Die ganze Welt redet über die Affäre des Ex-CIA-Chefs David Petraeus. Nicht geredet wird über das Hauptwerk des politischen Intellektuellen Petraeus. Dieses Buch hat es nie auf Spitzenplätze geschafft, aber es war einflussreicher als alle anderen Bestseller zusammen. Das Opus magnum umfasst 300 Seiten und trägt den spröden Titel FM 3-24.2. Es handelt sich um ein »Handbuch zur Aufstandsbekämpfung«, das Petraeus 2006, nach den verheerenden Erfahrungen der U.S. Army im Irak und in Afghanistan, zu Papier gebracht hat. Ausgiebig zitiert er darin literarische Klassiker, unter anderem T. E. Lawrence, der am arabischen Aufstand gegen das Osmanische Reich beteiligt war. Eher kritisch behandelt Petraeus seine Theorie-Väter, zum Beispiel Roger Trinquier, den Autor des Militärratgebers Der moderne Krieg. Von Trinquier hatten die von den USA unterstützten »Aufstandsbekämpfer« in Lateinamerika gelernt, und ihre Methoden waren: zu Tode foltern, aus dem Flugzeug werfen, ausbrennen. Zehntausende Menschen starben oder blieben auf immer verschwunden.

Wie alle counterinsurgency-Theorien beruht Petraeus’ Handbuch auf einer unsichtbaren Prämisse, einem Weltbild. Es lautet: Die Besatzungsmacht ist die historische Avantgarde und moralisch im Recht. Der Weltgeist kämpft auf ihrer Seite, und zum Konflikt mit den Aufständischen kommt es nur deshalb, weil diese vom Weltgeist keine Kenntnis haben. Der Aufständische ist kulturell befangen, er lebt noch in der Vergangenheit, denn »amerikanische Vorstellungen davon, was normal und rational ist, sind nicht allgemeingültig«. Mit Feuerkraft allein, so predigt Petraeus auf jeder Seite, werde der Krieg nicht gewonnen werden. Er sei ein kultureller Krieg, ein »Kampf um die Köpfe und die Herzen«. Deshalb dürften sich die US-Truppen auch nicht die Hände schmutzig machen. Den »schmutzigen Krieg«, das schreibt Petraeus allerdings nicht, überlässt man anderen, zum Beispiel den neu geschaffenen irakischen Militäreinheiten.

Bei Petraeus finden sich nicht nur Klassikerzitate, sondern auch Fußspuren der französischen Theorie, zum Beispiel Gedanken von Gilles Deleuze. Widerstand soll in Netzwerken gebrochen werden, die Besatzer müssen mithilfe von Anthropologen Sitten und Gebräuche studieren und so in das Wurzelgeflecht der Stämme eindringen. Die amerikanische Macht muss flüssig und fest, regulär und irregulär zugleich sein. Gesiegt hat für Petraeus das Imperium des Guten offensichtlich dann, wenn es sich zurückziehen und der Weltgeist im eroberten Gebiet Fuß fassen kann, wenn Demokratie und Markt wachsen und gedeihen. Nun ist die Freiheit ganz frei und wirkt doch wie durch Zauberhand im Sinne Amerikas.

Es ist eine anspruchsvolle Theorie, mit der Petraeus die Geschichte des politischen Denkens fortführt, aber vielleicht nicht anspruchsvoll genug. Die letzte aller Wendungen fehlt ihr leider, nämlich die Einsicht, dass sich auch eine Theorie der Allbeherrschbarkeit nicht mit der Realität verwechseln sollte, nicht im Großen und nicht im Kleinen. In diesen Tagen ist General Petraeus in einem Rosenkrieg gefallen.