Bündnis 90/Die Grünen Grün, aber lustig

Katrin Göring-Eckardt, die grüne Spitzenkandidaten, hält nicht viel von politischer Korrektheit.

Bis zuletzt hat sie nicht an ihren Sieg geglaubt. Katrin Göring-Eckardt, frisch gekürte Spitzenkandidatin der Grünen, hat es mehrfach erlebt, dass ihre Partei ihr die kalte Schulter zeigte. 2006 wurde sie aus dem Parteirat gewählt. Neben ihr stand damals der ebenfalls durchgefallene Winfried Kretschmann und schaute dem Geschehen von der Seite zu. »Was wir können, das wollen die nicht«, hat sie ihm damals düster zugeraunt.

Nun, heute wollen sie es. Kretschmann ist ein Star und KGE, wie sie gelegentlich genannt wird, das Gesicht, mit dem die Partei in die Bundestagswahl geht. Ihr Sieg bei der Urwahl war zugleich die Niederlage Claudia Roths. Eine religiöse, wertkonservative Familienpolitikerin löst eine typische Vertreterin der Protestgeneration ab – vielleicht ist das nur ein bisschen nachholende Modernisierung bei den Grünen, die der Gesellschaft in dieser Hinsicht hinterherlaufen; eines ist jedenfalls sicher: Der viel beschworene Linksruck hat nicht stattgefunden.

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Was ist die frohe Botschaft der 46-jährigen EKD-Präses Katrin Göring-Eckardt aus Friedrichroda in Thüringen? Boris Palmer, Tübingens grüner Oberbürgermeister, der die Bundestagsvizepräsidentin als Erster zur Spitzenkandidatin ausgerufen hat, erinnert sich an eine frühe Begegnung 2002 in Ingersleben, Göring-Eckardts Heimatdorf nahe Erfurt. »Ich hatte den Osten bis dahin nie so schön gesehen«, sagt Palmer. »Wir saßen in einem Hofgarten, in dem auch etliche Kinder herumturnten, und sprachen über etwas, was bei den Grünen damals noch ein völliges Tabuthema war: Familie.« Bis dahin hatte man bei den Grünen über Alleinerziehende reden dürfen, auch über Kinder – aber Familie, womöglich noch in Kombination mit Glück – das ging zu weit. Dass Familienpolitik für die Grünen heute eine Selbstverständlichkeit ist, schreiben viele der 46-jährigen Göring-Eckardt zu. Sie ist verheiratet und hat zwei erwachsene Söhne. Sie war die erste Frau der DDR, die einen Doppelnamen trug.

Katrin Göring-Eckardt

1966 Geboren in Friedrichroda bei Erfurt

1989 Mitbegründerin der Bürgerbewegung »Demokratie jetzt«, die 1990 im Bündnis 90 aufging

1995–1998 Landessprecherin von Bündnis 90/Die Grünen in Thüringen und Mitarbeiterin im Bundestag

1998 Einzug in den Bundestag

2002–2005 Eine von zwei Fraktionsvorsitzenden der Grünen im Bundestag

seit 2005 Vizepräsidentin des Bundestages und kulturpolitische Sprecherin ihrer Partei

seit 2009 Vorsitzende der Synode der evangelischen Kirche in Deutschland

Der Streit über das Familienbild damals, die wütenden Anrufe älterer Parteifreunde – das ist eine der Situationen, an die KGE denkt, wenn man ihr heute vorwirft, sie kämpfe nicht für ihre Positionen und wolle nichts mehr davon wissen, dass sie in Gerhard Schröders rot-grüner Regierungszeit eine der wichtigsten Verteidigerinnen der Agenda 2010 war. »Quatsch«, sagt sie. »Den Geist der Arbeitsmarktreformen habe ich immer verteidigt. Aber es sind eben ein paar Fehler gemacht worden, die man heute korrigieren muss.« Und ja, in der Sozialpolitik stehe sie links von Jürgen Trittin. Sie will zum Beispiel eine Kindergrundsicherung, die ihm zu teuer ist. »Ganz normale Probleme« will sie lösen; wenn ein Defekt der Waschmaschine Leute mit kleinen Kindern an den Rand der Belastbarkeit bringt, wenn es in der Schule nichts Vernünftiges zu essen gibt, solche Sachen. Familie eben.

Vom »aktivierenden Sozialstaat« allerdings, für den sie sich damals starkmachte, hat man sie länger nicht mehr reden hören, auch nicht vom richtigen Verhältnis zwischen »Eigenverantwortung und Gemeinsinn«. Es gab auch einmal eine Zeit, zu Beginn ihres Einsatzes für die EKD, da bezeichnete sie sich als »fromm«. Heute nennt sie, vor dem notorisch kirchenkritischen Grünen-Publikum in Berlin, ihre Arbeit als EKD-Präses lieber »mein zivilgesellschaftliches Engagement«.

Abwarten, rät eine Göring-Eckardt-Freundin vom Realo-Flügel – und zwar bis zur Wahl in Niedersachsen. »Sie können doch nicht erwarten, dass sie sich vor der Wahl mit schwarz-grünen Sprüchen ins offene Messer stürzt.«

Was KGE von Jürgen Trittin unterscheidet, dem zweiten grünen Kandidaten für den Spitzenjob, ist vor allem die Haltung zur Bundesrepublik. Trittin glaubt, das Land sei überhaupt erst erträglich, seit seine Generation es mitgeprägt hat. Wären die Göttinger Hausbesetzer nicht gewesen, stünden die schönen Gründerzeithäuser nicht mehr, und alles sähe aus wie Kassel. KGE singt die Nationalhymne gern mit, und einige links-westliche Instinkte der Political Correctness gehen ihr völlig ab. Als der italienische Stürmer Mario Balotelli seinen Lauf bei der EM feierte, postete sie sein Foto auf Facebook neben einem des DDR-Fernsehkobolds Pittiplatsch, der ebenfalls dunkelhäutig ist und die Haare ähnlich trägt. Claudia Roth wäre das nie passiert.

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