Ein Mann fährt auf seinem Fahrrad durch eine Straße in Damaskus. © Joseph Eid/AFP/Getty Image

Es ist eine exklusive Runde, die sich heute trifft. Beim Vorgespräch am Telefon wurden Dutzende Personen aufgelistet, die nicht teilnahmeberechtigt sind: »Es braucht eine gewisse kognitive Kapazität und Reputation für einen fruchtbaren Austausch«, sagt die Gastgeberin. In der Mitte ihres Wohnzimmers steht eine Kommode, auf der einen Seite des Raums ragt ein Laptop zwischen Büchertürmen hervor, auf der anderen Seite haben wir auf einem Sofa Platz genommen. Hier übernachten sonst Flüchtlinge aus Syrien, bis sie eine andere Bleibe finden.

An diesem sonnigen Nachmittag treffen sich die wichtigsten syrischen Dichter und Denker im Pariser Exil. Aïcha Arnaout empfängt sie im bodenständigen 20. Arrondissement im Osten der Stadt. Die 65-jährige Künstlerin und Menschenrechtsaktivistin ist in Paris eine Instanz in der Intellektuellenszene, nicht nur unter Syrern. 1977 hat sie ihre Heimat verlassen: »Ich wurde zensiert, da bin ich gegangen.«

So erging es auch Maha Hassan, einer der bekanntesten syrischen Schriftstellerinnen, die als Erste in der arabischen Welt einen Roman über die syrische Revolution und den Tod in Aleppo veröffentlicht hat. Seit acht Jahren steht ihr Name auf der schwarzen Liste des Assad-Regimes. Nun lebt sie wie viele Exilsyrer in der europäischen Hauptstadt der syrischen Résistance, in Paris, und zehrt von ihren Erinnerungen an die Heimat: Immer wenn Maha Hassan an der Zitadelle von Aleppo vorbeifuhr, konnte sie nicht mehr als einige Sekunden auf die Burg schauen, so viel Ehrfurcht empfand sie vor diesem Monument: »Als ich in einem Internetvideo gesehen habe, wie Soldaten die Festung beschießen, brach ich in Tränen aus. Wenn Baschar al-Assad keinen Respekt vor diesem Bauwerk hat, das schon die Kreuzritter abschreckte, kann ihn nur wenig aufhalten.«

Die männliche Hälfte des Clubs verspätet sich um einige Stunden. Zum gepflegten Streit braucht es aber nur zwei: Hassan, die mal in ihrem Stuhl versinkt und mal auf der Kante sitzt, sagt: »Ich könnte mir nie verzeihen, wenn mein Wort Menschen auf dem Gewissen hätte.« Der bewaffnete Widerstand bringe nur den Tod über das syrische Volk. Arnaout lässt ihre Kollegin ausreden, dreht sich seelenruhig eine Zigarette auf einem quietschenden Tabakroller, steckt sie an, zieht zwei Mal und antwortet per Haiku:

Wir waren zu sechst hier
Als die Rakete fiel,
waren wir vier

»Zuerst hat Baschar schießen lassen«, sagt sie. Das war im März 2011. Jetzt provoziert Gewalt Gegengewalt. Aïcha Arnaout, Mitglied des oppositionellen Syrischen Nationalrates, ist deshalb zurzeit nur Dichterin im Nebenberuf. »Ich konzentriere mich voll und ganz auf das, was ich von Paris aus bewirken kann. Ich blogge, protestiere, sammle Spenden, archiviere Artikel, rede mit französischen Politikern und versuche meine jungen Kollegen zu ermutigen.«

Hassan tut es ihr gleich, auch wenn sie kaum mehr schläft, seitdem ihre Heimatstadt Aleppo unter Beschuss steht und ihre Familie in Gefahr ist: »Ich öffne mitten in der Nacht meinen Facebook-Account, um Nachrichten aus Aleppo zu lesen.« Wenn sie am nächsten Morgen bei ihren Verwandten anrufe, schlage ihr Herz im Rhythmus des Freitons. »Hebt niemand ab, droht es vor Sorge stehen zu bleiben.«