In diesen Tagen hält das deutsche Wort »Energiewende« Einzug in die englische Sprache, wie vor langer Zeit angst und sauerkraut. Selbst die New York Times und der Economist benutzen es mittlerweile, wenn von Deutschlands historischem Plan die Rede ist, auf eine grüne, von erneuerbaren, nichtnuklearen Energiequellen gespeiste Wirtschaft umzustellen. Sein Debüt im englischen Sprachraum feierte der Ausdruck im Bostoner Christian Science Monitor, der am 26. April 2011 unter dem Eindruck der Nuklearkatastrophe von Fukushima ironisch bemerkte: »Kanzlerin Angela Merkel verwendet den Ausdruck ›Energiewende‹, als handle es sich um eines ihrer letzten Wahlkampfthemen.«

Die maßgebliche Übersetzung des Begriffs »Energiewende« ist freilich umstritten. Im Rennen um seine möglichst adäquate Wiedergabe im Englischen sind derzeit: energy transition (Energieübergang), energy revolution (Energierevolution), energy transformation (Energiewandel), energy turnaround (Energieumschwung), energy u-turn (Energiekehrtwende oder -kehre), national energy transformation (nationaler Energiewandel) sowie clean energy switch (Umstellung auf saubere Energie).

Der »Energie«-Teil des Ausdrucks ist nicht das Problem. Mit der »Wende« ist es schwieriger. Sie kann als turn (Wendung, Wende), rebound (Rückprall), reversal (Umkehr, Umschwung), tack (Wende beim Segeln) oder turning point (Wendepunkt) übersetzt werden. Und natürlich wuchs dem Wort »Wende« im Deutschen in den frühen neunziger Jahren eine neue Bedeutung zu, als es auf den Zusammenbruch der DDR und die Kette von Ereignissen gemünzt wurde, die zur Wiedervereinigung führten. Was Amerikanern und anderen Nichtdeutschen indes nicht sehr viel weiterhilft, da allenfalls akademisch gebildete Menschen mit diesem Sprachgebrauch vertraut sein dürften.

Obwohl eine schreiende Ungerechtigkeit, ist es doch Tatsache, dass Kanzlerin Merkel und ihre Regierung den Ausdruck »Energiewende« okkupiert und in Beschlag genommen haben, als seien sie seine Schöpfer – was zweifellos nicht der Fall ist. In Wirklichkeit reichen die Wurzeln des Begriffs in die Vereinigten Staaten der siebziger Jahre zurück, und zwar an die Westküste, wohin er jetzt, vierzig Jahre später, in deutscher Gestalt zurückkehrt.

Deutschlands »Energiewende« hat nämlich eine lange Entstehungsgeschichte. Sowohl der Begriff als auch die energiepolitischen Ziele lassen sich auf die frühe Bewegung zugunsten alternativer Energie zurückführen, die in den siebziger Jahren in den USA und in Deutschland Pionierdienste leistete. 1976 prägte der amerikanische Physiker und Alternativenergie-Guru Amory Lovins den Ausdruck »Soft Energy Path«, um den Weg zu beschreiben, auf dem ein zentralisiertes, auf fossilen und nuklearen Brennstoffen beruhendes Energieversorgungssystem nach und nach durch Energieeffizienz und erneuerbare Energiequellen ersetzt wird. Sein 1977 veröffentlichtes Buch Soft Energy Paths. Toward a Durable Peace (deutsch 1978 zunächst unter dem Titel Sanfte Energie. Das Programm für die energie- und industriepolitische Umrüstung unserer Gesellschaft, dann als Taschenbuch mit dem Titel Sanfte Energie. Für einen dauerhaften Frieden erschienen) erregte die Aufmerksamkeit einiger deutscher Kernkraftgegner, die in den sechziger und siebziger Jahren längere Zeit in den Vereinigten Staaten verbracht hatten.

So kamen der Frankfurter Aktivist Florentin Krause und seine zwei Co-Autoren Hartmut Bossel und Karl-Friedrich Müller-Reißmann auf die Idee, Lovins’ theoretische Überlegungen zu einem Pfad zur sanften Energie auf deutsche Verhältnisse zu übertragen. Das Resultat war der Band Energie-Wende. Wachstum und Wohlstand ohne Erdöl und Uran, der 1980 als ein Bericht des Freiburger Öko-Instituts vorgelegt wurde. Seine drei Verfasser entwarfen alternative Szenarien einer nichtnuklearen Zukunft, die auf begrenztem Wirtschaftswachstum, Energieeinsparungen und der Nutzung der Sonnenenergie beruhten. Energie-Wende versprach den Deutschen »mehr Wohlstand mit weniger Energie« durch einen Strukturwandel der Wirtschaft und fortschrittliche Technologien. In der ZEIT wurde das Buch knapp rezensiert und als mehr oder weniger unseriös abgetan.

Unter jenen, denen in seinem Vorwort ausdrücklich gedankt wird, finden sich die Mitarbeiter des International Project to Encourage Soft Energy Paths der Friends of the Earth in San Francisco, »ohne deren Hilfe«, wie es heißt, »uns viele Informationen über neue energietechnische Entwicklungen im Ausland unbekannt geblieben wären«. Damals kam die Sanfte-Energie-Bewegung, Lovins’ geistiges Kind, in den Vereinigten Staaten gerade in Fahrt. Während er sein Buch schrieb, unterstützte die Regierung Carter als Konsequenz aus der Ölkrise von 1973 die technische Entwicklung auf dem Feld der erneuerbaren Energien. Sie förderte vor allem die Sonnenenergie, und der technologische Durchbruch gelang in den Vereinigten Staaten, nicht in Europa. Das alles wurde sofort torpediert, als 1980 Ronald Reagan an die Macht kam. Reagan ließ sogar einen Sonnenkollektor vom Dach des Weißen Hauses entfernen. In der Bundesrepublik hingegen griff man die Innovationen – insbesondere die Photovoltaik – dankbar auf und machte sie sich zu eigen.

Liegt also der Ursprung des Ausdrucks »Energiewende« in den Vereinigten Staaten? »Zum Teil auf jeden Fall«, sagt Hartmut Bossel, einer der beiden Mitverfasser von Energie-Wende und Professor für Umweltsystemanalyse, heute im Ruhestand. »Insbesondere Kalifornien stand an vorderster Stelle, wenn es um technische Lösungen wie Solarmodule, Windmühlen und kleine Wasserwerke ging.« Von Ende der sechziger bis in die siebziger Jahre hinein lebte Bossel in Südkalifornien, wo er Maschinenbau unterrichtete und an einer ganzen Reihe von Projekten zu alternativen Energien arbeitete.