Biografie : Das Noahtier

Er blickte zwinkernd auf die Wahrheit: Vor 150 Jahren wurde Gerhart Hauptmann geboren. Eine neue Biografie beleuchtet, was er tat – und was er unterließ.
© C.H. Beck

In der Weimarer Republik ist der Dramatiker Gerhart Hauptmann (15. November 1862 – 6. Juni 1946) gar nicht weit vom höchsten Amt entfernt. Wichtige Personen fordern ihn zur Kandidatur auf, und der Maler Leo von König, sein Freund, schreibt ihm nach dem Kapp-Putsch am 17. März 1920: »Sie müssen Präsident der Deutschen Republik werden... Es scheint mir unbedingt nötig, daß Deutschland in seiner Wahl den Willen zur Geistigkeit gegenüber dem Militarismus betont.«

Hauptmann kandidiert zwar nicht, aber die Idee fasziniert ihn: »Warum muss ich Präsident werden? Weil kein Andrer heut das deutsche Schicksal so in sich trägt...« Zwei Jahre später, in einem Brief an König, schreibt Hauptmann zweierlei. Erstens: »Gott sei Dank« sei er nicht Präsident geworden. Zweitens: »Ihre Idee machte doch für Stunden eine neue Person aus mir, die ich anders nie kennen gelernt hätte.«

Das ist ein Schlüsselsatz für Hauptmanns Lebenskunst: Schreibend machte er neue Personen aus sich, die er anders nie kennengelernt hätte. Es waren vorzugsweise solche, die unter ihm standen: Weber, Fuhrleute, Mägde. Hauptmann ist einer der großen Figurenerfinder unserer Literatur. Mit allen fühlte er sich verbunden, alle liebte er, und in einem Gespräch äußerte er einmal: »Etwas vom Geiste der Bergpredigt ist überhaupt in meiner Dichtung.«

In seiner Dichtung wohl, in seinem Leben nicht. Da herrscht, wie Peter Sprengels Biografie Gerhart Hauptmann – Bürgerlichkeit und großer Traum zeigt, der Kult ums eigene Genie, die Fähigkeit, fremdes Leid auszublenden und eigene Mitläuferschuld umzuschmelzen zur heroischen Zeitgenossenschaft, da inszeniert man sich als Goethe-Wiedergänger, da rühmt man Hitler und distanziert sich erst so recht, als er tot ist. Hauptmann trug wahrlich das deutsche Schicksal in sich, er verkörperte es bis zuletzt: Mit einem Sonderzug wurde er, siebeneinhalb Wochen nach seinem Tod, aus dem schlesischen Agnetendorf/Agnieszków nach Deutschland überführt.

Wollte man Hauptmanns Erscheinung mit Rollen definieren, sind es vor allem drei Rollen, die da zusammenfallen. Die des literarischen Genies. Die des verspotteten Großschriftstellers. Die des Repräsentanten der Nationalsozialisten.

Sich für ein Genie zu halten ist Hauptmann gemäß. Dass er Goethe ähnlich sehe, lässt er sich gern sagen, dass er Goethe aber nachgeahmt habe, weist er von sich, vielmehr sei es die gemeinsame Natur, die beide ergriffen habe und aus beiden spreche: »Irgend eine Verwandtschaft, die darin zum Ausdruck kommt, ist nicht abzuleugnen und sie könnte auch auf die Innerlichkeit übergegriffen haben. So ist es bei Tieren einer Gattung, ja selbst bei Pflanzen.«

Verblüffend: Hauptmann spricht über Goethe, als sei der noch am Leben, als könne Goethe mit dem Glück rechnen, seinerseits von Hauptmann beeinflusst zu werden.

Als Hauptmann längst schon den Nobelpreis erhalten hatte, passiert ihm etwas Verheerendes: Er gerät in das Werk eines Mannes, der erst später den Nobelpreis erhalten wird und ihn an Bedeutung aber, von heute gesehen, übertrifft: In Thomas Manns Zauberberg entdeckt er, als Figur, das Spiegelbild seiner selbst: den Mystiker und Kaffeepflanzer Mynheer Peeperkorn.

Als Hauptmann merkt, was Thomas Mann ihm da angetan hat, ist er entsetzt. »Dieses idiotische Schwein soll Ähnlichkeit mit meiner geringen Person haben«, schreibt Hauptmann an den Rand seines Leseexemplares. Wer die entsprechenden Zauberberg- Kapitel liest, entdeckt das Porträt eines geistig undeutlichen Mannes, der in vielen Sätzen nichts sagt, aber doch jede Abendgesellschaft beherrscht: eine Erscheinung, der perfekte Dirigent seiner Wirkungen. Hauptmann notiert: »Th. M hat also, als ich ihm offen und vertrauend entgegengekommen bin gleichsam lange Finger gemacht.«

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Und wieder einen berühmten Mann erledigt?

Hauptmanns Verhalten ab 1933 und seine Anbiederungsversuche an das NS-Regime waren inakzeptabel, seine Entscheidung, nicht zu emigrieren, war es nicht: wer konnte 1933 die kommende Entwicklung voraussehen? Selbst Thomas Mann soll lange gezögert haben, bevor er sich für die Emigration entschied.

Was Hauptmanns beste Dramen und Dichtungen angeht, von denen viele der bekanntesten vor dem 1. Weltkrieg entstanden sind und also überhaupt nichts mit dem Nationalsozialisums zu tun haben, so mag für sie gelten, was für die Werke Ezra Pounds und Knut Hamsuns gilt: sie gehören zur Weltliteratur, auch wenn wir die politische Stellung der Autoren zum Hitler-Regime verurteilen.

Zitat:
"Man muss bei diesem Wort bleiben, im Schatten von Hauptmanns Leben könnte es das Schicksal seines Werks sein: Vergessenheit. Es kann sehr wohl sein, dass in weiteren 50 Jahren Hauptmanns Kunst völlig verblasst ist, während der Mann als literaturhistorische Gestalt überlebt: als der deutsche Dichter, der so tief in Hitlers Augen sah, dass er ihnen nicht mehr entkam."

Daran habe ich mich bei der ZEIT gewöhnt.

Vielleicht anderthalb Sätze zu Hauptmanns wichtigster und bedeutendster Schaffensperiode – dem Kaiserreich - , dann aber 3 Seiten, um ihn in Beziehung zum NS-Regime zu setzen. Ein typischer ZEIT-Artikel.

Hart daran zu arbeiten, die deutsche Identität vollends auf Holocaust zu reduzieren, scheint (neben Sarrazin zu einer Unperson zu machen, die nur „Unsinn“ von sich gibt, und erledigt ist das Thema...) eines der Hauptanliegen des Blattes zu sein; wahrscheinlich werden die Redakteure von den Chefredakteuren dazu verdonnert.

Womit Gerhard Hauptmann überhaupt berühmt wurde, da muß ich mich wohl woanders informieren. Wie ich überhaupt nur mühselig die Lücken in meinen Geschichtskenntnissen schließe – in der Schule ist ja auch immer nur NS-Zeit.

Und auch da haben Sie recht: Den wohlhabenden Thomas Mann, der sich (nach anfänglichen Sympathien für den NS, und das als Teil der geistigen Elite Deutschlands) reichlich spät zur Emigration entschloss, sich als Celebrity auch keine großen Sorgen um die Aufnahme in seinem Exil machen musste, dann so mir-nichts-dir-nichts aus dem sicheren San Francisco eine durchgeistigte Rundfunk-Rede an sein Volk hielt, uns ständig als großes Vorbild zu präsentieren (nach dem Tenor: Seht her, Widerstand war möglich) und somit den Bahnarbeiter und Gemüseverkäufer allein mit seiner deutschen Schuld zu lassen, während die Elite, die Hitler erst eingesetzt hatte und dann vornehm emigrierte, ihre Hände in Unschuld waschend, halte ich für mehr als fragwürdig!

Falscher Umkehrschluss!

Mit grosser Zustimmung habe ich einerseits ihre Differenzierung bezüglich der "Normalitaet" und Wirkung mancher Nazis auf ihre Zeitgenossen aufgenommen, um dann aber ihre Schlussfolgerung zu beanstanden und für revisionistisch zu halten. Die Nazis waren sicherlich keine Monster, sondern Menschen. Und wer den "Nazi" in sich nie entdeckt, der wird das Böse mystifizieren, anstatt es in sich selbst zu erkennen. Insoweit bin ich bei ihnen. Zu behaupten aber, dass der angeblich "kleine Mann" nicht die Mittel hatte, das Reich zu verlassen, wenn es gerade auch der kleine Mann war, der nicht nur Hitler mehrheitlich wählte, sondern u. a. sich am Juden bereicherte, ist dann ebenso unlauter. Hauptmann war bereits ein gestandener Grossschriftsteller zu Zeiten der Nazis und hätte aufgrund seiner Stellung ohne weiteres das Land verlassen können. Ganz im Gegensatz zu anderen, die mittellos und trotz aller Mühen es aus moralischen Gründen taten. Hauptmann war mit Sicherheit kein heroischer Mensch, wer ist das schon? Und er war mit Sicherheit keiner, der mit sich auf Kriegsfuss stand, d. h. zu sich auf Abstand gegangen und zu grundlegender Selbstkritik befähigt! Auch hier, wer ist das schon? Dass zwischen Künstler und Mensch immer ein Zwiespalt herrscht, ist ja nichts neues. Ersteres wird die Zeit beweisen, ob es Wert ist tradiert zu werden, für Letzteres steht uns kein richterliches Urteil zu.

Widerspruch

"Den wohlhabenden Thomas Mann, der sich (nach anfänglichen Sympathien für den NS, und das als Teil der geistigen Elite Deutschlands) reichlich spät zur Emigration entschloss,"

Thomas Mann empfand nie auch nur die geringsten Sympathien für die Nazis, vielmehr hat er sich schon 1923(!) voller Abscheu zu Hitler und den Nazis geäußert. Auch entschloss er sich keineswegs reichlich spät zum Exil, sondern verließ Deutschland bereits im Februar 1933 bzw. kehrte von einer Vortragsreise im Ausland nicht mehr nach Deutschland zurück, nachdem er aufgrund seines Wagner-Vortrages aus Deutschland angefeindet worden war. Nie hat er danach ernsthaft mit dem Gedanken gespielt, nach Deutschland zurückzukehren. Heute weiß man, dass ein von Heydrich unterzeichneter Schutzhaftbefehl vorlag, der ihn nach Dachau gebracht hätte. Thomas Mann war also ein Emigrant der ersten Stunde.

Blaupause für eine Generation Intellektueller

Hier geht es nicht um Hauptmanns Lebenswerk, sondern um seine Haltung im Dritten Reich. Und da Hauptmann sich gern auf eine Stufe neben Goethe stellte, mag es angemessen sein, ihn an diesem intellektuellen Anspruch zu messen.

Hauptmann und andere kulturelle Größen boten die Blaupause für viele Bildungsbürger und Intellektuelle, die sich anmaßten, über den Dingen zu stehen und darüber hinwegsehen zu dürfen. Und nachdem hier ein anderer Forist Hauptmanns Haltung mit Verweis auf die Liebeswürdigkeit des Herrn Hitler schönredet: Er scheint dennoch die Verbrechen dieser Machthaber erfasst zu haben. Hat er daraus Konsequenzen gezogen, die man von einer intellektuellen und moralischen Autorität erwartet hätte? Nein! Und das darf, das muss man ihm auch 66 Jahre nach seinem Tod vorhalten.

Es ging mir nicht darum, Thomas Mann zu diffamieren.

Problematisch ist aber, ihn plakativ zum Vorbild zu erheben, als sei seine Situation als prominenter Schriftsteller auch nur annähernd vergleichbar mit dem Schicksal der Durchschnittsbevölkerung. Aus der persönlichen Perspektive hat Thomas Mann sich sicherlich richtig verhalten. Nur: Wo kommen wir denn hin, wenn alle, die als "Elite" früher das öffentliche Leben dominierten und über viel mehr Einflußmöglichkeiten verfügen als - sagen wir - ein Schneider in einer Kleinstadt, das Land verlassen, somit ein Vakuum hinterlassen und letztlich die Bevölkerung der Diktatur ausgeliefert lassen. Eine Bevölkerung, die die Diktatur maximal(!) zu 33% gewollt hatte.

Thomas Mann war (wie Gerhart Hauptmann auch) ein großer, aber politisch manchmal unbedarfter Literat und ein weiteres Beispiel dafür, daß man vielleicht nicht alle Zeitgenossen darüber aburteilen kann, wie sie sich zur NS-Zeit verhalten haben. Das scheint mir aber bei ZEIT-Artikeln generell das Hauptkriterium zu sein - etwas engstirnig und populistisch, wie ich finde. (Schließlich sind Bücher mit NS-Bezug finanziell meistens erfolgreich - "There's no business like Shoah business")

Nun ja

"Wo kommen wir denn hin, wenn alle, die als "Elite" früher das öffentliche Leben dominierten und über viel mehr Einflußmöglichkeiten verfügen als - sagen wir - ein Schneider in einer Kleinstadt, das Land verlassen, somit ein Vakuum hinterlassen und letztlich die Bevölkerung der Diktatur ausgeliefert lassen."

Bei Thomas Mann und anderen Exilanten, die Deutschland nach 33 verlassen mussten, war es keine freiwillige Entscheidung, sondern schlicht eine Frage auf Leben und Tod, ob sie in Nazi-Deutschland blieben oder nicht. Es kann also von einem 'im Stich lassen' keine Rede sein. Insofern läuft Ihr Argument ins Leere.

"Thomas Mann war (wie Gerhart Hauptmann auch) ein großer, aber politisch manchmal unbedarfter Literat und ein weiteres Beispiel dafür, daß man vielleicht nicht alle Zeitgenossen darüber aburteilen kann, wie sie sich zur NS-Zeit verhalten haben."
Von einem Mann vom Format Hauptmanns darf man schon erwarten, dass er sich vom Nationalsozialismus distanziert, zumal ja offensichtlich 67% der Bevölkerung Hitler und den Nationalsozialismus durchschaut und abgelehnt hatten.

Die meisten Emigranten

haben Deutschland wohl damals aus Furcht vor Verfolgung und Mord verlassen, und nicht aus dem, was Sie "moralische Gründe" nennen. Man lese bei V. Klemperer nacht, wie das mit dem Versuch zu emigrieren war. Das ist übrigens genauso ehrenwert - aber Hauptmann mußte allerdings wohl wenig befürchten, weil er Kompromisse machte. Nicht zuletzt, indem er nicht die Sektion Dichtung der Preussischen Akademie der Künste unter Protest verließ, als diese von den Nazis "gesäubert" wurde. (Ricarda Huch, die ebenfalls nicht emigrierte, trat unter Protest aus.)
"http://www.verbrannte-bue..."

Diese Anpassung kann man H. vorwerfen - dass er, damals schon 71 Jahre alt, in Deutschland blieb, nicht.

Noah - Noahtier

"Über den Wiesenstein, seine Villa, schrieb er gegen Kriegsende dieses Gedicht: »In meiner Arche lieg ich hier/ ein stilles, krankes Noahtier/ da draußen ist die große Flut/ doch Kiel und Planken halten gut.« Was für ein Selbstporträt: der Dichter als Noah, der sein Schiff durch die Sintflut steuert!"

Es kann meinem fehlenden Kontextwissen geschuldet sein, aber sieht er sich nicht vielmehr als ein sich passiv auf der Arche befindenden Tieres auf Noahs Arche denn als Noah selbst?

Denkwürdige Fehleinschätzung

Für mich zeigt die Diskrepanz zwischen unserem heutigen Blick auf das NS-Regime und den Fehleinschätzungen Hauptmanns vor allem Eines: Wir machen es uns heute wohl zu einfach, wenn wir Hitler, Himmler oder Hans Frank als „Nazi-Monster“ der Wirklichkeit entrücken und weit von uns weisen. Wenn man sich aber einmal der Arroganz des zeitlichen Abstands entledigt und Gerhard Hauptmanns Aufzeichnungen halbwegs ernst nimmt, werden wir mit der Nase drauf gestoßen: Es waren Menschen, keine Monster, die die NS-Verbrechen begangen haben!

Und Hauptmann ist mit seiner Einschätzung nicht alleine. Unzählige Zeitgenossen aus dem In- und Ausland berichteten unabhängig voneinander, daß Hitler ein äußerst angenehmer und aufmerksam zuhörender Gesprächspartner gewesen sein soll. So viele Leute können doch nicht irren!

Die Redaktion mag diesen „unerhörten“ Satz wegzensieren, aber vielleicht kommen wir der historischen Wahrheit tatsächlich näher, wenn wir das ernstnehmen, was ernstzunehmende Zeitgenossen der Nachwelt hinterlassen haben – und damit leben, daß es aus heutiger Sicht verstörend ist.