Ausstellung "Zwiebelfische"Die Macht der Schriften

In Glückstadt an der Elbe erinnert eine Ausstellung an die Druckerei Augustin und die große Zeit der Schwarzen Kunst. von 

Die Druckerei J.J.Augustin in Glückstadt erhielt 1938 vom englischen Königshaus den Auftrag, einen Text für den Bildband Krönung des Vizekönigs von Indien zu setzen. Hatten die Briten keine anständige Druckerei? Jedenfalls keine, in der die bengalische und die hindustanische Schrift vorrätig gewesen wären. Heinrich Wilhelm Augustin, der das 300 Jahre alte Familienunternehmen seit 1905 leitete, hatte schon früh damit begonnen, Schriften aus aller Welt zu sammeln, und zwar nicht zum Spaß, sondern weil er Aufträge des Hamburger Kolonialinstituts haben wollte. Er druckte wissenschaftliche Bücher über afrikanische Dialekte in den deutschen Kolonien.

Als Augustin 1912 die Anfrage erhält, ob er ein Werk über Ackerbau und Seidengewinnung in China setzen könne, besorgt er sich 7.200 chinesische Schriftzeichen. Als 1926 das Jahrbuch des Clubs chinesischer Studenten in Berlin gesetzt werden soll, erweist sich der Schriftsatz als zu klein und muss um weitere 12.000 Zeichen erweitert werden. Um sie unterzubringen, erfindet Augustin den »chinesischen Zirkel«: Die neben- und übereinander gestapelten Setzkästen bilden sieben Segmente eines Achtecks. Durch das freigelassene achte betritt der Setzer das Reich der Zeichen, er braucht sich nur zu drehen und zu bücken, er muss nicht an Regalen endlos entlanglaufen.

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Wie findet er die Zeichen? In der Ausstellung im Glückstädter Detlefsen-Museum ist einer dieser »chinesischen Zirkel« aufgebaut, und Artur Dieckhoff, der sich »der letzte Setzer« nennt, zeigt, wie das geht. Er nimmt ein Buch zur Hand, in dem alle Zeichen aufgelistet und nummeriert sind. Jetzt muss er sich das Zeichen im Manuskript so genau einprägen, dass er es in der Liste findet und dann – anhand der Nummer – im Setzkasten. Wie lange benötigt er dafür? »Zwei Minuten pro Zeichen.«

Ausstellung "Zwiebelfische"

Zwiebelfische. Jimmy Ernst und die Druckerei J.J.Augustin
Detlefsen-Museum Glückstadt. Mi 14–17, Do bis Sa 14–18 Uhr, bis 1. September 2013

Zwiebelfische. Jimmy Ernst, Glückstadt – New York
Bildband incl. DVD mit einem Film von Christian Bau und Artur Dieckhoff; Verlag Schwarze Kunst 2011, 48,– €; Vertrieb www.edition-klaus-raasch.de

Das war die Kunst der Augustiner: durch langes Training einen Blick für minimale Unterschiede zu entwickeln, sich das Zeichen, den Buchstaben als singuläres Bild blitzschnell zu merken. Denn keiner der Setzer (es arbeiteten bis zu 130 Mann in der Druckerei) beherrschte die 108 Fremdsprachen und die fast ebenso vielen Schriften, von Arabisch bis Urdu, von Georgisch bis Mandschu, von Tibetisch bis Tamulisch. Und doch war die Druckerei Augustin für ihre Qualität weltberühmt. Sie setzte zum Beispiel das assyrische Wörterbuch der Universität Chicago oder die Abhandlungen des Deutschen Archäologischen Instituts Kairo.

All das ist Geschichte, und wer heute die Fabrikhallen betritt, sieht ein Bild des Jammers. Putz fällt von der Decke, die Wände sind feucht, und die Arbeitsplätze wirken, als wären ihre Inhaber über Nacht evakuiert worden. Da liegen noch die Winkelhaken und die Metallbürsten wie eben benutzt. Jürgen Bönig vom Hamburger Museum der Arbeit zeigt dem Besucher einen Setzkasten mit 400 verschiedenen E-Akzenten. Das meiste ist noch da: die Gießerei, die Matritzen und Setzkästen, die Schriftsätze und die Bibliothek der mehr als 3.500 Buchtitel und Zeitschriften. Aber alles wirkt tot und verlassen. Der Computer hat die Schwarze Kunst entbehrlich gemacht. Auf den Bildern von Candida Höfer, die in der Ausstellung zu sehen sind, erkennt man (so der Kunsthistoriker Wolfgang Kemp in seinem Vortrag zur Eröffnung) eine doppelte Vergangenheit. Die erste, weil jegliches Foto einen Augenblick zeigt, der unwiederbringlich vorbei ist. Und die zweite, weil Candida Höfers Objekte in dem Augenblick, da sie fotografiert wurden, selbst schon Vergangenheit waren.

Die Vergangenheit vergeht ja nicht. Eric Ernst, der Enkel des Künstlers Max Ernst, hat jetzt aus New York einen Brief (in der Ausstellung zu sehen) nach Glückstadt geschickt, in dem er dankend daran erinnert, dass Augustin seinem Vater das Leben gerettet hat. Denn Augustin, obwohl deutschnational, war zu intelligent, zu sehr vertraut mit anderen Schriftkulturen, um ein Antisemit zu sein. Er nahm den jungen Jimmy Ernst, Sohn der jüdischen Kunsthistorikerin Louise Strauss und Max Ernsts, als Lehrling auf. Wie es dazu kam, ist eine Geschichte des Zufalls und des Anstands. Jimmy Ernst, der später selber Maler wurde, erzählt sie in seinen Erinnerungen, und er schildert, wie Augustin es ihm in den Jahren 1935 bis 1938 ermöglichte, in dem von Nazis beherrschten Glückstadt zu überleben, und ihm dann ein Visum in die USA verschaffte.

Die Glückstädter haben allen Grund, auf Heinrich Wilhelm Augustin stolz zu sein. Sie sind es auch. Nach Jahren des Verfalls und des Vergessens regen sich nun Kräfte, die Druckerei als kulturelles Denkmal zu retten. Es ist ja einzigartig auf der ganzen Welt. Es verkörpert den Universalismus der Schriftkultur, es leistet durch sein bloßes Vorhandensein Widerstand gegen Ignoranz und Barbarei. Nun muss es dringend saniert und zugänglich gemacht werden.

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