Die Verhandlungen über den EU-Haushalt sind zäh und langwierig. Bereits im Sommer 2011 hatte die EU-Kommission ihren Vorschlag für ein neues Budget vorgelegt. Er sah etwas weniger Geld für Europas Bauern und etwas mehr für Forschung und die europäische Infrastruktur vor. Insgesamt sollte der Haushalt 1033 Milliarden Euro umfassen. Kaum lag der Vorschlag auf dem Tisch, protestierte die Bundesregierung. Zu wenig ehrgeizig seien die Ziele, lautete das Urteil aus Berlin. Deutschland will insgesamt weniger ausgeben, aber mehr in Wachstum und Wettbewerbsfähigkeit investieren. Die Fördermittel, die zur Verfügung stehen, sollen besser genutzt, ihre Vergabe an strengere Auflagen geknüpft werden.

Seit Monaten wirbt Michael Link bei seinen EU-Kollegen für diese Position. Erst am vergangenen Wochenende war er in Dublin, von dort ist er nach Paris weitergeflogen. Am Montag und Dienstag ist er noch einmal in Brüssel, bevor die Regierungschefs kommen.

Deutschland ist als größter Beitragszahler in einer starken Ausgangsposition. Die Regierung hat sich mit anderen Nettozahlern, mit Österreich, Finnland, Frankreich, den Niederlanden und Schweden, zusammengetan, um gemeinsam für die eigenen Ziele zu werben. Michael Link und seine Mitarbeiter haben die entsprechenden Positionspapiere verfasst. »Friends of better spending« nennt sich die Gruppe. Für Portugiesen, Polen oder Rumänen ist das ein Kampfbegriff geworden. »Better spending« klingt für sie nach: weniger Geld.

Tatsächlich spricht Link viel über Prinzipien, aber er nennt selten Zahlen. Nicht mehr als ein Prozent des Bruttonationaleinkommens soll das künftige EU-Budget betragen, lautet die offizielle Position der Bundesregierung. Aber je nachdem, wie man rechnet, kommt man dabei auf unterschiedliche Beträge. Mal liegt die Zahl bei 960 Milliarden Euro, mal noch darunter. Link will sich nicht festlegen. Die Kanzlerin braucht den Verhandlungsspielraum, wenn es ernst wird.

Jeder Mitgliedsstaat hat ein Vetorecht, dann kommt das Europaparlament

Mehr als ein Dutzend Mal haben Link und seine Kollegen aus den anderen 26 EU-Ländern bereits zusammengesessen und über den Haushalt verhandelt. Sie haben ihre Positionen verglichen, Kompromisse ausgelotet und Verhandlungsboxen geschnürt, wie das im Brüsseler Fachjargon heißt. Seit drei Wochen liegt ein neuer Vorschlag auf dem Tisch. Aber nichts ist wirklich verabredet, so lange nicht alles verabredet ist. Die Regierungschefs müssen sich auf ein Gesamtpaket verständigen, dabei hat jeder einzelne der 27 Mitgliedsstaaten ein Vetorecht. Und auch das EU-Parlament muss am Ende zustimmen.

Je näher der Gipfel rückt, desto schärfer vertreten die meisten Beteiligten daher ihre Positionen. Die neue französische Regierung kämpft genauso wie die alte darum, dass die französischen Bauern nicht zu kurz kommen. Die Polen, die überdurchschnittlich von der Strukturförderung profitieren, wollen am liebsten gar keine Abstriche mehr machen. Dänemark, einer der Nettozahler, fordert einen Beitragsrabatt. »Jeder läuft mit einer Streichholzschachtel herum und droht, den ganzen Deal platzen zu lassen«, sagt einer von Links Kollegen.

Mehr als alle anderen bereitet die britische Regierung den Deutschen Sorgen. Eigentlich vertritt Großbritannien, wenn es um den Haushalt geht, in der EU dieselben Ziele wie Deutschland. Doch in den vergangenen Monaten haben die Briten ihre Forderungen radikalisiert. Sie wollen die Ausgaben der EU auf dem Niveau von 2011 einfrieren; das Gesamtvolumen läge damit unter 900 Milliarden Euro. Das ist für viele andere unakzeptabel. Angela Merkel ist deswegen extra nach London gefahren. Und auch Michael Link bemüht sich, einen Kompromiss zu finden. »Einige Partner haben sich sehr festgelegt«, sagt er, »nun müssen wir ihnen helfen, wieder aus der Ecke herauszukommen.«

Michael Link hat deshalb vor einigen Wochen den Rabatt, den die britische Premierministerin Margaret Thatcher 1984 für ihr Land erkämpft hatte, öffentlich infrage gestellt. Großbritannien bezahlt dank dieser Sonderregelung stets weniger in den EU-Haushalt ein, als es rechnerisch müsste. Der Rabatt ist ein Privileg, das in den EU-Verträgen verankert ist; vielen Briten gilt er als Symbol des Widerstands gegen Brüssel. Kein britischer Premier wird daher auf ihn verzichten. Auch Link glaubt nicht ernsthaft, dass er die britische Regierung so unter Druck setzen kann. Dass er den Rabatt dennoch zur Sprache bringt, ist eher als eine Art Angebot zu verstehen: Wir stellen den Rabatt infrage, damit ihr ihn verteidigen könnt und dies anschließend zu Hause als großen Erfolg verkauft. Im Gegenzug, so die Hoffnung, könnten die Briten an anderer Stelle doch noch nachgeben.

Ob diese Rechnung aufgeht, ist fraglich. Doch es sind solche taktischen Winkelzüge, die nun dominieren. Der Druck auf alle Beteiligten, sich zu einigen, ist groß. Noch eine Krise will sich die EU nicht erlauben. »Das Signal der Handlungsfähigkeit Europas ist extrem wichtig«, sagt Michael Link. Und auch wenn er es nicht ausspricht, weiß er, was das bedeutet: Fast jeder Kompromiss ist besser als überhaupt kein Kompromiss. Der »moderne Haushalt«, die Prinzipien, das alles tritt am Ende in den Hintergrund. Hauptsache, die Regierungschefs einigen sich.

Vor einigen Wochen hat Michael Link erzählt, wie er sich auf seine Aufgabe vorbereitet hat: »Ich habe mich viel mit der Frage beschäftigt, warum das 2005 fast schiefgelaufen ist. Damals gab es am Schluss ein gnadenloses Gefeilsche, bei dem jeder in der letzten Verhandlungsnacht mitgenommen hat, was er kriegen konnte. Dem möchte ich entgegensteuern.« Vielleicht ist es ganz gut, dass der Vorbereiter nicht in Brüssel dabei sein kann.