Wenn Barack Obama als erster amtierender US-Präsident nach Birma kommt, dann wird ein amerikanischer Friedensnobelpreisträger auf seine birmanische Friedensnobelpreis-Kollegin treffen: auf die prominente Oppositionsführerin und Freiheitskämpferin Aung San Suu Kyi. Der Präsident wird dann ein Thema ansprechen, das Suu Kyi möglicherweise sehr unangenehm ist, die Situation der unterdrückten und verfolgten Rohingya-Muslime im Westen Birmas.

Der Staat Birma schützt diese Minderheit nicht, im Gegenteil: Laut der Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch (HRW) haben sich Birmas Sicherheitskräfte im Sommer bei Ausschreitungen an der Verfolgung und Tötung von Rohingya beteiligt. Bei den Gewaltexzessen zwischen der Minderheit und den mehrheitlich in Birma lebenden Buddhisten wurden bis heute mindestens 180 Menschen getötet, Zehntausende Muslime in die Flucht getrieben und Tausende Häuser und Hütten niedergebrannt.

Seit März vergangenen Jahres wird Birma von einem zivilen Präsidenten geführt: Ex-General Thein Sein will das Land öffnen, der Opposition wurde stückweise politische Freiheit gegeben. Doch mit der Lockerung der Zensur sind auch die tiefgreifenden antimuslimischen Ressentiments in der buddhistischen Mehrheitsbevölkerung offensichtlich geworden. Buddhistische Mönche hetzen gegen Muslime und stoßen damit in der Bevölkerung auf offene Ohren. Buddhismus und ein chauvinistischer Nationalismus sind in Birma eine unangenehme Allianz eingegangen. Eine Allianz, der sich auch ehemals verfolgte Demokratie-Aktivisten und Mönche anschließen.

Die Oppositionsführerin Aung San Suu Kyi hat sich bis heute nicht eindeutig gegen die pogromartige Verfolgung der Rohingya gestellt, beispielsweise indem sie für sie die birmanische Staatsbürgerschaft einfordert, so wie es UN-Menschenrechtskommissarin Navi Pillay gerade getan hat.

Nur vier Prozent der Menschen in Birma sind Muslime, davon schätzungsweise 750000 Rohingya. Sie leben vornehmlich in Rakhine, dem birmanischen, vormals Arakan genannten Staat an der Grenze zu Bangladesch. Während der britischen Kolonialzeit kamen zahlreiche Wanderarbeiter aus dem angrenzenden Bangladesch, viele ließen sich in Arakan nieder und trafen auf Muslime, die bereits dort lebten. Deren Vorfahren wiederum waren möglicherweise arabische Händler. Obwohl die Rohingya also seit Generationen im Land leben, verweigert ihnen die Regierung Birmas die Staatsbürgerschaft. Sie bezeichnet sie als Bengalen aus Bangladesch. Selbst der als Reformpräsident gepriesene Thein Sein will die Rohingya am liebsten in UN-Camps unterbringen und von Drittländern aufnehmen lassen. Ihr Leben in Rakhine unterliegt harten Restriktionen. Sie sind nicht nur staatenlos, sie brauchen auch für alles Genehmigungen. Die Kindersterblichkeit hier ist hoch, die medizinische Versorgung schlecht. Die UN bezeichnen die Rohingya als eine der am stärksten verfolgten Minderheiten der Welt.

Zwar hat Suu Kyi inzwischen zu einem Ende der Gewalt aufgerufen und die Regierung aufgefordert, mehr Soldaten nach Rakhine zu schicken, um die Konfliktparteien zu trennen. Doch eine eindeutige Position zugunsten der Unterdrückten nimmt sie nicht ein. Das hat Gründe. Zum einen will sie die Unterstützung des in Birma gesellschaftlich und politisch einflussreichen Mönchsstandes nicht verlieren.

Zum anderen sind 2015 Parlamentswahlen, und es wird erwartet, dass sie mit ihrer Partei, der Nationalen Liga für Demokratie, dabei gut abschneiden wird. Würde sie sich vor der Wahl für die muslimischen Rohingya einsetzen, käme das im buddhistischen Birma möglicherweise einem politischen Selbstmord gleich. Offenbar ist auch das einst verschlossene Birma inzwischen von der Realpolitik eingeholt worden.