Film "Cloud Atlas"Surück in die Sukunft?

Wie sich das Popcornkino unter dem Druck der Fernsehserien verändert: "Cloud Atlas" von den Geschwistern Wachowski und Tom Tykwer. von Georg Seeßlen

Die Chinesin Zhu Zhu als Duplikantin in "Cloud Atlas"

Die Chinesin Zhu Zhu als Duplikantin in "Cloud Atlas"  |  © X-Verleih

Größenwahnsinn ist eine herrliche Eigenschaft, jedenfalls im Kino. Einige der größten und seltsamsten Kinoerfolge, von Erich von Stroheims Greed über Orson Welles’ Citizen Kane bis Stanley Kubricks 2001, handeln von Größenwahn. Von dem ihrer Helden und von dem ihrer Autoren. Auch Cloud Atlas von den Geschwistern Wachowski und Tom Tykwer ist leicht größenwahnsinniges Kino. Damit ist das Beste über den Film allerdings schon gesagt. Denn um richtig größenwahnsinnig zu sein, muss einem außer dem eigenen Werk so ziemlich alles egal sein. Auch das, was man Sehgewohnheiten und Publikumserwartung nennt. Cloud Atlas indes ist ein Film, der seinem Publikum den eigenen Größenwahn mit allen Mitteln schmackhaft machen will. Richtig gut gehen kann das nicht.

David Mitchells Roman Der Wolkenatlas bietet einem größenwahnsinnigen Filmprojekt schon deshalb eine perfekte Vorlage, weil er das Etikett "unverfilmbar" aufgedrückt bekam. Unverfilmbare Bücher zu verfilmen ist der neue Leistungssport ehrgeiziger Filmemacher. Die Unverfilmbarkeit von Mitchells Roman liegt in der Verschachtelung von sechs Erzählungen, die von der Vergangenheit der großen Zeit der Seeabenteuer über die Gegenwart beklagenswert seelenloser Altersheime bis in die technoide Zukunft der Klonsklaven und dann in eine barbarische Posthistoire führen. Dabei reichen die literarischen Mittel vom Tagebuch über das Verhörprotokoll zum Briefroman, vom Bericht zum Mark-Twainschen Spiel mit einer Kindersprache. Und die Geschichten sind nicht hintereinanderweg erzählt, sondern in Hälften geteilt und um ein Zentrum gespiegelt.

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Der Film scheint auf der Flucht vor den Konsequenzen seiner eigenen Wagnisse

Die einzelnen Erzählungen, die gemeinsam eine große Geschichte der Menschheit, der Unterdrückung und der Rebellion dagegen bilden, bieten Material genug für klassische Genrekonstruktionen: Abenteuerfilm, Komödie, Thriller, Science-Fiction, Endzeit-Fantasy. Man bekommt auf diese Weise erst einmal sechs Filme für den Preis von einem. Unnütz zu sagen, dass sie nicht alle gleich gelungen ausfallen können. Gerne hätte man Halle Berry länger dabei zugeschaut, wie sie als investigative Siebziger-Jahre-Journalistin eine kriminelle Verschwörung der Ölindustrie aufdeckt. An den Rand des Peinlichen und darüber hinaus führt eine Episode, in der Berry und Tom Hanks in einer barbarischen Superzukunft trashige Fantasiegewänder tragen und frei nach Mitchell zitierte kindliche Stummeldialoge sprechen (Aba son Übasetza hats nicht leicht im dickichten Gestrüpp von der Sukunft. Nicht wahrwahr?).

Die Wachowskis und Tom Tykwer haben die klare Konstruktion der Erzählungen aus Mitchells Roman aufgelöst. Und diese cineastische Auflösung ist der ehrgeizigste, der größenwahnsinnige Teil der Produktion. So entstand ein fließendes Mosaik, eine Art kubistische Ansicht der Leitmotive, Charaktere und Dekors. Dass diese Geschichten in Wahrheit eine Geschichte sind, die in verschiedene Facetten aufgefächert ist, wird uns im Film nun mit ziemlich vielen visuellen Entsprechungen nahegebracht. Manchmal sieht man geradezu, wie das Drehbuch entstanden ist, nämlich durch die Platzierung von Karteikarten mit Handlungspartikeln auf dem Boden eines Studiobüros. Die "Seele, die die Ewigkeit durchkreuzt" (David Mitchell), reist auf der assoziativen Verknüpfung von narrativen Modulen. Eine Person in einem dieser Module also muss entweder vollenden, was die andere Verkörperung zu anderer Zeit begonnen hat, oder sie muss deren Fehler wiedergutmachen. Und so erzählt der Film Cloud Atlas eine große Geschichte von Erlösung, von der Macht der Liebe, von der Einsicht. Der Roman dagegen entwarf eher eine Struktur der Macht.

Cloud Atlas ist zweifellos die Leistungsschau eines Kinos, das nicht mehr in Bildern erzählt, sondern Ideen durch Bilder und Handlung "morpht". Mal trägt uns eine Welle von einer Geschichte zu anderen, mal übernimmt die Musik die Führung, mal müssen Dialoge Zeit und Raum überspannen. Und das alles Verbindende ist die Performance von Tom Hanks, der in einer Schiffsepisode noch der vollkommen Böse ist und am Ende nicht nur der geläuterte Neobarbar, sondern womöglich auch der "Autor" der ganzen Angelegenheit.

Was bei Mitchell freilich eine einsichtig-aufklärerische moralische Haltung ist, das wird in diesem Film zu einer etwas verquasten Mischung aus Esoterik, Sonntagsschule und halb verdauten Philosophiebrocken: Wie schon die letzten Teile der Matrix- Trilogie scheint auch dieser Wachowski-Film beständig auf der Flucht vor den Konsequenzen seiner eigenen Wagnisse. Kurzum: Cloud Atlas hat begriffen, welche Aufgaben sich dem Popcornkino der Zukunft stellen. Aber bei der Lösung dieser Aufgabe ist nicht viel mehr herausgekommen als ein ansehnlicher Bilderbrei. Alles wirkt so geschmeidig, dass man sich nicht daran stört, dass nichts davon wirklich originell ist und dass einem manches, sähe und horchte man nur näher hin, die Diskursschuhe des aufgeklärten Mitteleuropäers auszöge.

Das Vergnügen am cineastischen Größenwahn bricht sich also an der gedanklichen Unbedarftheit des Drehbuchs (und möglicherweise auch an einem visuellen Konzept, das grandios-synthetische Räumlichkeit hier und da mit Halloween-Kinderfest-Design verbindet). Und dennoch steht ein Film wie Cloud Atlas für einen bemerkenswerten Wandel innerhalb des Popcornkinos.

Leserkommentare
    • hairy
    • 15. November 2012 17:36 Uhr

    zB. Wagner hatte es auch etwas mit dem Größenwahn - naund? Entscheidend ist nur, was dabei herauskommt...

  1. Wenn diesen Artikel ein klar denkender Mensch vor 30 Jahren gelesen hätte, der würde in den Worten dieses Artikels keine Zusammenhänge erkennen können und den Artikel und den Film für pathologisch wahnsinnig erklären. Wo Bitte sehr ist die Grenze der Begriffe unkonventionelle Vorstellung und pathologische Halluzination? Dass Linearität nicht einfach von größenwahnsinnigen Menschen ignoriert werden kann und gar bindend ist, schreibt uns unser Gehirn vor, das linear denkt und nach Ordnung strebt. Kann so ein Film wirklich Einsicht vermitteln und gar das Glück des Menschen darstellen?!? Ist der Film ein Fortschritt für die Menschen oder pathologische Verwirrung, die sich selbst erschöpft? Ist der Film Ausdruck einer sich selbst zerstörenden (unseren) Zivilisation? Stellt sich die Frage: Ist das Kunst oder kann das weg?

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    > Wenn diesen Artikel ein klar denkender Mensch vor 30 Jahren gelesen hätte, der würde in den Worten dieses Artikels keine Zusammenhänge erkennen können und den Artikel und den Film für pathologisch wahnsinnig erklären.

    Vor 30 Jahren? Zu der Zeit ist Robert Anton Wilsons Romantrilogie "Schroedingers Katze" auf Deutsch erschienen. Lesen Sie mal ein paar Seiten, dann werden Sie merken, dass die hier beschriebene Erzaehlweise in der Literatur ein alter Hut ist. (Sicher aelter als 30 Jahre, aber mir faellt gerade kein besseres Beispiel ein.)

    Eine entscheidene Eigenschaft des menschlichen Gehirnes liegt gerade darin, daß es nicht zwangsläufig linear denkt, sondern im Denken die Linearität (mühelos) überwinden kann. Diese Eigenschaft ist übrigens von entscheidender Bedeutung für verschiedenste künstlerische, kulturelle und auch wissenschaftliche Leistungen.

  2. > Wenn diesen Artikel ein klar denkender Mensch vor 30 Jahren gelesen hätte, der würde in den Worten dieses Artikels keine Zusammenhänge erkennen können und den Artikel und den Film für pathologisch wahnsinnig erklären.

    Vor 30 Jahren? Zu der Zeit ist Robert Anton Wilsons Romantrilogie "Schroedingers Katze" auf Deutsch erschienen. Lesen Sie mal ein paar Seiten, dann werden Sie merken, dass die hier beschriebene Erzaehlweise in der Literatur ein alter Hut ist. (Sicher aelter als 30 Jahre, aber mir faellt gerade kein besseres Beispiel ein.)

  3. Also, ich habe mir gerade den Film angeschaut. Um das Wichtigste gleich vorab zu schreiben: Mir hat der Film gefallen! Ich sass zwar mit einem Pärchen alleine im Kinosaal, aber wir 3 sind letztlich alle bis zum Ende sitzen geblieben, trotz 3 Stunden Spielzeit inkl. Pause. Es mag ja sein dass hier 6 Einzelhandlungen zusammenverwoben werden, aber letztlich kommt man damit ganz gut zurecht. Es sind zwar immer wieder die gleichen Schauspieler (wer mal Tom Hanks UND Hugh Grant in 4 oder 5 verschiedenen Rollen gleichzeitig sehen möchte muss sich den Film ohnehin mal anschauen), die so unterschiedlichen Kostümierung führen dazu, dass man die einzelnen Handlungen sehr gut unterscheiden kann. Auch vom Autor so kritisierte Sprechweise im der "fernen" Zukunft erschien mir eigentlich absolut passend zu sein. Ich habe das Buch zwar nicht gelesen, die Platzanweiserin, mit der ich mich ausgangs noch unterhalten hatte schien das aber getan zu haben. Sie meinte, das "Cloud Atlas" eine recht gelungene Romanverfilmung ist. Nein, letztlich werden wohl 90% der potenziellen Zuschauer dadurch verstört, weil hier die Themen "Wiedergeburt" und "Miteinander verbundene Leben" behandelt werden; Themen mit denen wir "Westler" offenbar ein emotionales Problem haben.

    Eine Leserempfehlung
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    • karoo
    • 15. November 2012 21:31 Uhr

    wir haben ihn heute angesehen und hätten gerne auch vier Stunden damit verbracht.

    • oh.stv
    • 18. November 2012 15:48 Uhr

    kann die Kritik hier überhaupt nicht nachvollziehen.

    • karoo
    • 15. November 2012 21:31 Uhr

    wir haben ihn heute angesehen und hätten gerne auch vier Stunden damit verbracht.

    • Psy03
    • 15. November 2012 22:46 Uhr

    als die xte Fortsetzung, oder das xte Remake, oder die xte Romanverfilmung die nicht zu verfilmen ist, nur weil den Leuten nichts mehr einfällt, oder der Mut fehlt.

  4. Drei Stunden Klasse- Leistung von Team, Schauspieler, Story Maske, Effekts, wird hier von einen "Möchtegern-Filmexperte" in ungnade als Popkornkino mit bedenklichen Größenwahn abgetan?
    [...]

    Gekürzt. Bitte bleiben Sie sachlich und beteiligen sich mit sachlichen Argumenten. Die Redaktion/ls

    • fragfix
    • 16. November 2012 0:04 Uhr

    Künstler haben schon immer versucht, gegebene Grenzen zu überschreiten und machten es natürlich vom jeweiligen Stand der Technik aus (Wagner ist hier tatsächlich ein gutes Beispiel). Es geht zum Wesen der Künst zu experimentieren und auch ins Extreme zu gehen. Und es ist für die Gesellschaft besser, Künstler tun es als etwa Politiker. Die sollten eher vorsichtig sein beim Überschreiten von Grenzen.

    Was die lineare Erzählweise betrifft. Nun ja, daran würde ich den künstlerischen Wert nicht festmachen und aus wechselnden Perspektive und in Rückblenden wurde schon immer erzählt (man schaue sich da mal Wagners "Ring der Niblungen" an oder im Film "Citizen Kane" oder "Magnolia". Da muss man nun wirklich keine Zeitenwende ausrufen. Und warum lineares Erzählen nicht mehr möglich sein soll, verschweigt der Autor leider auch.

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