Onlinehandel : Gnadenlos flexibel

Tägliche Kündigungsfristen und Leiharbeit: Der amerikanische Konzern Amazon weiß das deutsche Recht weidlich zu nutzen – und stößt neuerdings auf ungewohnten Widerstand.
Logo des Onlineversandhauses Amazon © Lionel Bonaventure/AFP/Getty Images

Die Preise stimmen, die Auswahl ist groß und die Lieferzeit kurz. Alles läuft wie am Schnürchen. Und wenn Kunden das Smartphone nicht gefällt, der Drucker lahmt oder das Katzenklo klemmt, dann gehen die Sachen eben wieder retour. Das alles lieben die Kunden von Amazon. Es ist das größte Onlinekaufhaus der Welt. Der US-Konzern hat in Deutschland beim Internet-Handel sogar den großen Hamburger Versender Otto überholt. Der senkt gerade drastisch seine Preise, muss sparen, baut den Betrieb um und Arbeitsplätze ab. Amazon hingegen expandiert. In diesem Herbst eröffnete das Unternehmen zwei weitere Logistikzentren in Deutschland, um dem Ansturm im Weihnachtsgeschäft gewachsen zu sein.

Die Kehrseite des Erfolges: Im Inneren der gigantischen Warenumschlagmaschine herrscht enormer Druck. Die Technik gibt den Takt vor, eine spezielle Software weist den Pickern den Weg durch die riesigen Hallen. Picker sind jene Lagerarbeiter, die die Smartphones, Drucker oder Katzenklos aus den Regalen picken. Sie legen leicht 20 Kilometer und mehr am Tag zurück. Ist jemand nicht schnell genug, wird er zum Gespräch zitiert. Wer sich auch dadurch nicht ausreichend beschleunigen lässt, dem droht eine Abmahnung.

Außer den Pickern gibt es die Packer, die mit der immer gleichen Bewegung die Waren versandfertig machen. Das System teilt ihnen die passenden Kartons zu. Die Arbeitsschritte sind standardisiert und auf Effizienz getrimmt. Wer dem Druck nicht standhält, muss damit rechnen, schneller draußen zu sein, als er reingekommen ist.

Jeff Bezos, der geniale Gründer von Amazon, gilt als Perfektionist. Menschen und Maschinen müssen funktionieren, damit seine Strategie aufgeht: Bezos will billiger und besser sein als seine Konkurrenten. Das aber gelingt nur, wenn Amazon so flexibel wie möglich agieren kann, vor allem im Umgang mit den Beschäftigten. Auch Bürgermeister und Wirtschaftsminister bekommen die Dominanz des Konzerns zu spüren, wenn dessen Manager – wie derzeit wieder – auf der Suche nach einem neuen Standort sind.

Hire and Fire in Deutschland?

Franziska Schmiedt* freut sich sehr, endlich wieder Arbeit gefunden zu haben. Zwar nur befristet, aber immerhin. Allerdings staunte sie nicht schlecht, als sie ihren Arbeitsvertrag bekam: Darin ist geregelt, dass die Kündigungsfrist lediglich einen Tag beträgt.

Hire and fire in Deutschland? In der Tat: Wenn ein Arbeitnehmer als vorübergehende Aushilfe für maximal drei Monate eingestellt wird, kann er auch hierzulande von heute auf morgen entlassen werden. Darf der Arbeitnehmer länger bleiben und schließt sich dann noch eine sechsmonatige Probezeit an, verlängert sich die Kündigungsfrist zwar auf 14 Tage. Für den Konzern aber bedeutet diese Konstruktion, dass er neun Monate lang seine Mitarbeiter ohne Angabe von Gründen ganz leicht wieder loswerden kann.

Die Arbeitsagenturen muss ein solches Gebaren nicht interessieren. Sie sind froh um jeden, der aus ihrer Statistik verschwindet. So auch in Nordrhein-Westfalen, wo Amazon zwei Warenlager betreibt. Die Vermittler kamen dem Unternehmen sogar mit einer speziellen Förderung entgegen: den sogenannten Maßnahmen beim Arbeitgeber, im Amtsdeutsch kurz MAGs genannt.

Eine solche MAG dauert in der Regel zwei Wochen und hat für den Arbeitgeber den Vorteil, dass er in dieser Zeit die Personalkosten spart. Die vom Amt geschickten Arbeitslosen erhalten ihre Leistungen weiterhin von der Behörde. Das Unternehmen kann dann am Ende entscheiden, ob es den Bewerber einstellt – oder auch nicht. Amazon konnte davon im vergangenen Jahr in fast 3.000 Fällen profitieren. Das geht aus einer Unterrichtung der Bundesagentur für Arbeit an den Ausschuss für Arbeit und Soziales des Deutschen Bundestages hervor.

70 bis 90 Prozent der Probearbeiter seien in NRW übernommen worden, heißt es bei der Arbeitsagentur. Viele aber nur befristet und manchmal nur für wenige Wochen. Für viele war spätestens Ende Januar Schluss, als das Weihnachtsgeschäft verebbt war. Zwei Drittel aller Beschäftigten sollen bei Amazon nur befristet beschäftigt sein. Genaue Zahlen darüber gibt das Unternehmen nicht preis.

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Kommentare

146 Kommentare Seite 1 von 17 Kommentieren

Und die verschwundenen Buchhändler ...

... Berlin (oder anderswo) sind mir reichlich gleichgültig. Amazon hat das grössere Angebot und - bei nicht deutsch-sprachigen Bücher - die besten Preise. Hinzu kommt noch ein riesiger Markt an gebrauchten Büchern. Das kann der "kleine Buchhändler" nicht und deshalb ist am Verschwinden.

Was die Arbeitsbedigungen bei Amazon anbelangt: Die Läger liegen meistens in Gegenden, die mit Arbeitsplätzen nicht verwöhnt. Da ist es jedem Hartz4-Empfänger zuzumuten, dort einen Job anzunehmen.

.....

Was Sie sagen stimmt aber nur zum Teil. Ich habe bei Amazon noch nie etwas anderes als CDs und DVDs gekauft. Ich würde auch gern in ein Geschäft gehen und sie mir dort kaufen. Aber wo? Mein Musikgeschmack ist gar nicht sooo außergewöhnlich. Trotzdem habe ich Probleme meine Musik in einem Geschäft zu kaufen. Hier in Köln gab es bis vor einiger Zeit den größten CD Laden der Welt. Es war ein Saturn. Die Filiale wurde "renoviert" und auf einen Bruchteil der Verkaufsfläche minimiert. Jetzt gibt es da nur noch den sehr kommerziellen Kram. Aber Saturn ist ja auch nur ein Konzern und kein mit Liebe geführter kleiner Laden.

Die kleinen Musikgeschäfte sind weitestgehend verschwunden. Ich gehe nur noch in einem Laden Musik einkaufen. Bei Kompakt. Alles, was nicht an das Kompakt-Distributionssystem angeschlossen ist muss ich bei Amazon kaufen. Gestöbert wird über Youtube.

Bücherläden

Es bleibt ja auch zu klären, warum auf einem öffentlichen Platz gerade 3 Bücherläden stehen müssen, dessen Angebot man (a) nicht zuvor studieren kann, (b) sowieso dieselben Preise haben, und (c) das Buch sowieso erst meist bestellt werden muss - damit man dann nochmal dorthinlaufen darf.

Da klicke ich mich lieber abends um 21 Uhr durch die elekronische Auswahl, und habe es spätestens am übernächsten Tag im Briefkasten oder der Packstation. Noch bequemer geht vermutlich nurnoch das eBook.

Es gibt nunmal Leute die sind 10 Stunden pro Tag für die Arbeit unterwegs, da möchte man nicht noch 2 Stunden für den Buchkauf investieren

Support Your local Dealer

.
Problematisch wird's erst, wenn wie in meinem Südbayerischen Mittelzentrum trotz 50.000 Stadtbewohnern und rd. 180.000 Einzugsbereichlern drei mieserable Kettenbuchläden, eine Eso-Bücherzwerg und ein, vorsichtig ausgedrückt, recht konservativer Buchhändler übrig ist.

Die gleichberechtigt geführte Lieblingskooperative ist schon seit Jahren weg, letztes Jahr musste ein weiteres genossenschaftliches Buchhandelsprojekt aus Gentrifizierungsgründen schliessen, zwei gut sortierte Buchläden mittlerer Grösse sind seit heuer im Sommer weg, was bleibt da übrig?

Amazon.

Der Preise wegen, aber vor allem der Bestellbarkeit wegen.

Was war das immer ein Zirkus, wenn italienische, französische oder bloss englische Bücher bestellt werden sollten in der Provinz.

Sogar um Vorkasse bin ich da schon gebeten worden.

Amazon kanns.

Ohne grosse Probleme.

Allerdings sollte sich die Arbeitnehmerschaft organisieren.

Aber das sollte sie sich ohnehin in allen Branchen.

Das Problem sind nicht Bücher Videos und Musik,...

Sondern der ganze andere Kram.

Das ist das Problem.
Die Paketdienste klagen ja nicht über zuviele Buchbestellungen, oder mal eine eine Kiste mit DVDs, BDs oder CDs, sondern man kann über Amazon inzwischen die ganze Wohnung ausstatten.

Von Küchenmaschinen bis PC-Ware und Unterhaltungselektronik.

Bücher und Unterhaltungsmedien und Software ist doch nur noch der kleinste Teil des ganzen.

http://www.amazon.de/gp/s...

Wobei manchmal wundert es schon, wenn sich eine Menschen beklagen, dass bestimmte technische Geräte, zum Beispiel Küchenmaschinen, bei einem Internetversendern eben nicht Top sind.

Vergessen aber, dass eine Ware im Online-Handel mehr transport und damit angegaßt wird, als wenn man es beim Händler vor Ort kauft.

Der Hersteller schickt es an Amazon, Amazon verteilt es an die LogZentren in den Zentren wird es dann ausgepakt, damit man einzelne Gebinde entnehmen kann, dann kommt der Picker, der knallt das in seinen Wagen und bringst zum Packer, der verpackt das Zeug und ab zum Versender der bringt es in seine Verteilzentren und dan wird wieder sortiert und verladen und dann kommt es endlich zu Hause an.

Ein einzelnes Paket geht mindestens acht Hände.

Beim lokalen Handeln geht die Sache so:
Hersteller scickt Container an Exp./Imp., verkauft an Großhandel von da kauft der Einuzelhandel und dann der Endkunde.

Ein einzelnes Gebinde wird maximal 3x vor der Kundenhand angefaßt und das ganze noch "sanfter".