KlinikalltagMuff unter Kitteln

Hygiene ist für viele deutsche Ärzte immer noch ein Fremdwort. von 

150 Jahre ist es her, dass der Arzt Ignaz Philipp Semmelweis das grassierende Kindbettfieber auf mangelnde Hygiene bei Ärzten und Krankenhauspersonal zurückführte. Das Wissen um die Gefahr durch Keime sollte inzwischen bei den Doctores angekommen sein. Doch deutsche Medizinergehirne scheinen besonders resistent gegen jede Art hygienischer und antibiotischer Aufklärung zu sein.

Gerade hat das Bundesgesundheitsblatt neue Zahlen über das Infektionsgeschehen in Kliniken veröffentlicht. Der Befund ist erschreckend. Wurde im Blut von Kranken der Keim Staphylococcus aureus entdeckt, so handelte es sich in den vergangenen Jahren in mehr als 20 Prozent der Fälle um einen multiresistenten Stamm (MRSA). Erst 2010 sank die Resistenzrate leicht. In den Niederlanden lag der MRSA-Anteil konstant niedrig bei drei Prozent. Gedankenlose Antibiotikatherapie fördert die Resistenzentwicklung, laxes Hygienebewusstsein und fehlendes Hygienepersonal sind die Grundlage von Klinikinfektionen wie den jüngsten Epidemien auf Säuglingsstationen.

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In der Vergangenheit glichen Antibiotika die Hygienemängel aus. Inzwischen aber nehmen extreme Resistenzen unter Bakterien erheblich zu. Die Pharmaindustrie hat nur ein Dutzend neue Antibiotika in der Entwicklung. Die einzige Chance, die vorhandenen Medikamente noch lange nutzen zu können, ist maximal geschärftes Problembewusstsein beim medizinischen Personal.

Mit solchen Veränderungen in den Köpfen tun sich deutsche Ärzte schwer: In Kliniken dominieren Hierarchiehörigkeit und Statusdenken über das Patientenwohl. Nur wenn sich – wie in den Niederlanden – eine Kultur der Selbstkritik verbreitet, kann das Problem gelöst werden. »Unter den Talaren Muff von 1.000 Jahren«, hieß es 1967 über die Professorenherrlichkeit. Die Talare wurden durchlüftet, aber unter den Kitteln müffelt es immer noch.

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Leserkommentare
  1. Bei einem Termin in einer Notfallambulanz einer deutschen Uniklinik vor zwei Wochen fragte ich während einer kurzen Wartepause den behandelnden Arzt, wie oft er denn seinen schon sehr angegrauten Kittel wechselt. Er war sofort beim Thema und zitierte Studien, die belegen, dass nur mit strikter Hygiene Infektionen wie MRSA usw. zu vermeiden sind. Aber, sowas wäre eben im deutschen Gesundheitssystem nicht zu finanzieren, alles würde "zusammenbrechen", wenn z.B. diese Uniklinik sich "einseitig" an die Einhaltung und Gewährleistung strikter Hygienevorschriften halten würde.
    Am Ende der Behandlung wollte er gerade aus dem Zimmer, als er sich nochmal umdrehte und mit einem Lachen dann doch seine Hände mit Desinfektionslösung aus dem Dispenser an der Tür einrieb. "Weil Sie's sind."

    3 Leserempfehlungen
    • MrWho
    • 22. November 2012 12:41 Uhr

    Ich weiß gar nicht, wo ich anfangen soll...

    Die Ärzteschaft ist sich durchaus des Problems bewusst. Zu unterstellen, Hygiene spielte eine untergeordnete Rolle, ist diffamierend. Jeder der Absätze endet mit Ärztebashing.

    In unserer Gegend (Nordrhein, Nähe Holland) gehört MRSA-Screening zum Standard. Aber an die Situation im Krankenhaus werden nunmal auch andere Anforderungen als nur Hygiene und Sterilität gestellt. Eltern sollen ihr Kind auf der Neugeborenenstation besuchen und berühren können, dabei können sie, trotz Desinfektion, Keime einschleppen. Patienten wollen nicht unnötig lange in Quarantäne, deshalb werden sie ohne Risikofaktoren oder Infektionsnachweis nicht tagelang quarantänisiert, bis Entwarnung erfolgt (d.h. solange Besuch nur mit Mundschutz, Kittel, Handschuhen, entsprechend unpersönlicher und auch seltener wegen des Aufwands für das Umziehen, sowohl von Ärzten, Pflegepersonal als auch Besuchern).

    Die Forderung nach absoluter Keimfreiheit muss also auch unter dem Gesichtspunkt der Machbarkeit gesehen werden. Im OP ist dies einfacher als auf Station. Entsprechend (un)realistisch sind manche Maximalforderungen.

    Für einen ausgewogeneren Artikel:

    http://www.spiegel.de/spi...

    2 Leserempfehlungen
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
    • irridae
    • 22. November 2012 15:43 Uhr

    dass Sie sich durch den Artikel bestätigt fühlen:

    "Als Erstes muss man ein Bewusstsein für das Problem schaffen", sagt Petra Gastmeier, Direktorin des Instituts für Hygiene und Umweltmedizin der Charité. "Sonst hält ein Arzt, der fünf Jahre lang an einem Krankenhaus gearbeitet hat, das Infektionsniveau dieses Krankenhauses schlicht für normal."

    Sie halten es also nicht für "machbar", tausende Patienten vor dem Tod durch Krankenhauskeime zu bewahren? Das bestätigt den Inhalt des Artikels auf eindrucksvolle Weise.

    Der Artikel ist realistisch und vermeidet das beliebte Beharren in der Unverbindlichkeit, die niemendem weh tut. Dass Kritik an Ärzten wieder sofort als "Bashing" abgetan wird, spricht Bände.

    • irridae
    • 22. November 2012 15:43 Uhr

    dass Sie sich durch den Artikel bestätigt fühlen:

    "Als Erstes muss man ein Bewusstsein für das Problem schaffen", sagt Petra Gastmeier, Direktorin des Instituts für Hygiene und Umweltmedizin der Charité. "Sonst hält ein Arzt, der fünf Jahre lang an einem Krankenhaus gearbeitet hat, das Infektionsniveau dieses Krankenhauses schlicht für normal."

    Sie halten es also nicht für "machbar", tausende Patienten vor dem Tod durch Krankenhauskeime zu bewahren? Das bestätigt den Inhalt des Artikels auf eindrucksvolle Weise.

    Der Artikel ist realistisch und vermeidet das beliebte Beharren in der Unverbindlichkeit, die niemendem weh tut. Dass Kritik an Ärzten wieder sofort als "Bashing" abgetan wird, spricht Bände.

  2. Heute trifft man in Krankenhäusern, Pflegeheimen auf ein durchaus vorhandenes Hygienebewußtsein. Dies wird durch Waschautomaten mit Desinfektionsmitteln und entsprechenden Schildern an den Eingangstüren demonstriert. Daneben hängt in einem Pflegeheim ein Schild 'Hunde an der Leine führen'. Auch in Krankenhäusern habe ich schon Hunde gesehen. Was nutzt dann der Waschautomat an der Eingangstür wenn sich die Leute an Hunden infizieren. Ein ausgesprochenes Hygienebewußtsein konnte ich in Krankenhäusern bisher nicht feststellen. Auch in der Allgemeinheit ist wenig davon zu merken und ganz besonders mangelhaft ist das Hygienebewußtsein im Umgang mit Haustieren. Ich bin vor ca. 50 Jahren in einem Dorf mitten unter Tieren aufgewachsen. Allerdings haben unsere Eltern uns auf die Gefahren im Umgang mit Tieren hingewiesen und auf Hygiene geachtet. Das scheint heute abhanden gekommen zu sein.

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  3. Als Krankenpfleger mit 20 Jahren Berufserfahrung kann ich das leider nur bestätigen. Alltag ist, dass man komplett in Schzukleidung neben einem Patienten steht, der Arzt kommt rein, ohne Schutzkleidung, gibt dem Patienten die Hand und untersucht ihn und geht mit einer, wenn überhaupt, sehr insuffizienten Händedesinfektion zum nächsten Patienten. Sicher gibt es auch Pflegepersonal, welches meint "auto-steril" zu sein, ist aber eher die Ausnahme.

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  4. Auch wenn es sich etwas übertrieben anhört, aber: Wie wäre es mit einer Video-Dokumentation am Desinfektionsmittelspender? Meines Wissens werden jährlich tausende Patienten unnötig mit Keimen infiziert, weil simpelste Hygienevorschriften (Händedesinfektion) nicht eingehalten werden. Hier geht's um Menschenleben. Und wenn ein Teil des Krankenhauspersonals die Hygiene-Vorschriften offensichtlich nicht freiwillig einhält (weil es ja ohnehin kaum überprüft wird), dann müssen eben an den Desinfektionsmittelspendern Kameras angebracht werden, um zu ermitteln, wer sich wie oft am Tag eigentlich die Hände desinfiziert. Wie gesagt: Das klingt sicherlich nach einer drastischen Maßnahme, aber angesichts der Infektionszahlen und Todesfälle erscheinen stärkere Kontrollen erforderlich.

  5. Immer wenn ich mich nach einer Blutentnahme anschicke, den Stauschlauch abzusprühen, oder mein Stethoskop nach Benutzung einsprühe sehe ich in erstaunte Patientengesichter...
    Ich gebe dem Autor des Artikels recht, daß das Hygienebewußtsein insbesondere bei Ärzten recht häufig noch fehlt. Besonders irritiert sind Patienten wenn Sie meine Tastatur in Plastikhülle (weil abwaschbar) sehen.
    Und Antibiotika gibts bei mir nur bei deutlich!!! reduziertem Allgemeinzustand und nicht um schneller wieder auf der Arbeit zu sein.

    5 Leserempfehlungen
    • cosmic.
    • 28. November 2012 16:09 Uhr

    In den Niederlanden wird generell besser mit solchen Multiresistenten umgegangen. Alleine schon die Standardisolation bei der Aufnahme der Patienten wäre etwas, in das man durchaus investieren sollte.
    Oftmals werden die Kliniken mit neuer Dekoration/Möbeln ausgestattet, während es an Funktionalität mangelt.
    Es sollte hier ebenfalls genaue Standardmaßnahmen geben an die sich alle Kliniken (Altenheime etc.) verpflichtend halten müssen.
    Zudem muss man ein Bewusstsein für solche Keime schaffen. Da sie nicht jeden sofort krank machen, wird oftmals zu unvorsichtig mit ihnen umgegangen. Das gilt nicht nur für medizinisches Personal, sondern vor allem auch für Angehörige von Infizierten.
    In jedem Fall sollte das Thema öffentlich diskutiert werden. Es nützt nichts mit dem Finger auf bestimmte Krankenhäuser zu zeigen, in denen es zu Todesfällen kam. Multiresistente Keime sind längst kein Krankenhausphänomen mehr, sie gehen uns alle etwas an.

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  • Schlagworte Hygiene | Mediziner | Krankenhaus | Infektion | Bakterien | Antibiotikum
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