DIE ZEIT: Herr Juul, was haben Sie gegen Kinderkrippen?

Jesper Juul: Gar nichts. Wenn sie den Bedürfnissen der Kinder gerecht werden und die Erzieherinnen wissen, was sie tun.

ZEIT: In einem gerade erschienenen Essay fragen Sie »Wem gehören unsere Kinder?«. Wie lautet Ihre Antwort?

Juul: Die Kinder gehören prinzipiell sich selbst. Aber das hat die Erwachsenen noch nie interessiert. Wenn es um den Diskurs in Sachen Fremdbetreuung geht, sollte man zumindest klarstellen, dass die Kinder den Eltern gehören.

ZEIT: Ihr Buch liest sich wie eine Art Aufruf an alle Eltern: Wehrt euch gegen die Verstaatlichung eurer Kinder! Warum diese Aufregung?

Juul: Mein Hauptanliegen ist es, kritisch auf den aktuellen Ausbau der Krippenplätze in Deutschland zu schauen; Eltern, aber auch Politikern und anderen Akteuren zu sagen: Passt auf, und seht euch die Geschichte der skandinavischen Länder an. In Norwegen hat man vor zehn Jahren beschlossen, genau wie hier in Deutschland, jedem Kind die Garantie auf einen Betreuungsplatz zu geben. Von diesem Moment an wurde nur noch auf Quantität, aber nicht mehr auf die Qualität geachtet. Ich sehe in Deutschland eine ganz ähnliche Entwicklung: Die Politiker versuchen krampfhaft, das Ausbauziel bis August 2013 zu erreichen. Das Geld fehlt an jeder Ecke, da werden mehr Kinder in eine Gruppe gesteckt, nur um Plätze zu schaffen und die Statistiken zu schönen. Außerdem ist die Ausbildung der Erzieherinnen und Erzieher sehr schlecht.

ZEIT: Wo sehen Sie die größten Defizite?

Juul: Die wissen einfach zu wenig. Sie haben zwar Kenntnisse über die sprachliche oder motorische Entwicklung der Kinder, sie haben gelernt, mit welchen Aktivitäten sich Kinder beschäftigen lassen. Aber sie wissen zu wenig über die Kinder selbst. Alle reden über individuelle Betreuung, aber kaum einer weiß, wie das geht. Die Sicht auf das Kind ist in den meisten Einrichtungen noch immer defizitorientiert. Ihre pädagogischen Ansätze beruhen auf einem traditionellen Kollektivismus, der nicht mehr zeitgemäß ist und dazu führt, dass alle Kinder zur gleichen Zeit schlafen und essen müssen und gleichzeitig windel- und schnullerfrei werden sollen. Man sollte sich nur mal die Mittagessenssituation in einer Kita anschauen. In den meisten Einrichtungen ist das die chaotischste und schlimmste Zeit des Tages, weil die Kinder einfach nicht ruhig am Tisch sitzen wollen, keinen Hunger haben, den Jungen neben sich nicht mögen. Aber niemand traut sich, von dieser Zwangsmaßnahme Abschied zu nehmen.