BERLINER BÜHNE Bis die Polzei kommt
Und warum Berlin Hauptstadt der zwei Punkte und nicht der zwei Sterne ist.
Trüber Abend im Stau, Kaiserdamm oder Mehringdamm, ist ja egal, wo man steht, aus jeder Richtung riegeln Baustellen die Zufahrt ins Zentrum ab. Man versucht, sich zu sammeln: Beim Nachdenken bleibt die Wanderhure genauso rätselhaft wie Stefan Raabs neue Talkshow. Draußen müde Herbstgesichter. Im Gedächtnis haftet lediglich eine Claudia Roth, die nicht lacht. Das hatten wir noch nie gesehen. Sie sagte: »Direkte Demokratie, das kann auch mal schiefgehen.« Da hat sie recht, in Berlin erinnert man sich sogar noch an Zeiten, als in solchen Fällen hinterher ein neues Volk gewählt wurde. Die Stadt macht übrigens Fortschritte: Die Zahl der Zwei-Sterne-Köche erhöht sich leicht, und vielleicht wird der Flughafen nächstes Jahr tatsächlich noch eröffnet. Allerdings fahren auch Polizeiwagen mit der Aufschrift »Polzei« umher. Wer behauptet, die Staatsmacht sei auf dem rechten Auge blind, trifft die Sache also nicht ganz. Trotzdem räumt sie auf, wo sie kann. Ohne Nachsicht werden in der Hauptstadt verfolgt: Falschparker, Schwarzfahrer in S- und U-Bahn sowie Telefonierer: Vor dir blockiert ein Motorradcop den Kaiser- oder Mehringdamm – freie Fahrt für den Schurken eines Schurkenstaats –, du greifst zum Handy, um Bescheid zu sagen, dass es später wird, und schon sind vierzig Euro Strafe fällig. Wenn es nach Verkehrsminister Ramsauer geht, kostet es demnächst siebzig. Da guckst du wie Claudi. Manche Köche haben hier zwei Sterne, aber die meisten Leute haben nur zwei Punkte in Flensburg.
- Datum 15.11.2012 - 07:00 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 15.11.2012 Nr. 47
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