Bürgerkrieg in SyrienWer steckt hinter Syriens neuer Opposition?

Zum ersten Mal scheint sich die syrische Opposition gegen den Diktator Baschar al-Assad tatsächlich geeinigt zu haben. Im Power-Emirat Katar wurde mithilfe des Emirs und der Amerikaner die »Nationale Koalition der syrischen revolutionären und oppositionellen Kräfte« gegründet. Unter diesem Dach vereinigen sich nun die Gruppen und Grüppchen, die zuvor nur ihre eigene Sache gemacht haben. Als größter Block ist der Syrische Nationalrat dabei, der in der Vergangenheit vergeblich versucht hatte, für alle Gegner Assads zu sprechen.

Wer verbirgt sich hinter der neuen syrischen Opposition, die noch keinen endgültigen Namen gefunden hat? Mit dem Geistlichen Ahmed Muas al-Chatib hat die Koalition eine starke charismatische Spitze. Alle wichtigen politischen Oppositionsgruppen gehören ihr an. Zugleich sind die syrischen Muslimbrüder bei Weitem nicht mehr so dominant wie im Syrischen Nationalrat. Das hatte den Rat für Säkulare verdächtig gemacht. Nun gehen die Islamisten auf in einer großen Versammlung von Säkularen und Gläubigen, Christen und Muslimen. Die neue Opposition vereint überzeugendere Personen, und sie ist besser organisiert. Sie könnte also das Dauergebrechen des syrischen Nationalrats überwinden: In dem alten Verein wollten nämlich immer alle Chefs sein. Keiner dachte daran, sich den blassen Führungsfiguren ernsthaft zu unterstellen.

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Die Golfstaaten und die Arabische Liga haben die neue Opposition sofort als die legitime Vertretung Syriens anerkannt, Frankreich tat es ihnen wenig später gleich. Die »Freunde Syriens«, zu denen auch Deutschland und die USA gehören, werden auf ihrem nächsten Treffen in Marokko wahrscheinlich folgen. Sitz der syrischen Koalition soll Kairo sein, solange man nicht nach Damaskus umziehen kann. Und das dürfte noch eine Weile dauern.

Offen bleibt, ob der Oppositionsblock aus dem Ausland nach Syrien hineinwirken kann. Dort herrschen einerseits immer noch Baschar al-Assads Soldaten, andererseits die zersplitterten Truppen der Rebellen. Ginge es nur um die Freie Syrische Armee, dann fiele der Schulterschluss mit der politischen Opposition in Kairo wahrscheinlich leichter. Doch in Aleppo oder Homs werden manche Stadtteile von Freischärler-Brigaden beherrscht, die ganz auf eigene Faust handeln. Werden sie oder die Freie Syrische Armee sich irgendetwas aus Kairo sagen lassen?

So hofft jedenfalls die politische Opposition. Ihre neue Führung ist auf Wirkung aus. Nichts erinnert mehr an den Nationalrat, den lange Zeit ein medienscheuer Professor aus Paris leitete. Die Führer der neuen Koalition saßen nicht im Exil, sondern in Assads Gefängnissen und sind erst vor Kurzem geflüchtet. Das erhöht ihr Ansehen in Syrien selbst. Ahmed Muas al-Chatib, der erste Mann der Organisation, stammt aus einer bekannten muslimisch-sunnitischen Familie in Damaskus. Schon sein Vater predigte an der alten Ummajaden-Moschee in Damaskus, er selbst machte sich als Imam einen Ruf als toleranter Geistlicher, auch bei Christen. Die Assad-Familie vertrieb ihn aus der Moschee, er schloss sich der Opposition an. Dafür wird er in Syrien hoch geschätzt.

Seine Stellvertreter sind prominente Figuren der Damaszener Opposition. Der 66-jährige Riad Seif war früher Textilproduzent und wurde Vollblutpolitiker, nachdem die Assads ihm sein Geschäft kaputt gemacht hatten. Als guter Redner und stets lächelnder gewinnender Vermittler sorgte er mit dafür, dass diese bunte Koalition so unterschiedlicher Gruppen überhaupt zustande kam. Ihm zur Seite steht die bekannte syrische Dissidentin Suheir Atassi. Sie organisierte in Damaskus bis 2005 das Atassi-Forum, einen politischen Salon der Opposition. Beide kennen Assads Folterkeller von innen und sind deshalb glaubwürdig genug, den Aufstand politisch zu führen.

Auf diesen Persönlichkeiten ruhen nun die Hoffnungen vieler Syrer, der arabischen Staaten und des Westens. Sie sollen das Gesicht des besseren Syriens werden. Schon wird über ein Schattenkabinett gemunkelt. Auf jeden Fall sollen sie Ansprechpartner für alle werden. Wenn es gut läuft, auch für Moskau und Peking. Die Araber in Katar waren so begeistert, dass sie die Koalition schon fast als neue Regierung feierten.

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