Alzheimer-Studie: Lieber dement als bestrahlt?
Menschen mit erblichem Risiko für Alzheimer könnte ein neuer Wirkstoff helfen. Um seine Fähigkeiten zu testen, müssten Probanden aber häufig in den Strahlentomografen.
Forschern fällt es oft nicht leicht, Freiwillige für Versuche mit neuen Medikamenten zu finden. Bei einer Alzheimer-Studie in Tübingen könnte es bald zur umgekehrten Situation kommen: Gesunde Probanden wollen unbedingt an einer Medikamentenstudie teilnehmen, dürfen es aber nicht.
Vordergründig geht es dabei um Strahlenschutz, ein überwiegend bürokratisches Problem. Wie viel Strahlung nimmt man bei gesunden Menschen in Kauf, um die Forschung voranzutreiben? Diese Frage ist formal schnell beantwortet. Eine genauere Betrachtung wirft jedoch grundsätzliche Fragen auf: Wann ist ein Mensch gesund, ab wann ist er krank? Darf man jemandem den Zugang zu einem Medikament verwehren, das ihn vor einem sonst unabwendbaren Schicksal retten könnte?
Die Medikamente, um die es geht, greifen im Gehirn von Alzheimer-Patienten gezielt Eiweißablagerungen an. Diese fehlgefalteten Proteine, sogenannte Amyloid-Plaques, finden sich fast bei jedem Alzheimer-Patienten. Viele Forscher glauben, die Eiweiß-Plaques führten dazu, dass das Gehirn der Patienten nach und nach versagt. Die ersten Versuche, solche Ablagerungen zu bekämpfen, verliefen allerdings enttäuschend. Die Wirkstoffe attackierten zwar erfolgreich die Amyloid-Proteine, die Ablagerungen gingen zurück – den Alzheimer-Patienten jedoch nützte das nichts. Ihre Gedächtnisprobleme blieben, die Demenz ließ sich nicht aufhalten oder gar rückgängig machen.
- Eiweißmoleküle
Alle Eiweißmoleküle bestehen aus einer Kette von Aminosäuren. Diese faltet sich in eine bevorzugte räumliche Form. Manche Proteine können aber eine gefährliche abnorme Gestalt annehmen. Solche »korrumpierten« Proteine zwingen in einer Kettenreaktion ihresgleichen in die toxische Form und verursachen degenerative Erkrankungen. Mehr als zwanzig dieser Proteopathien sind bekannt, oft ist das Nervensystem betroffen.
- Hirnschwammerkrankungen
Stets tödlich wirken übertragbare Hirnschwammerkrankungen . Diese werden von Prion-Proteinen (PrP) ausgelöst. Beim Menschen zählt Kuru dazu, die Creutzfeldt-Jakob-Krankheit (CJD) oder die Fatale Familiäre Insomnie. Bei Tieren ist es die Scrapie unter Schafen, BSE bei Rindern und das Chronic Wasting Syndrome bei Elchen und Rentieren. Andere menschliche Proteopathien sollen nicht übertragbar sein: Dazu zählen die lähmende Amyotrophe Lateralsklerose (ALS) oder die Huntington-Krankheit.
- Alpha-Synuclein
Neben dem Amyloid-β bei Alzheimer steht bei Parkinsonkranken das α-Synuclein im Fokus. Diese als prionähnlich bezeichneten Proteine gelten als verdächtig, weil sie experimentell auf Versuchstiere übertragbar sind. Auch bei Parkinson wird die Hypothese intensiv untersucht. Man beobachtet eine Übertragung und Ausbreitung typischer Hirnschäden bei Mäusen, denen Hirngewebe oder Hirnextrakt von Patienten übertragen wurde. Und fötales Hirngewebe wird nach einer Transplantation in Parkinsonpatienten von α-Synucleinaggregaten durchsetzt. Ein Bild wie bei einer Infektion.
Möglicherweise, spekulierten die Forscher, hatten sie die Medikamente Gantenerumab (Roche) oder Solanezumab (Eli Lilly) beziehungsweise einen Hemmstoff gegen Amyloidbildung (Eli Lilly) zu spät eingesetzt. Wenn sich die Proteine an Nervenzellen des Gehirns angelagert haben, könnte der Schaden bereits irreparabel sein. Wäre es also hilfreicher, die Bildung der Plaques von vornherein zu verhindern, diese Medikamente gegen Alzheimer nicht therapeutisch, sondern vorbeugend einzusetzen? Dafür allerdings müsste man sicher wissen, dass ein Mensch später in seinem Leben an Alzheimer erkrankt.
Solche Menschen gibt es. Sie tragen in ihrem Erbgut eine seltene Veränderung, die unausweichlich dafür sorgt, dass die Krankheit ausbricht. Weil Eltern diese Mutation mit einer Wahrscheinlichkeit von 50 Prozent an ihre Kinder vererben, tritt diese erbliche Form von Alzheimer in bestimmten Familien gehäuft auf. Am Tübinger Standort des Deutschen Zentrums für Neurodegenerative Erkrankungen beschäftigt sich der Forscher Mathias Jucker mit solchen Familien. Er ist deutscher Koordinator des Netzwerks DIAN (Dominantly Inherited Alzheimer Network).
In einem international angelegten Großversuch sollen Träger der Erbkrankheit nun bald Medikamente gegen die Plaques erhalten, lange bevor ihre Demenz ausbricht. »Die Probanden hier fragen danach«, erzählt Jucker, »sie hoffen natürlich, dass es ein Medikament gibt, das den Ausbruch ihrer Krankheit hinauszögert oder ganz verhindert.« Ein Mittel, das der erblichen Form von Alzheimer vorbeugt, könnte vermutlich das spontan auftretende Leiden verhindern oder zumindest verlangsamen. Weltweit sind davon 36 Millionen Menschen betroffen, Tendenz steigend. Für die Pharma-Industrie wäre ein Wirkstoff, der vor Alzheimer schützt, eine Goldgrube.
Wenn sich die rechtliche Situation nicht ändert, müssten die Probanden in Deutschland jedoch abgewiesen werden, sagt Jucker. Um nachzuprüfen, ob der Wirkstoff das Gehirn wirklich vor Plaques schützt, müssten die Teilnehmer zu regelmäßigen Positronen-Emissions-Untersuchungen, sogenannten PET-Scans, bereit sein. Dabei wird den Versuchspersonen eine schwach radioaktive Substanz gespritzt, die sich an die Proteinablagerungen in ihrem Gehirn bindet. Diese kleinen Strahlungsherde machen auf Schnittbildern des Gehirns erkennbar, ob und wo sich bereits Plaques gebildet haben.






Es ist doch eine Risikoabwägung: Die Zielpersonen wissen, dass sie mit einer sehr großen Wahrscheinlichkeit an Alzheimer erkranken werden, wogegen nichts wirklich hilft.
Auf der anderen Seite gibt es die Möglichkeit, dass das neue Medikament wirkt. Um das aber sagen zu können, muss ein PET-Scanner ran. Der macht etwas radioaktive Strahlung, sicher nicht toll, aber die Aussicht, auf eine Heilung würde mir persönlich dieses Risiko wert sein.
Denn es ist ein recht geringes. Die verwendeten Dosen sind relativ gering und deswegen ist der dadurch angerichtete Schaden, statistisch betrachtet relativ gering. Sicher, für den einzelnen wäre eine Folgeerkrankung ein schwerer Schlag, aber das ist Alzheimer auch. Und jedes der unzähligen Gammaphotonen, die grade durch den Körper von jedermann strömen, könnte, natürlich mit einer sehr geringen Wahrscheinlichkeit, Krebs auslösen.
Ich bin der Meinung, dass jede Zielperson unaufgeregt und genau über die möglichen Risiken aufgeklärt werden muss, um dann selber abzuwägen.
Ich halte es für äußerst bedenklich und einen Rückfall in sehr dunkle totalitäre Zeiten, wenn eine Ethikkommission (oder ein Verfassungsorgan, in dem oft Menschen sitzen, die sich nicht mal die Mühe machen,sich vernünftig zu informieren) mir das Recht nimmt, solche im gewissen Sinne kalkulierte Risiken mit der Möglichkeit eines unglaublich großen Gewinns einzugehen. Niemand außer demjenigen, der sich dafür entscheidet, wird davon betroffen.
bewirkt nicht nur einen industriellen Niedergang, nein, die Menschen können auch nicht mehr geheilt werden. Super.
Das ist tatsächlich eine schwierige Abwägung. Die vom Bundesamt für Strahlenschutz festgelegte Obergrenze von 20mSv liegt in einem Bereich, für den neuerdings direkte statistische Daten verfügbar sind (R. Wakeford von der University of Manchester). Diese bestätigen die früheren Abschätzungen, nach denen schon bei Einhaltung des genannten Grenzwertes 2 von 1000 Probanden an einem strahleninduzierten Tumor sterben. Hand auf Herz, würden Sie an einer Studie teilnehmen, bei der ein solches Risiko besteht? Und hier steht ja zur Diskussion, ob noch weit größere Risiken akzeptiert werden sollten. Würde jeder Proband einmal jährlich einer PET-Untersuchung unterzogen und das 30 Jahre lang, dann würde das bedeuten, dass 2 von 100 Probanden an einem strahleninduzierten Tumor sterben. Ich glaube nicht, dass das von irgendeiner Ethik-Kommission gutgeheißen würde (oder werden sollte).
Strahlentomografen ist eine inovativ creative Wortausgestaltung die Ihre Aufmerksamkeit an sich bindet.
Allerdings hätte ich trotzdem einige Bedenken. 7 mSv ist zwar noch eine relativ niedrige Dosis, aber nach neuen Ergebnissen* könnten solche Dosen schädlicher sein, wenn sie auf einem Schlag treffen (wie bei einer Tomographie), als chronisch (wie wenn man in ein Ort mit erhöhter Hintergrundstrahlung lebt).
Diese Befunde sind natürlich noch ganz neu, und müssen noch bestätigt werden. Aber im Zweifelsfall würde ich nicht "beliebig" die Patienten bestrahlen (natürlich ist eine Begrenzung auf 3 Mal lächerlich).
* W. Olipitz et al., Environmental Health Perspectives 120 (2012), pp 1130-1136.
dass der Wirkstoff vor Plaque-Bildung schützt? Letztlich kommt es doch nicht auf die Vermeidung von Plaques an sondern auf den Erhalt kognitiver Fähigkeiten. Auch den kann man messen.
Klinische Versuche zur Prophylaxe könnten also auch ohne die bösen Strahlen durchgeführt werden. Die verständliche Neugier der Forscher sollte dabei hinter dem Wohl der Probanden zurücktreten können.
Der Artikel zielt nicht auf das Ausräumen von Bedenken, sondern zum Aufzeigen, dass geltendes Recht in manchen Fällen nicht sinnvoll anwendbar ist. Strahlung ist schlecht, potentiell Alzheimer zu bekommen ist für viele schlechter. Dem kann das Strahlenschutzgesetz aber keine Rechnung tragen.
Von daher finde ich Herrn Webers Auslasssungen auch irreführend, weil es eben auch nicht um die Willkürlichkeit eines Grenzwertes geht.
Bei Medikamentenstudien gibt es auch kein allgemein gültigen Grenzwerte (bei neuen Medikamenten ist das ohnehin schwierig). Entweder man schluckt das Zeug schon und willigt in eine Studienerfassung ein oder man willigt in eine Studie ein und schluckt das Zeug. So eine ähnliche Situation erfasst das Strahlenschutzgesetz höchstens im ersten Fall, wenn man bestrahlt wird, weil man was hat.
Jetzt sollte der Gesetzgeber zügig reagieren und sich die Sache anschauen. Wir haben doch so eine höchst erfolgreiche Regierung, nicht? ;)
Dieser Artikel strotzt nur so von Konjunktiven und das setzt sich in den Kommentaren fort. Dies ist natürlich für eine Krankheit, deren Verlauf wir durch technische Entwicklung zunehmend genauer unter die Lupe nehmen können, deren Ursache aber nur für die erbliche Form von Alzheimer (5% der Patienten) bekannt ist.
Für diese erbliche Form kennen wir 3 verschiedene Gene und weitere sind uns mit Sicherheit noch unbekannt, da nicht alle erblichen Formen durch Mutationen in diesen Genen erklärt werden können. Das Gen der hier geplanten Studie (PSEN1) ist für 30 bis 70% der bekannten Alzheimer Kranken verantwortlich - man beachte die Spannweite - aber immerhin die größte Gruppe der Patienten und daher für Forscher interessant. Für das PSEN1-Gen sind bis heute 40 unterschiedliche Mutationen bekannt, die alle eventuell zu Alzheimers führen - andere Mutationen sind wahrscheinlich.
Daß alle 3 verantwortlichen Gene und alle 40 Mutationen im PSEN1-Gen auf dem gleichen Weg die Alzheimers Krankheit auslösen, ist lediglich eine Vermutung, die jedoch die Wahrscheinlichkeit für den Erfolg bei der geplanten Therapie erhöht.
Daten aus: Early-Onset Familial Alzheimer Disease
http://www.ncbi.nlm.nih.g...
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