Das Kino, so viel ist sicher, wandelt derzeit erneut seine Gestalt. Möglicherweise war die Art, in der der "Spielfilm" seine Geschichten erzählte, ausgereizt. Es war die Kunst, einen Stoff, der in der Welt der Bücher einen Roman abgibt, in anderthalb Stunden zu erzählen. Ein wichtiges Hilfsmittel bei dieser Komprimierung war das Genre: ein Erzählrahmen mit einer fixen Ikonografie, wiederkehrenden Charakteren und Regeln. Die Konventionen des Genres – Western, Gangsterfilm, Melodram – nahmen dem Drehbuch Erklärungen ab, denn vieles versteht sich im Genre einfach von selbst.

Wieder verändert sich Hollywood unter dem Druck seines medialen Erzrivalen

Die Verlässlichkeit der Genres verlor sich bereits in den Achtzigern; bizarre Mischungen, Überhöhungen oder bewusste Regelverstöße begleiteten die Digitalisierung des Kinomachens. Mit den computergenerierten Tricks konnte das Unterhaltungskino die Verabredungen der Genreerzählungen abwerfen. Was sich jemand vorstellen kann, das kann man, die nötige Rechnerkapazität vorausgesetzt, nun auch visualisieren. Die einzige verbliebene Voraussetzung für das mehr oder weniger wilde Kinoerzählen: Das Publikum muss es mögen.

Die klassische, lineare Dramaturgie einer Kinogeschichte ist dabei nicht mehr bindend. Auf die digitale Entfesselung der Bilder musste die Entfesselung des Drehbuchs folgen. Episches, nicht lineares, "kubistisches" Erzählen, freies Spiel zwischen Wirklichkeitsebenen, Selbstreflexion und Metaebenen – all das wird im digitalen, globalen Traumfabrikkino nun realisiert. Dass diese Bereitschaft zum Experiment, in einer Branche, die dafür bekannt ist, auf bewährte Rezepte und Stoffe zu setzen, in der letzten Zeit so gestiegen ist, hat gewiss mit dem enormen Erfolg einer neuen Form von TV-Serien zu tun. Von Lost bis Mad Men haben die Serien die Zwänge von geschlossenen, linearen Erzählungen ebenso hinter sich gelassen wie die Produktion einer Konsensmoral. Wieder einmal also verändert sich Hollywood unter dem Druck seines medialen Erzrivalen, und noch einmal ist ein bewährtes Element dabei: Größenwahn. Und ein enormer Appetit auf alles, was sich spektakulär verwerten, verwandeln, verfilmen lässt.

Erzählen wie die alten Meister, zugleich darüber nachdenken, warum das nicht mehr möglich ist, und sich dabei der Wirklichkeit über ein episches, mehrdimensionales Menschen- und Gedankenspiel nähern – das wäre wirklich etwas. Aber vielleicht müsste man dann eben doch einen kleinen, entscheidenden Schritt aus dem Popcornuniversum heraus tun. Stattdessen sehen wir eher das Gegenteil: wie die Traumfabrik einen innovativen Impuls verarbeitet. Oder auch verwurstet.

Die wohl sonderbarste Abweichung des Films vom Buch besteht übrigens in einem politischen Kern der Intrige über die Jahrhunderte hinweg. Im Buch entwickelt ein Nuklearkonzern (als rigide Fortsetzung von Kolonialismus und Klassengesellschaft) eine mörderische Verschwörung, um einen schnellen Brüter bauen zu können, der denn auch die menschliche Zivilisation fachgerecht beendet. Im Film dagegen ist es die Ölindustrie, die alles mögliche Kriminelle unternimmt, um den Ausbau der Atomkraftwerke zu verhindern. Und das ist dann doch mehr als merkwürdig in all der Rede und all den Bildern von der ewigen Wiederkehr.