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Drei Stunden Dauerleiden bei Wetten, dass..?

Drei Stunden Dauerleiden bei Wetten, dass..?  |  © Getty Images

Wenn man auf einer Familienfeier ist, zum Beispiel auf dem 90. Geburtstag von Opa, fallen einem ja viele Peinlichkeiten gar nicht mehr auf. Dass der Onkel einen mit seinem Gequatsche bis auf die Toilette verfolgt, Oma wie immer ihr Hörgerät vergessen hat oder die Eltern zu Ehren des Jubilars einen unfassbar schlecht gespielten Sketch aufführen, zum Beispiel. So war es schon immer, und manchmal muss man sogar ein bisschen grinsen. Außerdem: Was hier geschieht, bleibt in der Familie.

Alles wird anders, wenn man zum ersten Mal den supercoolen neuen Freund aus, sagen wir: Los Angeles mitbringt. Plötzlich ist die ganze Veranstaltung nicht mehr liebenswert, sondern vollkommen unerträglich. Die Mandarinenstücke im Käsekuchen konkurrieren in ihrer Ekligkeit mit den Witzen des Cousins, vor dessen Krawatte man sich gern wegdrehen würde, wenn dann nicht die selbst gemalten Aquarelle von Vati ins Blickfeld gerieten.

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So ist es Deutschland mit Tom Hanks ergangen. Er war zu Gast bei Wetten, dass..?, und man sah die Sendung mit seinen Augen. Stun-den-lang. Und plötzlich wirkte diese ganze Show, die Deutschland seit Jahrzehnten liebt, erbärmlich.

Der neue Freund weiß bei einer solchen Familienfeier, dass er nur mitmachen kann. Er muss dem Gastgeber (Markus Lanz) aus so mancher Peinlichkeit heraushelfen und so tun, als interessiere ihn das alles (Gummipömpel-Wetten). Tom Hanks war in diesem Sinne ein vorbildlicher Gast. Gegen sein amüsiertes Schimpfen am Tag danach im Radio und bei der Bild-Zeitung ist eigentlich auch nichts einzuwenden: Nach einer Familienfeier würde man ja auch mit dem Freund über alles lästern. Das schweißt zusammen.

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Im besten Fall gehören beim nächsten Mal die Mandarinenstücke (Co-Moderator Atze Schröder) auch für den neuen Freund schon zur Tradition. Aber während man das gemeinsame Lästern genießt, bleibt eine Restangst: dass er zu Hause in L.A. seinen Freunden einen Handyfilm von der Feier zeigen könnte. So wie Tom Hanks vielleicht bald in einer amerikanischen Talkshow sitzt und eine Wetten, dass..?- Peinlichkeit nach der anderen erzählt. Dazu wird die Szene gezeigt werden, in der er eine Katzenmütze trägt und Markus Lanz in einem Sack um ihn herumhüpft. Es wird so irre aussehen wie eine dieser seltsamen japanischen Spielshows. Und deshalb nehmen wir Tom Hanks seine Lästereien doch ein bisschen übel. Weil wir wissen: Freunde aus L.A. bleiben einem meistens nicht ein Leben lang erhalten. Familienfeiern dagegen schon.

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    • Serie Gesellschaftskritik
    • Schlagworte Tom Hanks | Markus Lanz | Talkshow | ZDF
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