ZEIT: ...dann hätte man ja auch jeden anderen nehmen können!

Terium: Ich bin weder jemand, den man als Star angeheuert hat – noch bin ich derjenige, der allein das Unternehmen ausmacht. Die Dinge sind nicht schwarz oder weiß, sondern grau. Wenn Sie so wollen, bin ich zufällig der richtige Mann zur richtigen Zeit am richtigen Platz. Als ich RWE-Chef wurde, war die Energiewende durch. Ich brauchte nicht für Kernkraftwerke zu kämpfen, vielleicht bin ich nicht so laut wie Jürgen...

ZEIT: ...Jürgen Großmann, Ihr Vorgänger als RWE-Chef...

Terium: Terium:...aber ich hätte mit genau so viel Überzeugung für meine Aktionäre, für meine Mitarbeiter, für mein Unternehmen gekämpft. Brauchte ich aber nicht.

ZEIT: Aber Sie haben gleich nach Ihrem Amtsantritt gesagt, dass RWE weltweit keine Atomkraftwerke mehr bauen wolle. Das hätten Sie nicht tun müssen.

Terium: Ich habe es getan, weil der Neubau eines Kernkraftwerkes sich nirgendwo mehr lohnt. Als Unternehmen können wir uns neue Kernkraftwerke nicht mehr leisten. Stattdessen muss ich zusehen, wie ich die schwere finanzielle Belastung, die uns die Energiewende beschert hat, beherrschbar halte. Ich halte die Energiewende nicht für falsch. Aber sie hat uns zum falschen Zeitpunkt erwischt, weil wir gerade das größte Programm zur Kraftwerkserneuerung in unserer Geschichte auf den Weg gebracht hatten. Wir haben in den vergangenen sechs Jahren 5 Milliarden in erneuerbare Energien und 15 Milliarden Euro in konventionelle Kraftwerke investiert. War das richtig? Was die fossilen Kraftwerke angeht, aus heutiger Sicht nicht. Wir haben jetzt Kraftwerke, die ihr Geld nicht mehr vollständig einbringen, weil grüner Strom privilegiert ins Netz kommt und den Großhandelspreis senkt. Wir waren mal bei fast 70 Euro pro Megawattstunde, jetzt sind wir bei nur noch rund 50 Euro. Ein Euro weniger belastet unser Ergebnis mit bis zu 100 Millionen Euro. So sieht’s aus.

ZEIT: Herr Terium, wie viel zahlen Sie privat für Strom?

Terium: Weiß ich nicht genau, weil ich zurzeit in einer Mietwohnung lebe und die Stromkosten Bestandteil der Nebenkostenumlage sind. Ich schätze, dass es knapp 250 Euro sind.

ZEIT: Im Jahr?

Terium: Das wäre schön. Nein, monatlich.

ZEIT: Zahlen Sie zu viel oder zu wenig?

Terium: Kommt drauf an, wie Sie »zu viel« definieren. Für den Nutzen, den Strom spendet, ist es eigentlich viel zu wenig. Ich komme nach Hause, habe Licht, gekühlte Speisen und Getränke, eine warme Wohnung – Strom sorgt für sämtlichen Komfort, der heute zu meinem Leben dazugehört. Andererseits weiß ich natürlich, dass Elektrizität sich rein betriebswirtschaftlich günstiger erzeugen lässt. Aber Energiewende, Klimaschutz, Technologieförderung und Energievorsorge haben ihren Preis.

ZEIT: Über den Strompreis wird in Deutschland heftig gestritten. Wird der Streit ehrlich geführt?

Terium: Allmählich ja. Im Sommer vergangenen Jahres war der Regierung und dem Parlament nicht wirklich klar, welche Folgekosten ihre Entscheidung zur Energiewende haben würde. Wir haben versucht, darauf aufmerksam zu machen. Das war aber nicht erwünscht. Der Zeitgeist in Deutschland sagte, wir müssen raus aus der Kernenergie, um jeden Preis. Dagegen kommt man mit reinen Kostenargumenten nicht an.

ZEIT: Bedauern Sie das?

Terium: Die Entscheidung ist durch. Es geht jetzt nicht mehr um das »Ob«, sondern um das »Wie« – und jetzt wird langsam klar, was die Wende kostet.

ZEIT: Müssen sich die Verbraucher an immer weiter steigende Preise gewöhnen?

Terium: Nein, das glaube ich nicht – wenn der Staat für den richtigen regulatorischen Rahmen der Energiewende sorgt. Soll der Strompreis nicht durch die Decke gehen, dann muss der Rahmen nicht nur europäisch, er muss auch systemisch sein.

ZEIT: Systemisch?

Terium: Ja, wir müssen überlegen, was wir eigentlich wollen. Wollen wir eine europaweite CO₂-Minderung? Wollen wir die Erneuerbaren ausbauen? Wollen wir bezahlbaren Strom? Oder wollen wir eine Mischung aus allem? Das wird im Moment ausdiskutiert. Daraus wird sich ergeben, wie der Markt in Zukunft aussieht – und welche Rolle wir als Stromkonzern darin spielen.