Krippenplätze : Mischt euch ein!

Der dänische Familientherapeut Jesper Juul kritisiert den Kita-Ausbau in Deutschland. Ein Gespräch über kollektivistische Erziehung, inkompetente Erzieher und Erfahrungen aus Skandinavien.

DIE ZEIT: Herr Juul, was haben Sie gegen Kinderkrippen?

Jesper Juul: Gar nichts. Wenn sie den Bedürfnissen der Kinder gerecht werden und die Erzieherinnen wissen, was sie tun.

ZEIT: In einem gerade erschienenen Essay fragen Sie »Wem gehören unsere Kinder?«. Wie lautet Ihre Antwort?

Juul: Die Kinder gehören prinzipiell sich selbst. Aber das hat die Erwachsenen noch nie interessiert. Wenn es um den Diskurs in Sachen Fremdbetreuung geht, sollte man zumindest klarstellen, dass die Kinder den Eltern gehören.

ZEIT: Ihr Buch liest sich wie eine Art Aufruf an alle Eltern: Wehrt euch gegen die Verstaatlichung eurer Kinder! Warum diese Aufregung?

Jesper Juul

Der dänische Familientherapeut, Konfliktberater und Autor kritisiert in seinem neuesten Buch die Umsetzung des Krippenausbaus in Deutschland und warnt davor, nicht aus den Fehlern zu lernen, die man in Skandinavien schon vor Jahren bei der institutionellen Betreuung von Kindern gemacht hat. Der Essay »Wem gehören unsere Kinder?« ist gerade im Beltz-Verlag erschienen.

Jesper Juul, 64, leitet das familylab , das mit Elternkursen und Schulungen in Deutschland, Österreich, der Schweiz und vielen anderen Ländern aktiv ist. Juul studierte Geschichte und Religionspädagogik, wollte ursprünglich Lehrer werden, arbeitete dann aber als Heimerzieher und später als Sozialarbeiter. In den Niederlanden und den USA bildete er sich zum Familientherapeuten weiter.

Juul: Mein Hauptanliegen ist es, kritisch auf den aktuellen Ausbau der Krippenplätze in Deutschland zu schauen; Eltern, aber auch Politikern und anderen Akteuren zu sagen: Passt auf, und seht euch die Geschichte der skandinavischen Länder an. In Norwegen hat man vor zehn Jahren beschlossen, genau wie hier in Deutschland, jedem Kind die Garantie auf einen Betreuungsplatz zu geben. Von diesem Moment an wurde nur noch auf Quantität, aber nicht mehr auf die Qualität geachtet. Ich sehe in Deutschland eine ganz ähnliche Entwicklung: Die Politiker versuchen krampfhaft, das Ausbauziel bis August 2013 zu erreichen. Das Geld fehlt an jeder Ecke, da werden mehr Kinder in eine Gruppe gesteckt, nur um Plätze zu schaffen und die Statistiken zu schönen. Außerdem ist die Ausbildung der Erzieherinnen und Erzieher sehr schlecht.

ZEIT: Wo sehen Sie die größten Defizite?

Juul: Die wissen einfach zu wenig. Sie haben zwar Kenntnisse über die sprachliche oder motorische Entwicklung der Kinder, sie haben gelernt, mit welchen Aktivitäten sich Kinder beschäftigen lassen. Aber sie wissen zu wenig über die Kinder selbst. Alle reden über individuelle Betreuung, aber kaum einer weiß, wie das geht. Die Sicht auf das Kind ist in den meisten Einrichtungen noch immer defizitorientiert. Ihre pädagogischen Ansätze beruhen auf einem traditionellen Kollektivismus, der nicht mehr zeitgemäß ist und dazu führt, dass alle Kinder zur gleichen Zeit schlafen und essen müssen und gleichzeitig windel- und schnullerfrei werden sollen. Man sollte sich nur mal die Mittagessenssituation in einer Kita anschauen. In den meisten Einrichtungen ist das die chaotischste und schlimmste Zeit des Tages, weil die Kinder einfach nicht ruhig am Tisch sitzen wollen, keinen Hunger haben, den Jungen neben sich nicht mögen. Aber niemand traut sich, von dieser Zwangsmaßnahme Abschied zu nehmen.

Verlagsangebot

Entdecken Sie mehr.

Lernen Sie DIE ZEIT 4 Wochen lang im Digital-Paket zum Probepreis kennen.

Hier testen

Kommentare

90 Kommentare Seite 1 von 12 Kommentieren

finde ich gut

Sehr interessant die Meinung von Herrn Juul, der nicht in den Chor der Krippenförderer und -forderer einstimmt. Ich finde es sehr respektabel, wenn jemand seine Kinder nicht "outsourced", wie man es heute ja in fast allen Lebensbereichen macht, sondern selbst zuhause "betreut". Aber vielleicht ist betreuen hier der falsche Ausdruck, wie wäre es mit "zuhause Kind sein lässt, statt es auf wirtschaftlichen Nutzen zu optimieren". Kinder haben großes Potential, aber Potential für die Menschheit/Gesellschaft sollte nicht mit Potential für die Wirtschaft verwechselt werden. Das wird heute leider viel zu oft vergessen.

Es ist nicht die Aufgabe der Eltern, ihre Kinder auf maximalen wirtschaftlichen Nutzen zu optimieren. Das passiert später schon viel zu viel in Schulen und Universitäten.

sehr einseitig

Schade, bisher hatte ich immer einen sehr guten Eindruck von Jesper Juul. Kinder können sich auch nicht ihre Eltern und Geschwister aussuchen. Es gibt wunderbare Tagesmütter, KindergärtnerInnen und ErzieherInnen, mit Geduld, Nerven, Erfahrung und liebevoller Zuwendung. Andererseits gibt es Eltern, die ihre Kinder vernachlässigen und nicht ausreichend Geduld und Nervenstärke beweisen.

Die einseitige Ansicht in diesem Interview ist erschreckend und völlig realitätsfern. Ich habe tolle Fachleute im Umgang mit meinen Kindern erlebt, sie freuen sich auf Tagesmutter und Kita und genauso, wenn sie von den Eltern abgeholt werden, die ihre Nerven ein paar Stunden erholen konnten;-))

Kinder sind toll! Aber bitte nicht 24 h Tag und Nacht, die GEsellschaft verändert sich, Großeltern arbeiten Vollzeit, sind nicht in der Nähe etc. wir müssen auch loslassen lernen, den Kindern zu liebe!!

Claudia R. aus Erfurt

Qualität vor Quantität, das kann man gar nicht oft genug betonen. Wenn die Kinder den Einrichtungen anvertraut werden, sollte sichergestellt werden, dass dort eine gute Betreuung und Förderung erfolgt (die Superlative "bestmögliche Förderung usw." sollte man mal Stecken lassen, diesen Ansprüchen genügen die meisten Eltern auch nicht).

Aus eigener Anschauung kenne ich erhebliche Unterschiede in Ausstattung und Personal zwischen Krippen oder KITAS. Leider wird z. Zt. hauptsächlich auf die Zahlen geschaut. Es gibt aber Einrichtungen in denen ich unsere Tochter nicht eine Stunde sehen möchte. Wir hatten allerdings Glück und haben immer Kitas in der Nähe gefunden mit einer sehr guten Betreuung.

@3 Qualität vor Quantität zum Nulltarif (1)

ich kann das stete Genörgel um die mangelnde Qualität in Eeutschen Kitas langsam nicht mehr hören.

Als Erzieherin mit 15 Jahren Berufserfahrung und einer zusätzlichen Ausbildung als Montessori-Diplompädagogin kann ich Herrn Juul insofern zustimmen, dass auch ich die Patchworkbildungslandschaft im Deutschen Elemtarbereich grauenhaft finde, sowie auch die monierte nicht statt findende Qualität.

Ich muss sagen, dass ich mich in Beziehungsqualität sehr wohl "fit" fühle oder vielleicht bin ich dann auch einfach nur ein Naturtalent, weil ich darin keine Extra-Ausbildung gemacht habe. Auch fand ich meine Fachschuldausbildung damals nicht schlecht. Möglicherweise gibt es vereinzelt auch gute Erzieherfachschulen in Deutschland.

Meinen Beruf habe ich mit hohen Idealen und viel Enthousiasmus angetreten.

Leider nimmt die Anzahl an ErzieherInnen, die im Burn-Out enden derzeit drastisch zu. Bald jede 10.te ist davon betroffen.

Warum ich das Genörgel langsam nicht mehr hören kann? Weil ich die RAHMENBEDINGUNGEN für diesen Beruf wirklich fast unmenschlich finde. Auf eine Erzieherin 12,5 Kinder ist immer noch Standard in Regelgruppen. Die Gruppenräume sind Quadratmeterzahlenmäßig immer noch winzig (Man sollte es einmal wagen, für auch nur einen Tag ein normales Deutsches Wohnzimmer mit 25 Kindern zu bestücken, die den ganzen Tag lang dort ruhig sein sollen, ohne "durchzuknallen", dann weiß man, was Erzieher über Jahrzehnte zu leisten haben.

Auf die eltern kommt es an

Ich bin selbst Vater eines zweijährigen Sohns. Dieser geht bereits seit einem Jahr in die Grippe. Leider hatten wir keine andere Möglihkeit und unter anderen Umständen wäre er vielleicht auch bis zum 3. Lebensjahr Zuhause geblieben.
Jedoch kann ich berichten, dass die 10 Kinder in der Grippe absolut gut betreut werden. Schade das meist nur negative Nachrichten Schalgzeilen machen. Unser Sohn hat am Nachmittag viel Zeit in Ruhe zu spielen und sich die Auszeit zu nehmen die er braucht.
Natürlich liegt viel in den Händen der Politik, doch in erster Linie sind es die Eltern die sich bewusst sein müssen wie sie ihre Kinder groß ziehen. Auch sie haben es in der Hand Politik mitzubestimmen. Wir können wählen oder auf die Straße gehen und uns Gehör verschaffen. Leider ist der Deutsche oft viel zu bequem und das Prangere ich an!

Ohnmacht

Was würden Sie z.B. tun, wenn die Grippe Ihres Sohnes weitere Kinder aufnimmt, ohne zusätzliches Personal einzustellen. Die Qualität wird sich dadurch merklich verschlechern.

Angenommen, Sie finden keinen anderen Betreuungsplatz, stehen Sie doch vor folgender Entscheidung:
- Sie machen aus einem "es geht nicht anders" ein "dann müssen wir da irgendwie durch"
oder:
- Sie bleiben beim "es geht nicht anders" und nehmen dabei in Kauf, dass ihr Sohn evtl. darunter leidet

Wofür gehen Sie nun auf die Straße?
Dafür dass neues qualifiziertes Personal eingestellt wird? Aber woher nehmen?
Dafür dass die zusätzlichen Plätze wieder gestrichen werden? Aber was ist mit den Kindern der anderen Eltern die dringend auf einen Betreuungsplatz angewiesen sind?

Letztendlich muss doch erst mal dafür gekämpft werden, dass ein Grippeplatz keine Grundvorraussetzung für ein ordentliches Auskommen der Familie - egal ob alleinerziehend oder nicht - ist.

Wie können Sie das wissen?

Sie schreiben, Sie wüssten, dass Ihr Sohn "absolut gut betreut" würde?

Wie können Sie das wissen? Sind Sie dabei? Erzählt Ihnen Ihr 2jähriger Sohn schon, was tagsüber so los war?

Ich erzähle Ihnen mal was: Eine Bekannte macht derzeit eine Umschulung zur Erzieherin in einer Kinderkrippe in München. Dort bleiben die Kinder zum Teil stundenlang in der vollen Windel. Weinende Kinder werden nicht getröstet, sondern angeschrien. Kurz bevor die Mutter das Kind abholt, wird frisch gewindelt und dann bei der Abholung gesülzt: "Hach, heute hatte er/sie wieder viel Spaß." Diese Lüge wird von der strahlenden Glückseeligkeit des Kindes, das froh ist, endlich von seiner Mama abgeholt zu werden, vermeintlich unterstrichen. Und die Mutter geht samt Kind mit dem guten Gefühl nach Hause, dass dieses in den besten Händen ist.

Meine Bekannte überlegt, die Umschulung abzubrechen.....

Tipps?

Hallo,
ich bin gerade auf der Suche nach den Wegen wie es werden kann dass in Deutschland es einfach wird Schule zu machen und die Schulpflicht abgeschafft wird. Du schreibts auf die Strasse gehen sich einmischen. Ich geh da grad ganz naiv und neu heran. Hast Du Tipps?
Gruss Alice

Gekürzt. Bitte nutzen Sie die Kommentarfunktion von Zeit Online nicht als Werbefläche. Die Redaktion/mak