenarien: Verlust der Kreditwürdigkeit, soziale Unruhen, politische Handlungsunfähigkeit. Weshalb Berlin mit Bangen auf Paris blickt und fragt: Was treibt Präsident François Hollande da bloß, mit seiner Parlamentsmehrheit und am Anfang einer immerhin fünf Jahre währenden Regierungsperiode?

Der Zustand Frankreichs ist bedrückend angesichts seines Potenzials: Verbindungen in alle Welt, eine reiche Kultur, eine Weltsprache, eine moderne Wissenstradition seit Descartes und nicht zuletzt die Lebenskunst seiner Bürger, sogar Kinder kriegt man gern. Was hindert Frankreich bloß, aus alldem mehr zu machen?

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Zu den wenigen Wörtern der französischen Sprache, die mit einem Großbuchstaben beginnen, zählen »Gott« und – »Staat«. Seit Kardinal Richelieus großer Zentralisierung denkt sich Frankreich staatlich. Und so sieht das Land auch aus. Öffentlicher Dienst und Staatswirtschaft beschäftigen jeden vierten Gehaltsempfänger. Diese Glücklichen genießen Sonderrechte; so sind zum Beispiel Urlaubsansprüche von vier Monaten nicht selten. Die Staatsquote liegt bei 57 Prozent, Frankreichs Ämter leiden an Übergewicht und Ineffizienz.

Allein sechs Mitglieder der 39 Minister starken Regierung streiten miteinander um Zuständigkeiten für Wirtschafts- und Finanzpolitik. Außerdem zanken sie sich um Personal, Büros und Parkplätze. Ein beredtes Beispiel, freilich nur ein kleines, jedenfalls im Vergleich mit dem Dickicht regionaler Körperschaften, das kaum mehr jemand überblickt – insgesamt sind es 60.000 Institutionen, die sich auf allerliebste Weise überschneiden. Das alles ist teuer und macht den Bürgern das Leben sauer.

Mit Folgen. In Frankreich existieren viele Kleinfirmen sowie ein paar große, aber wenige in der Mitte – dabei können doch gerade mittelgroße Betriebe flexibel und stark genug sein, weltweit mitzumischen. Sobald jedoch ein Unternehmen mehr als 49 Personen beschäftigt, setzt heilloser Bürokratenwahn ein. Da bleibt man lieber klein oder verkauft an die Großen.

Frankreichs Unternehmen müssen mehr an die Staats- und Sozialkassen abführen als ihre europäischen Konkurrenten. Die Linke findet das allerdings prima. Geschäftsleute stehen in Frankreich unter Generalverdacht, auch Hollande hat ihn genährt. Die verbreitete Verachtung von Geschäft, Gewinn und Geld rührt von fern her, aus der Zeit der Religionskriege und der Vertreibung der Hugenotten, für die wirtschaftlicher Erfolg ein Zeichen göttlicher Gnade war. Aufgefrischt wurde das Ressentiment gegen den Reichtum noch einmal durch die Arbeiterbewegung im 20. Jahrhundert; in der Nachkriegszeit war die KP die »stärkste der Partei’n«, wie es in der Internationalen heißt, die bis heute von der französischen Linken intoniert wird. Eine untergegangene Welt, deren Gespenster über den Klassenkonflikten des Landes schweben. Sozialpartnerschaft ist ein Ausnahmefall. Stattdessen soll der Staat eingreifen, mit rigidem Arbeitsrecht und Protektionismus: So will es die Mehrheit, die Hollande gewählt hat.

Da ist es keine Kleinigkeit, dass ausgerechnet dieser schnell unpopulär gewordene Präsident jetzt die Wettbewerbsfähigkeit des Landes thematisiert. Dem Kapital, dem er sechs Monate lang mit höheren Steuern drohte, verspricht er einen Nachlass von 20 Milliarden Euro bis 2015 – hoffentlich kein Ersatz für Strukturreformen. Das Geld soll zur Hälfte mit höherer Mehrwertsteuer aufgebracht werden, die andere Hälfte soll der Staat einsparen: Auch das wäre neu, denn die bisherigen Sparmaßnahmen gleichen bloß zusätzliche Ausgaben aus. Schon erhebt die Parteilinke die Schilde. Wird Hollande durchhalten, wird er weiter reformieren und das Haushaltsdefizit bis Ende 2013 auf drei Prozent des BIP drücken? Daran hängt Frankreichs Glaubwürdigkeit.

Sie geht die Deutschen sehr wohl etwas an. Ohne ein starkes Frankreich stünden sie allein da. Als Konrad Adenauer und Charles de Gaulle vor rund 50 Jahren den Élyséevertrag vereinbarten, war beiden klar, dass ihre Länder nur gemeinsam eine Masse bilden, die in Europa und der Welt etwas wiegt: eine der wenigen Wahrheiten, die den Kalten Krieg überdauert hat. Man müsste auch recht nationalborniert sein, um Genugtuung darüber zu empfinden, dass sich das Kräfteverhältnis zugunsten Deutschlands verschiebt. Denn leider ist die neue Lage ein Anreiz für Frankreich, den Mangel durch Koalitionen auszugleichen. Hollande war dieser Versuchung erlegen, als er gegen Angela Merkel ein Südbündnis der Euro-Zone schmiedete. Es wäre paradox, fände sich Deutschland, Machtzentrum der EU, politisch an der Peripherie wieder.

Daher, mag Hollande auch ein »Sozi« sein, sollte Merkel ihm bon courage wünschen. Und sich daran erinnern, wie schlecht es in Frankreich ankam, als ihr »lieber Nicolas« die deutschen Musterschüler pries: Berliner Besserwisserei könnte Reformen jetzt nur bremsen.

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Leserkommentare
  1. ein Grund.

    Andererseits dient die Einrichtung eines Kreisverkehrs grundsätzlich auch der Verkehrsberuhigung.

    Antwort auf "oh Gott"
  2. sollten bei den Kolonialmächten nicht fehlen - wenn schon die Kurzzeit-Möchtegern-Kolonialmacht Deutschland erwähnt wird.
    Zum aktuellen Stand hier mehr:
    http://de.wikipedia.org/wiki/Mitgliedstaaten_der_Europäischen_Union#.C3.9Cberseegebiete_von_Mitgliedstaaten.2C_die_vollst.C3.A4ndig_zur_EU_geh.C3.B6ren
    http://de.wikipedia.org/w...

    • Snorrt
    • 17.11.2012 um 7:50 Uhr

    Ich stimme Ihnen zu: Alleine die Tatsache, die Reichen (ich zähle Konzerne hinzu) gerecht zu besteuern, wird nicht dazu führen, dass der Staat von heute auf morgen seine Schulden begleichen kann.

    Die Auswirkungen sind aber weitaus umfangreicher. Stellen Sie sich doch mal ein Land vor, in dem wirklich gerecht alle Beteiligten an allen Kosten sozial gerecht herangezogen werden (z.B. auch das Einzahlen aller Beschäftigten in die KV und RV). In diesem Land schwindet nicht nur die Schwarzarbeit. Menschen fangen wieder an, gerne und viel zu arbeiten, weil sie wissen, dass der Laden gerecht läuft. Die Grundstimmung ist eine ganz andere.

    Beispiel Schweden: Die Leute verdienen gut, zahlen aber ohne viel zu murren hohe Steuern. Weil sie wesentlich mehr das Gefühl haben, dass sie eine Gemeinschaft sind.

    Unabhängig davon: Wer keinen gerechten Staat schafft, braucht nicht damit rechnen, dass er irgendein Problem lösen wird. Letztendlich geht das nämlich wirklich nur mit dem Großteil der Bevölkerung - siehe Welt. Es gibt keinen Staat, dem es wirklich gut geht, der seine Bevölkerung nicht gerecht behandelt. Nur Machteliten, die finaziell profitieren, aber ständig Angst um ihr Leben haben müssen.

    4 Leserempfehlungen
    Antwort auf
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    das Gefühl haben eine Gemeinschaft zu sein.

    Sie zahlen höhere Steuern, weil sie höhere Erwartungen an den Staat haben.

    Es gab und gibt immer wieder Krisen, in denen der sozialdemokratische Staat versagt oder die Erwartungen nicht erfüllt.

    das Gefühl haben eine Gemeinschaft zu sein.

    Sie zahlen höhere Steuern, weil sie höhere Erwartungen an den Staat haben.

    Es gab und gibt immer wieder Krisen, in denen der sozialdemokratische Staat versagt oder die Erwartungen nicht erfüllt.

  3. Natürlich gibt es Technik in jedem Industrieland.

    Aber Lebensvorstellungen und Lebensart, KULTUR unterscheiden sich.

    Oder wie erklären sie sich, das man von aussen betrachtet immer wieder von der Effektivität der Deutschen spricht, und dabei ein Gefühl der Unterlegenheit zum Ausdruck, und ein Gefühl des Abstands zum Ausdruck bringt.

    Wie erklären sie sich das Deutsche finden, das da in Schweden mal wieder zu langsam gearbeitet wird und irgendwelche Absprachen nicht termingerecht eingehalten werden?

    Das hat was mit internen menschlichen Betrachtungen zu tun, die viel defizieler sind als die Aufzählung von Atomkraftwerken.

    Diese Unterschiede treten auch meist in der Sprache zu tage: siehe: französische Politker sagen: Harz IV nein danke!

    Das hat beim besten willen nichts mit Romantisierung zu tun, sondern mit Zuspitzung und genauem Hinhören.

    Eine Leserempfehlung
  4. Ganz einfach: ein anderes historisches Bewusstsein.

    Oder wie erklären Sie sich das Phänomen, das man in Deutschland zwar über Harz IV klagt, aber keine Revolution startet,

    in Frankreich jedoch von vornherein gesagt wird: wir wollen das nicht.

    Wie erklären sie sich diesen Artikel, der besorgt Reformen in Frankreich anmahnt, Reformen unter dem Diktat der "Wirtschaftlichkeit" und das dieser Artikel in deutscher Sprache in einer deutschen Zeitung erscheint.

    Wie erklären sie sich das ein Franzose, Norweger, Schwede, Däne über Deutsche sagt: ihr seid so effektiv, und das schon VOR dem Euro und VOR der Finanzkrise?????????

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    • H.v.T.
    • 17.11.2012 um 9:54 Uhr

    "Wie erklären sie sich das ein Franzose, Norweger, Schwede, Däne über Deutsche sagt: ihr seid so effektiv, und das schon VOR dem Euro und VOR der Finanzkrise?????????"
    ---

    Stellen wir uns doch mal die Frage, weshalb Frankreich vorab nicht so effektiv war, wie Ihre Behauptung im Umkehrschluss vermuten läßt.

    Die anderen von Ihnen genannten Nationen sind hier zu vernachlässigen, sind jene doch nicht im Euroverbund.

    • H.v.T.
    • 17.11.2012 um 9:54 Uhr

    "Wie erklären sie sich das ein Franzose, Norweger, Schwede, Däne über Deutsche sagt: ihr seid so effektiv, und das schon VOR dem Euro und VOR der Finanzkrise?????????"
    ---

    Stellen wir uns doch mal die Frage, weshalb Frankreich vorab nicht so effektiv war, wie Ihre Behauptung im Umkehrschluss vermuten läßt.

    Die anderen von Ihnen genannten Nationen sind hier zu vernachlässigen, sind jene doch nicht im Euroverbund.

  5. Was nur ist mit all den lauthals verkündeten Reformen des Präsidenten Nicolas Sarkozy geschehen? Frankreich der schlimmste Patient Europas? Und Estland, Lettland, Litauen, Slowakien Rumänien, Bulgarien, irland, Großbrittanien, Portugal, Spanien, Italien, Griechenland usw. usw.? Könnte es sein, dass das Dogma "Wettbewerbsfähigkeit über alles" uns alle an die Wand fährt?

    7 Leserempfehlungen
  6. Berlin zu diesem Zeitpunkt ein Dorf.

    Natürlich war Berlin im Vergleich zu den realen Dörfern in Deutschland eine Stadt, denn in den Dörfern sah es recht dörflich aus, mit ungepflasterten Strassen u.s.w.

    In Brandenburg wurde in manchen Dörfern erst im Jahrzehnt 1970(!!!!) eine Wasserleitung gelegt. Die Häuser hatten Brunnen.

    Die sagenhaften Gutshäuser in Brandenburg konnten erst im laufe der Industrialisierung gebaut werden, vorher lebte der Gutsbesitzer in einem etwas grösseren Bauernhaus.

    Und wie erging es Luther? er sah die Pracht in Rom, und reiste zurück in sein Dorf mit Lehmhäusern (da kam jetzt Italien ins Spiel und nicht Frankreich)

    All das hat nichts mit Romantik zu tun sonderm mit Historie, auch wenn meine Kenntnisse da sehr fragmentarisiert sind, aber anschaulich, hoffe ich.

    Mit der zunehmenden Technisierung breitet sich eben auch Geschichtslosigkeit aus. Aber ganz wird sich geschichtliches und kulturelles Bewußtsein nie und nimmer ausrotten lassen, denn dieses Bewußtsein wird durch Sprache transportiert. Solange die Franzosen französisch sprechen, werden sie gegen Harz IV protestieren, vermute ich mal.

    usw. usw. usw. usw.

    2 Leserempfehlungen
  7. „Denn leider ist die neue Lage ein Anreiz für Frankreich, den Mangel durch Koalitionen auszugleichen. Hollande war dieser Versuchung erlegen, als er gegen Angela Merkel ein Südbündnis der Euro-Zone schmiedete.“
    Frankreich IST ein Land, das Norden und Süden verbindet. Nur Deutschland projiziert diese absolut privilegierte bilaterale Achse in die wechselseitigen Beziehung. Auch für Sarkozy war die Bildung einer Mittelmeerunion wichtig, denn Frankreich ist ein atlantisches UND ein mediterranes Land. Daher ist es völliger Blödsinn zu behaupten, Hollande habe sich aus Trotz gegen Merkel mit dem Süden verbündet. Überhaupt nervt diese Oberlehrersprache „der Versuchung erlegen“ – wahlweise argumentieren Oberlehrer („Hausaufgaben machen“), oder eben Möchtegernpriester. Ein karolingisches Reich gegen den Rest Europas kann nicht mehr funktionieren und je früher wir das begreifen, desto besser.

    Eine Leserempfehlung

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