ZEIT: Strom ist ein merkwürdiges Produkt, Herr Man kann ihn nicht anfassen wie ein Auto, nicht riechen wie Kaffee – warum verkaufen Sie Strom?

Terium: Weil Strom ein spannendes Produkt ist – und weil sich ohne Spannung nichts bewegt. Strom ist ein Produkt, dessen Erzeugung betriebswirtschaftliches Kalkül erfordert, Rücksicht auf die Umwelt und Austausch mit der Politik, die für den regulatorischen Rahmen sorgt. In dieser Intensität hat es keine andere Branche mit diesen drei Dimensionen zu tun.

ZEIT: Das klingt fast wie auswendig gelernt.

Terium: Ist es aber nicht.

ZEIT: Könnten Sie auch etwas anderes als Strom verkaufen?

Terium: Das habe ich ja bereits getan. Ich habe zwölfeinhalb Jahre im Verpackungssektor gearbeitet. Wir haben Verpackungen für Coca-Cola gemacht, für Mineralwasser, aber auch Drehdeckel für Orangensaft und Marmelade. Verpackungen waren für mich interessant, weil sie Teil des Produkts sind, das in ihnen steckt – aber auch, weil sie international sind.

ZEIT: Ihr Vorvorgänger bei RWE, Harry Roels, war ebenfalls Niederländer. Welche Schlüsse haben Sie aus seinem Scheitern gezogen?

Terium: Der damalige Aufsichtsrat hat seinen Vertrag nicht verlängert. Das hatte viele Gründe, die wenigsten davon lassen sich auf heute übertragen. Es ist eine andere Zeit.

ZEIT: Woran könnten Sie scheitern?

Terium: An vielem.

ZEIT: Anders gefragt: Welche Hürde müssen Sie überwinden?

Terium: Das Schwierigste ist, RWE für die Energiewende fit zu machen. Bisher haben wir Großkraftwerke gebaut und betrieben, mit Kapitalrücklaufzeiten von 20, 25 Jahren. Dafür brauchten wir Beständigkeit. Die Beständigkeit der Vergangenheit steht uns im Wege, um die neuen Produkte zu liefern, die die Energiewende in Zukunft braucht. Das ist ein Kulturschock. RWE wird in fünf Jahren ein anderes Unternehmen sein, als es vor fünf Jahren war.

ZEIT: Kommt die Erschütterung auch daher, dass RWE sein Monopol zur Stromerzeugung verliert? Windräder und Solaranlagen betreiben, das können schließlich viele.

Terium: Ja, aber wir können das auch. Wir sind der größte Windparkbetreiber auf dem Festland in Deutschland.

ZEIT: Weil RWE 2009 den niederländischen Versorger Essent übernommen hat.

Terium: Auch deswegen. Aber wir haben obendrein eine große Truppe, die Wind onshore entwickelt. Glauben Sie nicht, dass wir unser Geld nur mit Großkraftwerken verdienen; die steuern nur ein Viertel zum Ergebnis bei. Ein weiteres Viertel kommt aus den Netzen und dem Vertrieb, weitere 25 Prozent jeweils aus dem Handel und dem Öl- und Gasbereich.

ZEIT: Wenn RWE schon so gut aufgestellt ist, warum wollen Sie das Unternehmen trotzdem neu erfinden?

Terium: Wir wissen beispielsweise, dass beim Strom die Marke wichtiger wird – und dass es den Kunden nicht nur um den Strompreis geht, sondern um die Stromrechnung und die Werte, die ein Unternehmen lebt. Deshalb wollen wir allmählich auch Produkte entwickeln, die den Kunden helfen, ihren Stromverbrauch selbst zu managen.

ZEIT: Um Blackouts zu vermeiden, will die Bundesregierung Sie nun zwingen, unwirtschaftlich gewordene Kraftwerke betriebsbereit zu halten.

Terium: Das ist eine gehobene Form der Enteignung. Dafür bietet man uns zwar eine angemessene Vergütung an. Aber was angemessen ist, darüber gibt es natürlich Diskussionsbedarf.

ZEIT: Müssen die Deutschen im kommenden Winter mit Blackouts rechnen?

Terium: Schwierige Frage. Wenn ich dazu was sage, setze ich mich sofort dem Verdacht aus, mit Angstmacherei eigene Interessen zu verteidigen. Fragen Sie besser die Bundesnetzagentur.

ZEIT: Sie haben doch selbst eine Meinung dazu.

Terium: Klar. Im vergangenen Winter war es einige Tage lang ziemlich spannend. Daraus hat man gelernt, gut. Aber der kommende Winter wird anders sein als der letzte. Sicher können wir deshalb nicht sein.