Alzheimer-Studie : Lieber dement als bestrahlt?
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Während des Projekts könnte man Probanden nur dreimal in den PET-Scanner legen

Bei der PET-Untersuchung setzen sich die Patienten einer geringen Strahlenbelastung aus. In Zahlen ausgedrückt: einer effektiven Strahlendosis von höchstens sieben Millisievert. Je nach Wohngebiet beträgt die Strahlenbelastung der Deutschen pro Jahr zwei bis vier Millisievert, hauptsächlich durch natürliche Radioaktivität. In vielen Regionen der Erde liegt die natürliche Strahlenbelastung mehr als zehnmal so hoch wie in Deutschland. Für medizinisches Personal und allgemein für den Arbeitsschutz schreibt unsere Strahlenschutz-Verordnung eine Obergrenze von zwanzig Millisievert im Jahr vor. Sie gilt als gesundheitlich hinnehmbar.

In Analogie zu dieser Regelung, heißt es im Bundesamt für Strahlenschutz, habe man die Grenze für gesunde Probanden bei Forschungsprojekten ebenfalls auf zwanzig Millisievert gelegt – mit einem kleinen Haken: Die Höchstdosis gilt für die gesamte Zeit des Forschungsprojektes. Im Falle der internationalen Alzheimer-Studie wären das Jahre oder gar Jahrzehnte. Über die Gesamtlaufzeit des Projekts könnte man jeden Probanden höchstens dreimal in den PET-Scanner legen. Das reicht nicht aus, um die Vorgaben der internationalen Studie zu erfüllen und um regelmäßig zu überprüfen, ob sich im Gehirn bereits Amyloid-Plaques gebildet haben.

Weil die zukünftigen Alzheimer-Kranken zum Zeitpunkt der Studie noch gesund sind, gilt die Obergrenze auch für sie – selbst wenn sie für sich zu dem Ergebnis kommen, dass der mögliche Nutzen durch das Medikament ein etwaiges Risiko durch die Strahlung überwiegt. "Unter diesen Voraussetzungen wird Deutschland nicht in die Studie mit einbezogen werden", sagt Mathias Jucker. Den Betroffenen bliebe dann möglicherweise nichts anderes übrig, als sich bei Studienzentren in den USA oder in England zu melden, wo die Strahlenschutzvorschriften weniger streng sind.

Dabei ist noch nicht einmal klar, ob bei Strahlenbelastungen unter 50 Millisievert überhaupt ein erhöhtes Krebsrisiko existiert. "Die meisten Regelungen gehen bei diesen niedrigen Strahlendosen von einem linearen Zusammenhang aus", erklärt Wolfgang Weber, Ärztlicher Direktor der Nuklearmedizin an der Universitätsklinik Freiburg. "Das würde bedeuten, dass jedes bisschen zusätzliche Strahlung für einen kleinen Anstieg beim Krebsrisiko sorgt." Selbst falls dieser Ansatz korrekt ist, würde er aber nicht erklären, weshalb eine Belastung von 18 oder 20 Millisievert für gesunde Probanden vertretbar ist, nicht aber eine von 22 Millisievert. "Natürlich brauchen wir eine Obergrenze", sagt Weber. Trotzdem sei die Zahl willkürlich gewählt und ohne klare biologische Begründung. Im Fall der Alzheimer-Studie trete diese Schwäche der Regelung klar zutage.

Sollte man für die Betroffenen von erblichem Alzheimer also eine Ausnahme machen? Absurderweise fällt die Grenze von 20 Millisievert für die Probanden ja ohnehin, sobald bei ihnen die ersten Anzeichen von Alzheimer auftauchen. Denn für erkrankte Versuchspersonen und sogar solche, bei denen nur der begründete Verdacht auf eine Krankheit besteht, existiert keine Beschränkung. In solchen Fällen müssen Ethikkommission und Bundesamt für Strahlenschutz nur abwägen, ob der Nutzen für den Patienten die Strahlenbelastung rechtfertigt. Bloß könnte auch die vorbeugende Wirkung des Medikaments von diesem Moment an nicht mehr greifen.

Im Bundesamt für Strahlenschutz hat man sich mit dem besonderen Fall noch nicht befasst. Wenn die deutschen Alzheimer-Forscher ihren Antrag zur Studiengenehmigung einreichen, können sie nur auf eine Ausnahmeregelung hoffen. Aber selbst wenn eine deutsche Beteiligung an der Studie wegen der strengen Strahlenschutz-Verordnung tatsächlich nicht gestattet würde, sollten sich Gesundheits- und Ethikexperten mit dem Fall beschäftigen. Je schneller die Gendiagnostik fortschreitet, desto dringlicher werden die Fragen: Ab wann gelten Menschen mit verändertem Erbgut als krank – wenn sich die ersten Plaques in ihrem Gehirn ablagern oder wenn sie mit den ersten Gedächtnisproblemen kämpfen? Wenn die Veranlagung für eine Erkrankung in den Genen festgeschrieben ist, ist ein Mensch dann gesund, bis die Krankheit ausbricht? Oder ist er krank? Was soll den Ausschlag geben, die Symptome oder die Gene?

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Kommentare

28 Kommentare Seite 1 von 6 Kommentieren

ich würde sofort daran teilnehmen -

und ich kenne die Krankheit: ich pflege seit 3 Jahren meine an Alzheimer erkrankte Mutter. ,... und sollte es kein Mittel gegen Alzheimer in naher Zukunft geben, dann tröstet mich der Ist-Zustand meiner Mutter, denn sie ist herrlich kindlich und goldig geworden und ihre Handlungen sind manchmal Satire pur - herrlich -

SChön....

Ich denke, das ist so lange ganz goldig, bis sich der Mensch ständig selber "einstuhlt" (kacken wäre wahrscheinlich zensiert worden, deswegen habe ich das Wort bewusst nicht gewählt.).

Ich denke, Ihre Mutter ist nicht mehr besonders jung, was Ihre Gelassenheit erklären würde. Aber wenn Menschen z.B. mit 45 von solch einer Krankheit aus dem Berufsleben gerissen werden, kann das für viele Familien nicht allzu angenehme Folgen haben. Daher kann man nur hoffen, dass es möglichst schnell effektive Behandlungen geben wird.

Aber es ist schön zu hören, dass es eben auch eine erträgliche Seite an dieser Krankheit gibt. Ich schätze solchen "Galgenhumor" sehr. :)

Diese Untersuchungen sind nötig für eine so schlimme Krankheit

Allerdings hätte ich trotzdem einige Bedenken. 7 mSv ist zwar noch eine relativ niedrige Dosis, aber nach neuen Ergebnissen* könnten solche Dosen schädlicher sein, wenn sie auf einem Schlag treffen (wie bei einer Tomographie), als chronisch (wie wenn man in ein Ort mit erhöhter Hintergrundstrahlung lebt).
Diese Befunde sind natürlich noch ganz neu, und müssen noch bestätigt werden. Aber im Zweifelsfall würde ich nicht "beliebig" die Patienten bestrahlen (natürlich ist eine Begrenzung auf 3 Mal lächerlich).

* W. Olipitz et al., Environmental Health Perspectives 120 (2012), pp 1130-1136.

Rettet uns vor den Bürokraten!

Es ist doch eine Risikoabwägung: Die Zielpersonen wissen, dass sie mit einer sehr großen Wahrscheinlichkeit an Alzheimer erkranken werden, wogegen nichts wirklich hilft.
Auf der anderen Seite gibt es die Möglichkeit, dass das neue Medikament wirkt. Um das aber sagen zu können, muss ein PET-Scanner ran. Der macht etwas radioaktive Strahlung, sicher nicht toll, aber die Aussicht, auf eine Heilung würde mir persönlich dieses Risiko wert sein.

Denn es ist ein recht geringes. Die verwendeten Dosen sind relativ gering und deswegen ist der dadurch angerichtete Schaden, statistisch betrachtet relativ gering. Sicher, für den einzelnen wäre eine Folgeerkrankung ein schwerer Schlag, aber das ist Alzheimer auch. Und jedes der unzähligen Gammaphotonen, die grade durch den Körper von jedermann strömen, könnte, natürlich mit einer sehr geringen Wahrscheinlichkeit, Krebs auslösen.

Ich bin der Meinung, dass jede Zielperson unaufgeregt und genau über die möglichen Risiken aufgeklärt werden muss, um dann selber abzuwägen.

Ich halte es für äußerst bedenklich und einen Rückfall in sehr dunkle totalitäre Zeiten, wenn eine Ethikkommission (oder ein Verfassungsorgan, in dem oft Menschen sitzen, die sich nicht mal die Mühe machen,sich vernünftig zu informieren) mir das Recht nimmt, solche im gewissen Sinne kalkulierte Risiken mit der Möglichkeit eines unglaublich großen Gewinns einzugehen. Niemand außer demjenigen, der sich dafür entscheidet, wird davon betroffen.

Die Aufklärung des Patienten

Ist ein guter Ansatz, aber hat jeder (mit jeder Bildung und Intelligenz) die fähigkeit einzuschätzen, ob er sich einem zu hohen Risiko aussetzt? Ich bin emotional auch gegen eine Bevormundung durch ein Organ wie eine ethikkomission, aber sie hat auch eine Daseinsberechtigung und die liegt meines Erachtens im Schutz von Menschen, die einer Gefahr ausgesetzt sein könnten, die sie nicht einschätzen können.