Wie stellen Sie sich einen Gott vor? Nicht einen, den es schon gibt, keinen aus dem Sortiment der Religionsgeschichte. Sondern wenn Sie so eine Art metaphysische Knetmasse hätten, eine Materie zur Formung von Astralleibern, und dann sollte daraus der ideale Gott, die Idee eines Gottes gestaltet werden – wie würde er aussehen?

Wahrscheinlich wie ein ins Übermenschliche gesteigerter Comic-Held, ein Superman, Batman oder Spiderman – stark, unverwüstlich, Athlet und Sheriff, ein Schützer von Recht und Ordnung fürs ganze Universum. Sie können vielleicht mit der Gottesidee nicht viel anfangen; Sie wissen nicht, ob ein Gott existiert, oder finden es abwegig, dass einer existieren soll. Doch wie er wäre, wenn es ihn gäbe, nämlich perfekt, makellos, bewunderungswürdig – das kommt Ihnen ziemlich klar vor.

Das Dasein Gottes ist in der Moderne eine prekäre Angelegenheit geworden. Aber über sein Wesen könnten die meisten sich problemlos einigen, da besteht nach zwei Jahrhunderten Religionskritik immer noch ein fast instinktiver Konsens. Und nun sehen Sie sich an, was da in der Kirche über dem Altar hängt, als Kultobjekt und Wappen des Christentums: das Bild eines ans Kreuz genagelten, sterbenden oder schon toten Menschenkörpers. Das totale Gegenteil von Macht, Kraft und Vollkommenheit.

Der Kontrast zur üblichen Vorstellung vom Göttlichen könnte nicht schreiender sein. Was geht hier vor? Das Kreuz ist das am weitesten verbreitete Religionswahrzeichen der Welt und das wohl prominenteste Symbol der Menschheitsgeschichte. Zugleich ist es zum Kristallisationspunkt für den Religionsstreit der Gegenwart geworden. Laizistisch denkende Eltern prozessieren dagegen, dass ihre Kinder in Klassenzimmern unterrichtet werden, in denen ein Kruzifix an der Wand hängt. Sie halten es für eine Zumutung, wegen seiner Brutalität und seines Bekenntnischarakters: Propaganda für eine Sadomaso-Religion. Verunsicherte Minister müssen vor Gericht erklären, warum das in einem weltanschaulich neutralen Staat möglich sein soll.

Die christlichen Honoratioren und kirchlichen Würdenträger, die das Kruzifix verteidigen, machen es regelmäßig falsch, nämlich platt und feige. Sie erklären das Kreuz zum »abendländischen Kultursymbol», das angeblich gar keinen echten Glaubensanspruch erhebt – es wird zu einem folkloristischen Ausstattungsstück wie Gamsbart oder Lederhose. Das soll dem Religionszeichen das Überleben in einer pluralistischen, zunehmend säkularisierten Gesellschaft sichern: Das Atheistenkind oder der muslimische Schüler haben nach dieser Logik keinen Grund zur Beschwerde mehr, denn das Kreuz hat seinen eigentlich christlichen Sinn längst verloren. Es wird bedeutungslos.

In Wirklichkeit haben die klagenden Eltern recht: Das Kreuz ist eine Zumutung. Wer an ihm Anstoß nimmt, erweist ihm höheren Respekt als seine verharmlosenden Verteidiger. Es ist nicht inhaltslos, sondern mit der radikalsten Bedeutung aufgeladen, die man sich vorstellen kann. Das Kreuz bringt unvereinbare Gegensätze zusammen: Göttlichkeit und qualvollen Tod. Das Christentum lehrt nicht nur, dass Gott in Jesus Mensch geworden ist, sondern auch, dass Gottes Sohn sterben musste, in Angst, Schmerz und Erniedrigung. Die vertrauten Attribute Gottes, seine Allmacht, Allgüte und Allwissenheit, gibt es auch im Christentum. Aber es kommt etwas vollkommen anderes hinzu. Und dieses andere ist das Eigentliche, der Kern der Sache. Nur skizzenhaft berichten die vier Evangelisten vom Leben Jesu – aber mit aller Wucht schildern sie die Passion: das letzte Abendmahl mit den Jüngern, den Verrat des Judas, die schmähliche Verleugnung durch den Apostel Petrus, den Prozess vor den Hohepriestern und dann vor dem Gouverneur Pontius Pilatus, die Auspeitschung und Verhöhnung des Verurteilten durch römische Legionäre, die Hinrichtungsstätte Golgatha, wo Jesus neben zwei gewöhnlichen Verbrechern ans Kreuz geschlagen wird.