Gruner + JahrGruner ist gar

Lange verschlief der Verlag den digitalen Wandel. Nun werden "Brigitte" und "stern" reformiert. Aber reichen Kraft und Geld noch für die Wirtschaftspresse? von  und

Das Ende der gedruckten Zeitung war hierzulande bisher bloße Theorie. Bis Dienstag. Da ging die Frankfurter Rundschau pleite. Siech war sie schon lange.

Der nächste Ernstfall steht in Hamburg an, denn die Werbeerlöse der gedruckten Medien sinken rasch, allein in diesem Jahr und trotz guter allgemeiner Wirtschaftslage um 15 Prozent. Je mehr Leser eben in die digitale Medienwelt abwandern, desto dringlicher stellt sich die Existenzfrage: Wer schafft noch den Sprung in die digitale Welt?

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Als Nächste wird Julia Jäkel, 41, eine Antwort geben müssen, sie, die im Lifestyle-Geschäft des Verlags Gruner + Jahr Karriere gemacht hat ( Brigitte, Schöner Wohnen, Essen&Trinken) . Seit zwei Monaten ist sie aber nicht mehr nur fürs Schöne, sondern im Verlagsvorstand für alle deutschen Blätter verantwortlich – und damit eben auch für die Financial Times Deutschland.

Jäkel hat eine miese Woche hinter sich und eine noch miesere vor sich. Am nächsten Mittwoch tagt der Aufsichtsrat und erwartet einen Vorschlag vom dreiköpfigen Vorstand. Sollte der ein Aus für die Zeitung und die Magazine Capital, Impulse und BörseOnline fordern, folgen zwei weitere Instanzen. Die Eigentümer müssten noch mal schriftlich zustimmen – und der Aufsichtsrat des Bertelsmann-Konzerns, Mehrheitsgesellschafter von Gruner + Jahr, müsste Ende November Ja sagen.

Trotzdem würde letztlich Jäkel verantwortlich sein, für ein Aus, gefolgt von mehr als 400 Kündigungen. Sie wäre dann Täterin und Opfer zugleich.

Um das zu verstehen, muss man die ganze Misere von Gruner + Jahr kennen. Das Unternehmen, das im vergangenen Jahr 2,2 Milliarden Euro Umsatz auswies, ist personell ausgezehrt und publizistisch angeschlagen. Jetzt rächt sich, dass die Gesellschafter seit Langem nur Cash sehen wollen und dem Verlag nicht das Kapital lassen, um eine digitale Zukunft zu erobern. Die Gesellschafter: Das sind die Gründerfamilie Jahr und der von der Familie Mohn kontrollierte Medienkonzern Bertelsmann. Sie bestanden stets auf einer Vollausschüttung.

Reihenweise werden nun Berater konsultiert: alte Magazin-Hasen, junge Digital-Entrepreneure, die üblichen Unternehmensberater. Ihre Aufgabe ist enorm. Es geht um den Kern des Verlags.

Bei der Frauenzeitschrift Brigitte hat ein radikaler Umbau begonnen. Auch der stern bekommt ein grundlegend neues Gesicht. Am Dienstag diskutieren Redaktion und Chefredaktion über die Entwürfe.

In diesem Umfeld läuft der Financial Times Deutschland die Zeit davon. Eigentlich hätte sie gemeinsam mit den Wirtschaftsmagazinen dieses Jahr die Gewinnschwelle erreichen sollen. Müssen! Nach zwölf Jahren, mehreren Umstrukturierungen, vielen Sparprogrammen. Beim vorerst letzten Akt wurde sie in einer Gemeinschaftsredaktion mit Capital und Co. verschmolzen, und bis zum Ende des vergangenen Jahres lagen die Blätter auch genau auf Kurs, hatten die Verluste auf etwa fünf Millionen Euro halbiert.

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