EuropaBon courage!

Unser wichtigster Nachbar könnte Europas schlimmster Patient werden – schuld ist ein unglaublicher Reformstau. von 

Vom neuen Griechenland zu sprechen wäre übertrieben, aber: Frankreich rutscht in die Rezession, die Arbeitslosigkeit frisst sich fort, das Land ist ein Verlierer der Globalisierung. Es drohen verhängnisvolle Szenarien: Verlust der Kreditwürdigkeit, soziale Unruhen, politische Handlungsunfähigkeit. Weshalb Berlin mit Bangen auf Paris blickt und fragt: Was treibt Präsident François Hollande da bloß, mit seiner Parlamentsmehrheit und am Anfang einer immerhin fünf Jahre währenden Regierungsperiode?

Der Zustand Frankreichs ist bedrückend angesichts seines Potenzials: Verbindungen in alle Welt, eine reiche Kultur, eine Weltsprache, eine moderne Wissenstradition seit Descartes und nicht zuletzt die Lebenskunst seiner Bürger, sogar Kinder kriegt man gern. Was hindert Frankreich bloß, aus alldem mehr zu machen?

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Zu den wenigen Wörtern der französischen Sprache, die mit einem Großbuchstaben beginnen, zählen »Gott« und – »Staat«. Seit Kardinal Richelieus großer Zentralisierung denkt sich Frankreich staatlich. Und so sieht das Land auch aus. Öffentlicher Dienst und Staatswirtschaft beschäftigen jeden vierten Gehaltsempfänger. Diese Glücklichen genießen Sonderrechte; so sind zum Beispiel Urlaubsansprüche von vier Monaten nicht selten. Die Staatsquote liegt bei 57 Prozent, Frankreichs Ämter leiden an Übergewicht und Ineffizienz.

Allein sechs Mitglieder der 39 Minister starken Regierung streiten miteinander um Zuständigkeiten für Wirtschafts- und Finanzpolitik. Außerdem zanken sie sich um Personal, Büros und Parkplätze. Ein beredtes Beispiel, freilich nur ein kleines, jedenfalls im Vergleich mit dem Dickicht regionaler Körperschaften, das kaum mehr jemand überblickt – insgesamt sind es 60.000 Institutionen, die sich auf allerliebste Weise überschneiden. Das alles ist teuer und macht den Bürgern das Leben sauer.

Mit Folgen. In Frankreich existieren viele Kleinfirmen sowie ein paar große, aber wenige in der Mitte – dabei können doch gerade mittelgroße Betriebe flexibel und stark genug sein, weltweit mitzumischen. Sobald jedoch ein Unternehmen mehr als 49 Personen beschäftigt, setzt heilloser Bürokratenwahn ein. Da bleibt man lieber klein oder verkauft an die Großen.

Frankreichs Unternehmen müssen mehr an die Staats- und Sozialkassen abführen als ihre europäischen Konkurrenten. Die Linke findet das allerdings prima. Geschäftsleute stehen in Frankreich unter Generalverdacht, auch Hollande hat ihn genährt. Die verbreitete Verachtung von Geschäft, Gewinn und Geld rührt von fern her, aus der Zeit der Religionskriege und der Vertreibung der Hugenotten, für die wirtschaftlicher Erfolg ein Zeichen göttlicher Gnade war. Aufgefrischt wurde das Ressentiment gegen den Reichtum noch einmal durch die Arbeiterbewegung im 20. Jahrhundert; in der Nachkriegszeit war die KP die »stärkste der Partei’n«, wie es in der Internationalen heißt, die bis heute von der französischen Linken intoniert wird. Eine untergegangene Welt, deren Gespenster über den Klassenkonflikten des Landes schweben. Sozialpartnerschaft ist ein Ausnahmefall. Stattdessen soll der Staat eingreifen, mit rigidem Arbeitsrecht und Protektionismus: So will es die Mehrheit, die Hollande gewählt hat.

Da ist es keine Kleinigkeit, dass ausgerechnet dieser schnell unpopulär gewordene Präsident jetzt die Wettbewerbsfähigkeit des Landes thematisiert. Dem Kapital, dem er sechs Monate lang mit höheren Steuern drohte, verspricht er einen Nachlass von 20 Milliarden Euro bis 2015 – hoffentlich kein Ersatz für Strukturreformen. Das Geld soll zur Hälfte mit höherer Mehrwertsteuer aufgebracht werden, die andere Hälfte soll der Staat einsparen: Auch das wäre neu, denn die bisherigen Sparmaßnahmen gleichen bloß zusätzliche Ausgaben aus. Schon erhebt die Parteilinke die Schilde. Wird Hollande durchhalten, wird er weiter reformieren und das Haushaltsdefizit bis Ende 2013 auf drei Prozent des BIP drücken? Daran hängt Frankreichs Glaubwürdigkeit.

Sie geht die Deutschen sehr wohl etwas an. Ohne ein starkes Frankreich stünden sie allein da. Als Konrad Adenauer und Charles de Gaulle vor rund 50 Jahren den Élyséevertrag vereinbarten, war beiden klar, dass ihre Länder nur gemeinsam eine Masse bilden, die in Europa und der Welt etwas wiegt: eine der wenigen Wahrheiten, die den Kalten Krieg überdauert hat. Man müsste auch recht nationalborniert sein, um Genugtuung darüber zu empfinden, dass sich das Kräfteverhältnis zugunsten Deutschlands verschiebt. Denn leider ist die neue Lage ein Anreiz für Frankreich, den Mangel durch Koalitionen auszugleichen. Hollande war dieser Versuchung erlegen, als er gegen Angela Merkel ein Südbündnis der Euro-Zone schmiedete. Es wäre paradox, fände sich Deutschland, Machtzentrum der EU, politisch an der Peripherie wieder.

Daher, mag Hollande auch ein »Sozi« sein, sollte Merkel ihm bon courage wünschen. Und sich daran erinnern, wie schlecht es in Frankreich ankam, als ihr »lieber Nicolas« die deutschen Musterschüler pries: Berliner Besserwisserei könnte Reformen jetzt nur bremsen.

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Leserkommentare
    • mcking
    • 16. November 2012 19:58 Uhr

    Es ist schon interessant, dass es immer noch viele Deutsche gibt, die in jeden Verhältnis immer nur ein Ausnutzungsverhältnis gegen Deutschland sehen, so wie @Ayreon in Beitrag 1.
    Egal ob EU, UNO, NATO, und genauso in der deutsch-französischen Freundschaft.
    Sollen wir denn ganz ohne Partner auf der Welt sein? Ich wüsste wenige bis gar keine Partner auf der Welt, die besser als Frankreich geeignet wären. Kaum ist Deutschland mal ein bißchen besser, als andere, schon kommen wieder Ansprüch und Machtgelüste auf. Das macht mir Angst und es wird Europa nicht weiter bringen. Dabei bemerkt man z.B. wenn man in Asien ist, dass wir in Europa eigentlich ein Volk sind! Danke an @Schneekristalle: Wenn beide Länder von einander lernen würden., wären wir viellicht in Deutschland etwas ärmer, aber vermutlich auch glücklicher und weniger gestresst. Es ist richtig, dass es so in Frankreich nicht weiter gehen kann, man wird die Agenda von Gerhard Schröder (danke an Ihn, für diesen Weitblick), anschauen müssen und schauen, was in "la belle France" umsetzbar ist bzw. Sinn macht.
    Letzte Woche haben wir hier in Lyon 50 Jahre deutsch/französische Freundschaft gefeiert, - eine Woche lang. Ich hoffe das kann ich in 50 Jahren noch mal feiern!
    Es wird nicht einfacher werden die nächsten Jahre - bon courage.
    Weiter auf gute Partnerschaft.
    Cordialement de France
    P.S. Viele Deutsche (über 40 Jahre) waren noch nie in Frankreich und umgekehrt auch die Franzosen, besuchen sie doch mal ihr Nachbarland.

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    ich war schon 80 - 100 x dort und wunderte mich neulich wieder, warum ein Kreisverkehr (ganz neu angelegt) bloß 2 Ausgänge hatte, einen vorn, einen hinten (Geld kam aus Paris, um die Beschäftigung anzuheizen).
    Nun gut.

    Sie schrieben: "Sollen wir denn ganz ohne Partner auf der Welt sein? Ich wüsste wenige bis gar keine Partner auf der Welt, die besser als Frankreich geeignet wären."

    Mir fallen sogar mehrere ein. Als erstes England, zweitens die USA und drittens Russland.

    Und selbst danach sehe ich in der Reihenfolge Italien und Österreich vor Frankreich.

    Und ja ich war schon oft in Frankreich. Ich lebe in Baden an der Grenze.

    Verstehen Sie mich nicht falsch. Ich mag die Franzosen sehr gerne, kaufe dort ein, fahre mit dem Motorrad durch die Vogesen, oder mit der Familie nach Südfrankreich. Jedoch sind wir kulturell völlig verschieden. Von der Mentalität ganz zu schweigen.

    Keine Frage, Frankreich muss sich reformieren. Es darf aber den Fehler der Deutschen mit Schröder/Eichel und später Merkel, nicht machen. Irgendwann würden die beiden Länder anfangen sich mit Dumpinglöhnen zu unterbieten. Wie lange kann man das machen, bis die Arbeiter nichts mehr zu beissen haben?

    • cegog
    • 17. November 2012 0:21 Uhr

    Bemerkenswert, wie hurtig die wohlfeilen Klischees aus der Mottenkiste geholt werden, wenn Deutschland nicht spurt.

    Nichts, aber auch gar nichts an der deutschen Abneigung gegen immer neue Rettungspakete, der Sorge über das bedrohliche Wanken Frankreichs als Stütze der Währungsunion und der Forderungen nach Reformen in F hat irgendetwas mit Machtgelüsten zu tun. Es ist eher die Verteidigungshaltung eines Getriebenen, der mit aberwitzigen Hilfsforderungen seiner Euro-Partner konfrontiert wird, die sich aber gleichzeitig jede Einmischung verbitten.

    Politische Zurückhaltung,gepaart mit finanzieller Großzügigkeit war für Dtl. möglich, solange es um ein paar zusätzliche Milliönchen für französische Winzer ging. Hier geht es aber um auch für Deutschland existentielle Summen, so dass die Gepflogenheiten der alten EU vor Ausbruch der Schuldenkrise einfach nicht mehr durchhaltbar sind.

    Frankreich würde gerne die alte EU-Aufgabenteilung "Frankreich regiert, Deutschland finanziert" beibehalten realisiert nicht, das es den deutschen Nachbarn wirtschaftlich, politisch und psychologisch überfordert.

    So werden flugs aus dem Widerstand Deutschlands gegen seine zunehmende Ausbeutung durch seine Nachbarn neue "Machtgelüste". Offensichtlich glauben die europäischen Nachbarn immer noch, dass man mit der sog. "Nazikeule" die deutsche Politik manipulieren kann.

    Mit wachsendem zeitlichen Abstand wird der Irrtum immer größer.

    aber bitte verwechseln Sie das deutsche Volk nicht mit seiner Regierung; die tritt allerdings oft sehr ungehobelt auf, man muß sich schon manchmal schämen.
    Und bitte wiederholen Sie in Frankreich nicht die deutschen Fehler wie die Agenda 2010 - die führte nämlich in Deutschland zu enormem Lohndumping, zu vermehrten prekären Arbeitsverhältnissen und zur Schwächung des Binnenmarktes als natürlich auch zur Schwächung der Gewerkschaften.
    Es gibt sicher Dinge in Frankreich, die geändert werden müssen - aber das sollte das französische Volk entscheiden und nicht die deutsche Regierung, da gebe ich Ihnen völlig recht.

  1. Der zentrale Denkfehler des Autors lautet: "Sie geht die Deutschen sehr wohl etwas an. Ohne ein starkes Frankreich stünden sie allein da."
    Die Schweiz und Norwegen und noch 20 andere Länder stehen auch alleine da. Nur: sie wissen ihre nationalen Interessen zu verteidigen.
    Bei der neuesten Rechtsextremisten-Studie von Oliver Decker ist unter "Prozentsätze der Rechtsextremismusfragen" die Frage 12 zu lesen: "Was unser Land heute
    braucht, ist ein hartes und
    energisches Durchsetzen
    deutscher Interessen
    gegenüber dem Ausland." (http://www.fes-gegen-rech...) S.29f
    Das ist also rechtsextrem, wenn Deutschland deutsche Interessen durchsetzt. Dagegen ist es verständlich, wenn Hollande und Monti als "Südländer" (siehe meinen Beitrag 6 mit Hinweis auf Sarrazin) Ende Juni zusammentun.
    G. v. Randow schreibt: "Hollande war dieser Versuchung erlegen, als er gegen A.Merkel ein Südbündnis schmiedete."
    G.v. Randow als ehemaliger kundiger Linker sollte eigentlich den Satz von K. Marx kennen, daß das Interesse die Idee blamiert (siehe Marx-Engels-Werke Bd.2, S.85, Genosse).
    Was Marx am meisten hasste, war im Übrigen Moralisieren.
    Staaten setzen ihre Interessen durch. Wenn Deutschland über die Personalie von Draghi (Italien) ausgenommen werden kann, warum sollten die anderen Länder sich die Chance (bonne chance) entgehen lassen, zumal es "rechtsextrem" wäre, wenn Deutschland seine Interessen verträte ?

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    Irgendwie erinnert mich das an die letztendlich recht unglückliche Kaiserzeit von Wilhelm II, die ja in einem Fiasko endete. Damals wurden ähnliche Reden geschwungen. Aber der Kaiser hatte als Verbündeten wenigstens noch das Osmanische Reich und die K.u.K.-Monarchie. Heute ist Ösi-Land allein noch weniger.

    Eine der Hauptlehren aus dem WK II war die Erkenntnis, dass es einem selber nicht gut gehen kann, wenn es seinen Nachbarn schlecht geht. Im Moment erleben wir ein Strohfeuer auf Kosten der eigenen Bevölkerung, der Zukunft und der Nachbarländer, welches auch schnell wieder verlöschen wird.

    Der große Reformstau ist in diesem Land und nicht in Frankreich. Dank Hartz IV wird in bälde eine Armutswelle auf uns zurollen, welche unsere Sozialsysteme einfach überfordern dürfte. Die demographische Entwicklung ist katastrophal und die Neuverschuldung dürfte astronomische Höhen erreichen, wenn die ganzen Rettungsschirme wirklich einspringen müssen, weil es die Südländer doch nicht schaffen. Aber Hauptsache Merkels Auftraggeber haben an der Krise nochmal kräftig verdient.

  2. Tja, schönes Leben für alle! Klingt gut.

    Fehlt nur noch der Weihnachtsmann, der das alles finanziert.

  3. 12. oh Gott

    ich war schon 80 - 100 x dort und wunderte mich neulich wieder, warum ein Kreisverkehr (ganz neu angelegt) bloß 2 Ausgänge hatte, einen vorn, einen hinten (Geld kam aus Paris, um die Beschäftigung anzuheizen).
    Nun gut.

    Antwort auf "Bon courage!"
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    ein Grund.

    Andererseits dient die Einrichtung eines Kreisverkehrs grundsätzlich auch der Verkehrsberuhigung.

  4. "(...), aber die Revolution 1789 fand in Paris statt und nicht in Duesseldorf, Muenchen oder Berlin, das ja damals noch ein Dorf war..."

    Berlin hatte 1789 nahezu 150.000 Einwohner, war Hauptstadt Preußens, Königssitz etc. ...

    Und was nutzt es nun Frankreich in seiner derzeitigen Krise, dass die Revolution 1789 in Paris stattfand, und nicht in Deutschland?

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    Ganz einfach: ein anderes historisches Bewusstsein.

    Oder wie erklären Sie sich das Phänomen, das man in Deutschland zwar über Harz IV klagt, aber keine Revolution startet,

    in Frankreich jedoch von vornherein gesagt wird: wir wollen das nicht.

    Wie erklären sie sich diesen Artikel, der besorgt Reformen in Frankreich anmahnt, Reformen unter dem Diktat der "Wirtschaftlichkeit" und das dieser Artikel in deutscher Sprache in einer deutschen Zeitung erscheint.

    Wie erklären sie sich das ein Franzose, Norweger, Schwede, Däne über Deutsche sagt: ihr seid so effektiv, und das schon VOR dem Euro und VOR der Finanzkrise?????????

  5. " Just hat irgendein französischer Minister im Radio gefordert, dass Deutschland die Löhne und Sozialleistungen erhöhen müsse um den deutschen Binnenmarkt zu stimulieren und so Europa aus der Krise zu ziehen."

    Auch wenn ich die französische Variante ausdrücklich nicht auf Deutschland übertragen möchte, stimme ich dem franz- Minister zu 100% zu.

    Wir generieren unseren Wohlstand auf Kosten der andern EU-Länder und der deutschen Arbeitnehmerschaft.

    Antwort auf "Falsche Freundschaft"
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    • Centime
    • 17. November 2012 3:13 Uhr

    Ja, Ihnen gebe ich recht. Und es ist nicht nur Montebourg der auf diese Gedanken kommt.

    Meine Gedanken sind, Deutschland hat Angst seine Buergschaften zahlen zu muessen.Deshalb soll ueberall gespart werden. Da dies nicht funktioniert, wird diese Angst berechtigt und jeden Tag mehr.Da wir zweitstaerkster zahler sind, wird nun Francebashing betrieben.

    Aber halooo? Wir sind ein souveraener Staat. Wir machen was wir wollen.Ist das so schwer nach Deutschland zu uebermitteln? Wenn wir kranke Mann sind, na und? Wir haben alles moegliche schon ueberlebt.Wir sind auch gemeinsam mal arm. Ja, Deutschland sollte USA fragen um ein Bundesstaat von Amerika zu werden.
    Die Niederlande geraten gerade in eine rzession, werden die jetzt auch als faul bezeichnet?
    Weiter so Deutschland, Ihr isoliert Euch von allein, keiner hat Euch dahin getrieben.

    Nicht "wir" (wen immer sie darunter verstehen mögen) generieren "unseren Wohlstand" auf Kosten "der deutschen Arbeitnehmerschaft", sondern diese (ich würde sagen, die arbeitende Bevölkerung in Deutschland) generiert den Wohlstand Deutschlands.

  6. >>Hans-Olaf Henkel, Wilhelm Hankel und andere predigen schon seit Jahren, dass es um Frankreich nicht gut bestellt ist. Dass das Land mit seiner Wirtschaftsleistung eher den südlichen Staaten zuzurechnen ist, als auf einer Stufe mit Deutschland zu stehen.<<

    Was ich von Typen wie Herrn Henkel und deren Predigten halte, ist eindeutig redaktionell zensurwürdig, drum schreibe ich es einfach mal nicht. Diplomatisch formuliert, pfeife ich auf diese Deppen.

    Und woher kommt eigentlich dieser absolut idiotische Gedanke, die Franzosen wären wirtschaftlich soviel schlechter?
    'Auf einer Stufe mit Deutschland' - da kommt mir die Galle hoch bei derartiger Arroganz, die aus diesen Worten spricht.

    In den seligen Zeiten vor dem Euro war der Tauschkurs FF zu DM immer irgendwie 3:1, über Jahre hinweg. Frankreichs Wirtschaft war also irgendwie schwächer, stimmt. Aber sie war stabil schwächer.

    >>Es waren zudem vorrangig französische Banken, die durch die Krise in Schieflage gerieten, weshalb der Staat auf die Rettung drängte und alle bisherigen Vereinbarungen sowie deutsche Interessen pulverisieren konnte.<<

    Deutsche Landesbanken, HRE, Commerzbank - die haben sich alle nicht aus Gier verzockt?
    War da nicht was?

    Und ich kann mich nicht erinnern, daß Frankreich Frau Merkels Kasperleregierung zur Bankenrettung auffordern mußte, das haben die schon ganz allein hingekriegt. Und man hat deutsche Banken und deutsches Kapital gerettet - auch in Irland, zum Beispiel.

    [...]

    Antwort auf "Falsche Freundschaft"
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    >>Solange das Verhältnis aber zu einer Frage von Krieg und Frieden hochstilisiert wird und dadurch nicht in Zweifel gezogen wird, werden Deutschland & Co. für die Schwäche der anderen und letztlich auch Frankreich gerade stehen.<<

    Die deutsch-französische Freundschaft IST eine Frage von Krieg und Frieden in Europa, denn solange wir zusammenstehen, wird es keinen physischen Krieg in Europa geben.
    Und Europa besteht auch aus der Verpflichtung, für andere geradezustehen, auch wenn die Briten das möglicherweise gerne anders sehen oder sehen möchten.

    Das eine derartige Verpflichtung nicht ewig weit reichen kann und ökonomischen Selbstmord nicht einschließt, bedarf wohl keiner Diskussion. Wenn Frankreich fällt, fällt Deutschland auch und mit uns der Euro - nun dann fällt er eben, ich werde ihn nicht beweinen!

    >>Just hat irgendein französischer Minister im Radio gefordert, dass Deutschland die Löhne und Sozialleistungen erhöhen müsse um den deutschen Binnenmarkt zu stimulieren und so Europa aus der Krise zu ziehen.<<

    Und recht hat er!
    Ein Abbau des Ungleichgewichtes in den Handelsbilanzen wird nicht nur von französischen Ministern als zwingend logisch betrachtet. Ob man da Hartz IV erhöhen muß, sei dahingestellt. Aber steigende Löhne wären in D mal sehr angesagt.

    Aber da wir ja gerade in die Krise rutschen, werden Herr Henkel und seine Prediger sicher bald 'mäßigende Lohnabschlüsse' fordern.
    Da wette ich 'nen Euro drauf - solange er noch da ist.

    • Ayreon
    • 17. November 2012 9:22 Uhr

    1. Was ist denn an Herrn Henkel so falsch? Sie schaffen es sicher, das so zu formulieren, dass sich niemand zur Zensur gezwungen sieht. Würde mich nämlich wirklich interessieren.

    2. Dass Frankreich nicht die Wirtschaftskraft von Deutschland hat ist kein Gedanke und auch kein Ausdruck von Arroganz, sondern ein schlichter Fakt.

    3. Natürlich waren auch deutsche Banken betroffen. Wurde nie bezweifelt. Aber es waren vorrangig/hauptsächliche französische Banken, die in die Geschäfte involviert waren.

    4. Es gab bezüglich der Einrichtung der Rettungsfonds sowie über die Bewahrung der No-Bail-Out-Klausul Verhandlungen, in denen sich Frankreich gegenüber Deutschland durchsetzen konnte.

    5. Der Ausdruck "falsche Freundschaft" war selbstverständlich nicht auf ein freundschaftliches Verhältnis an sich bezogen, sondern auf die Art und Weise, wie diese Freundschaft gestaltet ist. Ich bin da ganz auf Ihrer Seite und wünsche mir ebenso eine richtige Freundschaft. Nur erfordert das, über das aktuelle Verhältnis nachzudenken und entsprechende Korrekturen vorzunehmen, aber ist das quasi ein Tabu.

    6. Europa ist ein Projekt der Zusammenarbeit zwischen den Nationen und keine Solidargemeinschaft.

  7. "Was hindert Frankreich bloß, aus alledem mehr zu machen?"

    Eine Antwort könnte ja sein: Die Franzosen sind mit dem, was sie haben, zufrieden. Seit Wochen zieht sich nun dieses Gerede vom reformunwilligen Frankreich und vom Globalisierungsverlierer durch die Zeitungsspalten. Wobei schon die letzte Einordnung einiges über die Ernsthaftigkeit der Autoren aussagt. Niemand will diese Worthülsen mehr hören.
    Nein, das Nachbarland links des Rheins wird sich nicht zur sozialdarwinistischen Wüste machen lassen. Und das schon gar nicht vom rechtsrheinischen Nachbarn, der sich nicht einmal mehr Kinder zutraut. (Oder keine mehr haben will, weil sie beim Rennen nach Niedriglohnjobs nur stören.)
    "Kinder hat man gern in Frankreich", schreibt der Autor. Will er ihnen das auch noch ausreden?
    Es ist immer wieder erstaunlich, mit welcher Selbstverständlichkeit andere Lebensentwürfe abgewertet werden. Einen solchen Berliner Häuptling braucht die Europäische Union weiß Gott nicht. Es reicht, dass die Gesellschaft im eigenen Land in den Grundfesten erschüttert wurde. Mögen wenigstens andere davon verschont bleiben und weiterhin ein menschwürdiges Dasein führen.

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    • Medley
    • 16. November 2012 23:38 Uhr

    "Eine Antwort könnte ja sein: Die Franzosen sind mit dem, was sie haben, zufrieden."

    Echt? Und warum sind dann die Popularitätswerte von Monsieur Hollande in den letzen 6 Monaten so dramatisch abgestürzt? Weil die Franzosen so zufrieden mit Gott und der Welt(inclusive ihrem Präsidenten) sind?

    "Mögen wenigstens andere davon verschont bleiben und weiterhin ein menschwürdiges Dasein führen."

    Ich bezweifle stark, dass das "menschenwürdige Dasein" a'la Francaise auf Dauer bei einer steigenden Arbeitslosigkeit von 10% plus x und einer stagnierenden oder gar schrumpfenden Wirtschaft mal so einfach aufrecht erhalten werden kann. Seine eigene stolze Währung(Franc) kann die "Grande Nation" nun nicht mehr abwerten. Das hatte man in Paris mit seinem hartnäckigen Streben nach einer zentralistischen europäischen Einheitswährung aber auch selbst so gewollt. Nun müssen die Franzosen die Bouillon, die sie sich selbst eingebrockt haben, auch auslöffeln. Bone Appetite.

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  • Schlagworte Euro-Krise | Euro-Zone | Frankreich | Europa | Reform
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