Man nennt uns kriminell, weil wir beten. Weil wir das Wort Gottes laut aussprechen und nicht nur murmeln. Weil wir dabei einen Tallit, einen jüdischen Gebetsschal, tragen. Und weil wir aus der Thora vorlesen. Denn all das dürfen Frauen in Israel nicht, zumindest nicht an der Klagemauer.

Wir nennen uns Women of the Wall – die Frauen der Mauer. Seit mehr als 20 Jahren treffen wir uns dort, immer am Ersten des jüdischen Kalendermonats, zum gemeinsamen Morgengebet. Wir sind etwa hundert Frauen, und wenn wir alle in den Chor einstimmen, zusammen die heiligen Lieder singen, sind wir ganz beieinander. Und bei Gott. Diese Harmonie währt für gewöhnlich nicht lange. Eine Wand trennt uns von den Männern, die an der Mauer beten, doch das hindert sie nicht daran, uns zu beschimpfen und zu bespucken.

Vor vier Wochen nahm mich die Polizei noch während der Andacht fest. Ich wurde in Handschellen abgeführt und verbrachte eine Nacht in der Zelle. Die Vorwürfe: Widerstand gegen die Staatsgewalt, Beleidigung religiöser Gefühle, Erregung öffentlichen Ärgernisses. Angeblich entweihen wir die Klagemauer mit unseren Gesängen und bringen die Männer auf unkeusche Gedanken. Dabei gibt es kein jüdisches Gesetz, das es Frauen verbietet, ein Gebet laut auszusprechen. In Wahrheit geht es um etwas anderes.

Die Klagemauer untersteht einer Stiftung, deren Vorsitz ein orthodoxer Rabbiner innehat. Er allein entscheidet, wer was an der Klagemauer tun darf. Und in seiner Welt sollen Frauen zu Hause bleiben und Kinder gebären, aber nicht öffentlich beten. Dass es Frauen gibt, die das trotzdem wollen, scheint ihm unerklärlich. Was die Orthodoxen nicht verstehen: Die Welt ist nicht nur schwarz oder weiß. Es gibt mehr als eine Art von Männern oder Frauen. Und es gibt auch nicht nur das eine Judentum. Ich verurteile die Orthodoxie nicht, aber es muss in diesem demokratischen Land Israel auch einen Platz für Menschen wie mich geben.

Toleranz ist ein Grundpfeiler des jüdischen Glaubens. Deinen Nächsten zu achten, auch wenn er anders ist – das ist mir heilig. Mehr als 30 Mal wird dieses Gebot in der Thora erwähnt. Doch in Israel, im einzigen jüdischen Staat, werden nicht nur Frauen diskriminiert, sondern auch religiöse Minderheiten, Einwanderer und Homosexuelle. Rabbiner rufen dazu auf, Arabern das Leben schwer zu machen: Angeblich verbietet es die Halacha, das jüdische Gesetz, Land an Fremde zu verkaufen oder mit Ungläubigen zusammenzuarbeiten. Frauen sollen im Bus plötzlich auf den hinteren Plätzen sitzen, damit die Männer sie nicht ansehen müssen.

Solche Forderungen sind nicht nur unmenschlich – sie sind zutiefst unjüdisch. Es ist ein Paradox: Die Israelis werden immer religiöser, aber gleichzeitig entfernen sie sich immer weiter von den Werten unserer Religion. Menschen, die den Sabbat einhalten und an Jom Kippur fasten, brechen mit ihrer Intoleranz gleichzeitig eine der wichtigsten Regeln. Das kann ich nicht akzeptieren.

Am 15. November beginnt der Monat Kislew, und wieder werden die Frauen sich an der Klagemauer treffen. Ich werde nicht dabei sein, weil das Gericht es mir verboten hat. Wir hoffen, dass immer neue Frauen zu uns stoßen und mit uns beten. Für ein menschlicheres Israel. Für die Vielfalt des Glaubens.

Aufgezeichnet von Alexandra Rojkov

Anat Hoffman, 58, war Stadträtin in Jerusalem und ist Vorsitzende von »Women of the Wall« und des Israeli Religious Action Center, das sich für Pluralismus in Israel einsetzt. Am 16. Oktober wurde sie während einer Andacht festgenommen. Das Urteil: Hoffman darf den Bereich um die Klagemauer 30 Tage nicht betreten