InsolvenzAdieu, "Frankfurter Rundschau"!

Am Dienstag hat die Traditionszeitung Insolvenz angemeldet. Mit ihr stirbt nicht zuletzt ein Teil der bundesrepublikanischen Kultur. Ein Nachruf von Ina Hartwig

Wenige Monate nach Ende des Zweiten Weltkriegs wurde die Frankfurter Rundschau im amerikanischen Sektor gegründet, als Lizenzzeitung. Aber ihren Ruf, den manche als geradezu mythisch betrachten, errang die Tageszeitung erst durch die 68er-Bewegung. Sie wurde damals zur Zeitung der Studenten, aus dem einfachen Grund, weil sie deren Anliegen kommentierend begleitete. Das lag gewiss auch daran, dass einige Redakteure direkt aus der Frankfurter Universität kamen, mit einer Menge Adorno intus; und rührenderweise blieben sie ihrer Zeitung so treu wie den Prägungen aus Studienzeiten. Es ist, vor allem, diese Kontinuität, die der FR ihren Charme verlieh, doch barg das auch ihre Fragilität. Denn irgendwann – wann genau, darüber lässt sich streiten – raste der Zeitgeist an der Zeitung vorbei.

Zum Mythos der »Unabhängigen Tageszeitung« gehört ihre linksliberale Ausrichtung, und es ist richtig, dass Angestellte sich im Arbeitsvertrag auf diese Linie festlegen mussten. Doch unter diesem Label ließ sich doch ein ganzes Spektrum unterbringen, vom braven Sozialdemokratismus über die alternative Ökobewegung bis zu den dialektischen Volten der Kritischen Theorie. Dass Letztere im Feuilleton zu Hause waren, versteht sich von selbst. So offen die FR sich für die Studentenrevolte zeigte, so kompromisslos war sie übrigens später gegen die RAF. Das Gewaltmonopol des Staates aus den Händen zu geben war nie eine Option für die Redaktion.

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Dafür sorgten schon die Chefredakteure, allen voran Karl Gerold, der sage und schreibe von 1946 bis zu seinem Tod 1973 als Verleger, Herausgeber und eben Chefredakteur fungierte. In der Redaktion kursierte noch Ende der neunziger Jahre die Anekdote, dass Gerold einmal auf dem Flur einem Mann begegnet sein soll, der ihn nicht grüßte – es handelte sich um einen Handwerker. Gerold, erbost ob der Grußlosigkeit, soll dem Fremden daraufhin ins Gesicht gesagt haben: »Sie sind entlassen!« Neben diesem Haudegen – andere Zeiten, andere Männer – prägten der der FDP nahestehende Karl-Hermann Flach (als Stellvertreter Gerolds) und Werner Holzer als langjähriger Chefredakteur die Geschicke des verkehrsumtosten Hauses am Eschenheimer Tor.

Wie in allen Zeitungen galt das Feuilleton, im Vergleich mit den politischen und regionalen Teilen, als Paradiesvogel. Anders als in den Krisenjahren von 2002 an genoss man dort Artenschutz, sprich: Es mischte sich kein Chefredakteur ein. Ein Cordon sanitaire des Respekts umgab den Kulturteil. Hier wurde, seit den sechziger Jahren bis knapp über die Jahrtausendgrenze hinaus, die Ästhetische Theorie als Maßstab aller Kunstbetrachtung verteidigt. Ein eigenwilliges Trio regierte, bestehend aus Peter Iden, Hans-Klaus Jungheinrich und Wolfram Schütte, und so unterschiedlich sie waren, verteidigte doch jeder das jeweils Neueste in Kunst, Theater, Musik, Literatur und Film. Sehr avantgardefreundlich gab sich die Kritik in jenen Hochzeiten der FR und bot damit einem traditionsgläubigen Konservatismus Paroli.

Wer Ende der neunziger Jahre zur Redaktion stieß, konnte sie noch erleben, diese beeindruckenden journalistischen Suchtgestalten, aus deren Zimmern lautes Schreibmaschinen-Gehämmer und Zigarrenrauch drangen, bis abends dann die Rotweinflasche aus dem Schrank geholt wurde. Und sie selbst, sie wunderten sich nicht schlecht über die nachfolgende Generation, die es mehr mit Niklas Luhmanns cooler Beobachtungskunst als den heißen Widerständen gegen die Konvention hatte, von den genüsslichen Ausdeutungen des Pop gar nicht zu reden. Hier irgendwo raste der Zug vorbei beziehungsweise war bereits durch. Mit der taz jedenfalls, mit der jene Jüngeren sozialisiert worden waren, war längst ein publizistisches Gegenmilieu im eigenen Milieu entstanden.

Die Delle musste wohl kommen, so oder so. Sicherlich hätten Fehler vermieden werden können. Überfällig war ein neues Layout gewesen. Die Maßnahmen aber, die schließlich zu ihrer Rettung ergriffen wurden – von der Einführung eines eher biederen Lifestyle-Magazins am Wochenende bis zur genickbrechenden Umstellung auf das Tabloid-Format –, waren allesamt zu brachial. Auf die digitale Revolution hatte die FR, trotz einer gefeierten iPad-Version, nie eine angemessene Antwort gefunden. (Aber wer hat die schon?) Vor zehn Jahren begannen die Entlassungen, die, schlimm, gerade die Jungen trafen, die soeben begonnen hatten, der Zeitung frischen Wind einzublasen. Und dass zuletzt ausgerechnet ein alteingesessener Zeitungsverleger aus Köln, Alfred Neven DuMont, das verdörrte Frankfurter Pflänzchen zum erneuten Aufblühen bringen wollte, mit einem Chefredakteur, der die Mainmetropole ebenfalls nicht kannte, nun ja, das konnte kaum gelingen.

Denn die Frankfurter Rundschau war immer, trotz ihres zeitweise gerechtfertigten Selbstbewusstseins als überregionale Tageszeitung, eine Frankfurter Zeitung. Und es ist bestimmt nicht vermessen, zu sagen, dass die Frankfurter Rundschau nicht nur der Stadt bitter fehlen wird, sondern auch ihrem größten Konkurrenten, der FAZ. Eine Besonderheit und auch der Stolz Frankfurts war es nämlich stets, zwei »Überregionale« zu haben. Gemeinsam gegeneinander haben sie die politische Gemengelage oder einfacher gesagt den Gefühlshaushalt der Einwohner auszudifferenzieren vermocht; mit dem Tod der FR verliert die FAZ ihr Gegenüber. Die Frankfurter Stadtgesellschaft hatte den Vorteil, und man merkt es ihr bis heute an, tagtäglich vergleichen zu können.

Das Ende der Frankfurter Rundschau scheint festzustehen. Am Dienstagmorgen hat die Zeitung beim Amtsgericht Frankfurt Insolvenz angemeldet. Es war ein langes, quälendes Sterben, begleitet durch teilweise erniedrigende Rettungsversuche, einschließlich einer Landesbürgschaft, die alle nichts halfen. Die Frage stellt sich durchaus, wie viel Emotion in all den krisengeschüttelten Jahren bereits verbraucht worden ist. Oder ob nicht vor lauter Erschöpfung und in die Länge gezogener Trauer nur mehr ein Gefühl der Leere bleibt. Eines aber steht fest: Der Abriss des legendären »Rundschau-Hauses« am Eschenheimer Tor im Jahr 2006 war ein Fanal. Mit ihm wurde nicht nur eine Perle der Fünfziger-Jahre-Architektur zerstört, sondern ein Stadtbild; ein Tableau, eine Ära.

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