Finanzbranche : Die heimliche Rettung

Ob Hilfen für die Banken, Stützung des Euro oder neue Finanzregeln – einer profitiert immer: die deutsche Versicherungsbranche.

Oliver Bäte ist der Mann für die Zahlen, es ist sein Job, die Dinge nüchtern zu sehen. Viele Jahre lang arbeitete er für die Unternehmensberatung McKinsey, seit 2009 ist der Mittvierziger mit der randlosen Brille für die Finanzberichte der Allianz verantwortlich. Als Bäte vor ein paar Tagen die neuesten Geschäftsergebnisse des Versicherungsriesen vorlegte, geriet er jedoch ins Schwärmen. Mal waren die Zahlen »sehr, sehr gut«, mal »ganz hervorragend«, mal so, dass er sich damit »sehr wohl« fühlte.

Dem Branchenführer geht es bestens, in diesem Jahr soll der Gewinn bei mehr als neun Milliarden Euro liegen. Die Allianz hat vieles richtig gemacht: Sie hat das Engagement in Griechenland rechtzeitig zurückgefahren und war bei der großen Zockerei mit amerikanischen Immobilienkrediten nicht dabei.

Was die Münchner nicht so gern erzählen: Die Zahlen der Allianz sind heute auch so gut, weil der Staat mitten in der Finanzkrise ein bisschen nachgeholfen hat. Ende 2008 konnte der Finanzkonzern die Dresdner Bank an die Commerzbank verkaufen. Der Deal glückte auch deshalb, weil die Bundesregierung der Commerzbank zu einem Zeitpunkt mit vielen Milliarden aushalf, als sich große Löcher in der Bilanz der Dresdner Bank auftaten und die Übernahme zu scheitern drohte. Die Allianz war aus dem Schneider – die Commerzbank hingegen laboriert noch heute an den Folgen.

Interessen der Versicherungsbranche im Blick der Politik

Es war nicht der einzige staatliche Eingriff zugunsten eines deutschen Versicherungsunternehmens in der Krise. Ob bei der Sanierung der Banken, bei der Stabilisierung des Euro oder jetzt aktuell beim Umgang mit den niedrigen Zinsen – immer wieder hat die deutsche Politik die Interessen der Versicherer im Blick. Doch während die Bankenrettung auf offener Bühne verhandelt wurde und eine gesellschaftliche Debatte auslöste, verlief die Rettung der Versicherungen eher verschwiegen und leise.

Diesem Muster folgte nicht nur die Finanzhilfe bei der Fusion der Dresdner Bank mit der Commerzbank. Auch die Stützung der Hypo Real Estate (HRE) im Herbst 2008 half der deutschen Versicherungsbranche. So betrugen die unbesicherten Verbindlichkeiten der HRE gegenüber Versicherern und Pensionskassen rund zehn Milliarden Euro. Geld, das womöglich komplett weg gewesen wäre, wenn die Münchner Bank kollabiert wäre.

Versicherungen zählen traditionell zu den größten Geldgebern von Banken. Nach Daten des Gesamtverbandes der Deutschen Versicherungswirtschaft (GDV) hat die Assekuranz insgesamt rund 15 Prozent ihrer Gelder in Bankanleihen investiert. Deshalb profitieren die Versicherer von jeder Bankenrettung – und sind in akuter Gefahr, wenn tatsächlich eine große Bank Konkurs anzumelden droht. Eine Pleite würde bei ihnen massive Abschreibungen nach sich ziehen, in der Folge womöglich massive Verluste und damit im Extremfall sogar Versicherer wanken lassen.

Ein deutscher Lebensversicherer vor dem Kollaps – das wäre für die Regierung ein echtes Horrorszenario. Lebensversicherungen sind der Deutschen liebstes Finanzprodukt, derzeit haben sie mehr als 89 Millionen Policen abgeschlossen. Im Schnitt ist das mehr als eine Police pro Kopf – da soll schon aus politischen Gründen nichts schiefgehen.

Die Lage ist so ernst, dass sich die Politik des Themas angenommen hat

Wie schon bei der Rettung der Banken achteten die deutschen Unterhändler bei den Stützungsaktionen für den Euro darauf, dass die Versicherungsunternehmen möglichst wenig Schaden nehmen. Versicherungen sind vor allem auf die Sicherheit ihrer Kapitalanlagen bedacht, und wenn bis zum Ausbruch der Krise etwas als sicher galt, dann waren es Staatsanleihen. Entsprechend hatten Deutschlands Versicherungsunternehmen viele Milliarden Euro an Länder wie Griechenland, Portugal, Spanien oder Italien verliehen. Kaum eine Branche profitierte daher so sehr wie die Versicherungswirtschaft davon, dass dank der Rettungsschirme bisher mit Ausnahme von Griechenland alle europäischen Staaten ihre Anleihen vollständig bedient haben. Allein die Allianz hat derzeit noch gut 30 Milliarden Euro in italienischen Staatsanleihen angelegt.

Zugute kommt den Versicherungen auch, dass spanische und irische Pleitebanken im Rahmen der Rettungsprogramme dazu gezwungen wurden, ihre Schulden weiter zu bedienen, wenn sie mit öffentlichen Geldern saniert werden. Offiziell soll diese Vereinbarung das Finanzsystem vor dem Kollaps bewahren, doch sie ist zugleich ein gewaltiges Geschenk für die deutsche Finanzbranche.

Allein irische Banken haben seit dem Beginn des Anpassungsprogramms für das Land rund 15 Milliarden Euro an ihre Gläubiger ausbezahlt – zu diesen zählt auch die Allianz. In Irland sorgt diese Praxis für Unmut, denn am Ende müssen die irischen Steuerzahler für die Kosten aufkommen. »Wir werden gezwungen, deutsche Investments zu schützen«, heißt es in dem Politblog Guido Fawkes. Wiederholt kam es zu Protesten gegen die Überweisungen ins Ausland.

Lebensversicherer unter Druck

Inzwischen geraten insbesondere die Lebensversicherer noch von einer anderen Seite unter Druck. Sie werben seit je mit einem Garantiezins, den ihre Kunden in jedem Fall erhalten. In aller Regel kommt noch Geld obendrauf, weshalb die laufende Verzinsung immer höher liegt; der Garantiezins aber ist sicher. In den neunziger Jahren lag dieser bei vier Prozent im Jahr, und auch wenn er seit damals immer wieder abgesenkt wurde, liegt er im Durchschnitt heute noch bei etwa 3,25 Prozent. So viel Rendite will erst einmal erwirtschaftet sein in einer Zeit, in der die Notenbanken die Zinsen niedrig halten und nur noch wenige Geldanlagen gleichzeitig sicher und rentabel sind – wie es deutsche Versicherer bevorzugen.

Nach neuesten Angaben des GDV verwalten Deutschlands Lebensversicherer derzeit 758 Milliarden Euro. Davon stecken nur 2,6 Prozent in Aktien, 3,8 Prozent in Immobilien – und satte 89,6 Prozent in festverzinslichen Wertpapieren. Diese aber werfen aktuell immer weniger Gewinn ab. Bei Neuanlagen kommt die Branche laut der Rating-Agentur Assekurata nur auf eine Durchschnittsrendite von 3,3 Prozent. Vielen Versicherern hilft noch, dass sie aus früheren Jahren hochverzinsliche Papiere in ihren Depots liegen haben, doch über die Zeit werden diese auslaufen. Je länger dann die Zinsen niedrig bleiben, desto schwieriger wird es, das Geld rentabel anzulegen. Zwar speisen sich die Auszahlungen der Lebensversicherer neben den Gewinnen ihrer Kapitalanlagen auch aus anderen Töpfen, ihr Spielraum aber wird mit jedem Jahr enger.

Die Lage ist ernst

Beim Branchenführer Allianz gibt man sich gelassen. »In der Lebensversicherung könnten wir auch mit einer Rendite von 1,5 Prozent auf alle Wiederanlagen insgesamt leben«, sagte Maximilian Zimmerer, Finanzvorstand der Allianz, an diesem Dienstag. Gleiches berichtet der Vorstandschef einer anderen großen Versicherung. Unter den aktuell 93 Lebensversicherern gibt es aber nicht nur Riesen wie die Allianz, die AachenMünchener oder die Generali, sondern auch Zwerge, die statt Milliarden nur Millionen anlegen und weit geringeren Spielraum haben. Größe sage nichts über die Geldanlage und die Stabilität eines Anbieters aus, sagen Kenner zwar. Auch verfügen die Lebensversicherer nach Zahlen der Aufsicht insgesamt über deutlich mehr Eigenmittel als vom Staat vorgegeben. Die Sorge aber, dass Unternehmen Probleme bekommen könnten, treibt alle um: Kunden, Wettbewerber, Aufseher.

Die Lage ist jedenfalls so ernst, dass sich die Politik des Themas angenommen hat. In einem Papier des Bundesfinanzministeriums heißt es, es bestehe zwar keine akute Gefahr. Mittelfristig aber könne nicht ausgeschlossen werden, »dass einzelne Unternehmen künftig in Schwierigkeiten geraten können«. Wenn das niedrige Zinsniveau dauerhaft anhalte, könnten im »schwächsten Fünftel« der Anbieter die Gelder vom Jahr 2018 an unter bestimmten Bedingungen nicht mehr ausreichen, um die Eigenmittelanforderungen zu decken.

Auch wegen solcher Sorgen hat der Finanzausschuss des Bundestags auf Drängen der Versicherungslobby eine weitere Hilfsmaßnahme für die Branche beschlossen. Künftig müssen Lebensversicherer einen geringeren Teil der Reserven, die sich bei einer günstigen Kursentwicklung in ihren Bilanzen bilden, an ihre Kunden ausschütten als bislang. Es bleibt also mehr Geld im Unternehmen.

Zudem wurde schon vor einiger Zeit der Garantiezins von 2,25 auf 1,75 Prozent gesenkt, was die Unternehmen zusätzlich entlastet. Man wolle die Versicherungswirtschaft »im aktuellen Niedrigzinsumfeld stabilisieren«, heißt es in der Unionsfraktion.

Nicht alle Branchen der deutschen Wirtschaft haben solche Fürsprecher.

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