Elisabeth Schönfeld (Name geändert), Altenpflegerin

Die Schafe hinterm Haus sind seit sieben Jahren ein Zuschussgeschäft. Sie waren einmal als Hobby gedacht, das sich selbst trägt, aber nach der Trennung von ihrem Freund ist niemand mehr da, der die Schafswurst auf dem Markt verkaufen könnte. Elisabeth Schönfeld hebt die Quittungen für das Heu und den Weizen auf, zusammengerechnet hat sie sie noch nie.

Buch führt sie stattdessen über das Spritgeld für ihren alten Opel-Kombi, denn dessen Kosten wurmen sie viel mehr. Sie ist gelernte Krankenschwester, arbeitet 30 Stunden pro Woche als Altenpflegerin, dafür bekommt sie 1134 Euro netto. Für unerwartete Ausgaben hat sie ein zweites Konto, auf das sie jeden Monat 150 Euro überweist. In den letzten Monaten hat sie sich häufig davon bedient. Dem vorigen Arbeitgeber hat sie unfreiwillig 5000 Euro geschenkt, Überstunden, deren Bezahlung sie lange nicht eingefordert hat, zu lange, am Ende war das Unternehmen insolvent. Es fällt ihr nicht immer leicht, Ansprüche zu stellen. Sie ist es gewohnt, mit wenig auszukommen, dabei findet sie nicht mal, dass sie zu wenig hat. Sie ist in der DDR aufgewachsen und war noch ein Kind, als die Familie in den Westen ging.

Elisabeth Schönfeld lebt in Engelschoff, einem kleinen Dorf in Niedersachsen, sie ist 54 Jahre alt. Sie hat drei Kinder. Ulrike, die Älteste, ist 29 Jahre alt, Camilla 22 und Valentin 19. Für Camilla und Valentin bekommt sie je 186 Euro Kindergeld, für Valentin, der das Downsyndrom hat, zusätzlich 225 Euro Pflegegeld. Nach Ulrike ist nun auch Camilla ausgezogen, sie macht eine Ausbildung als Physiotherapeutin. Ihre Mutter überweist ihr das Kindergeld, und sie übernimmt auch die Kosten für das Auto: die 73 Euro monatlich für die Versicherung und die Reparaturen. Trotzdem ist das Geld der Tochter knapp, sie hat mit dem Vater über einen Zuschuss gesprochen. »Ihr Vater ist Apfelbauer, er hat sein Leben lang statt Alimenten Äpfel und Möhren angeschleppt, nun hat sie ihm vorgerechnet, wie wenig ihr vom Bafög übrig bleibt.« Sie selbst hat an den Äpfeln und Möhren nichts auszusetzen. »Ich hätte sie sonst teuer im Laden kaufen müssen«, sagt sie – und dass sie gewusst habe, dass ihr damaliger Freund so gut wie mittellos war, schließlich hat sie jahrelang seine Bücher geführt. Die Tochter bekommt nun 50 Euro pro Monat von ihm.

Der größte Posten in Elisabeth Schönfelds Haushalt sind Lebensmittel, sie kauft sie im Dorfladen, nicht im Supermarkt, auch wenn sie so sparen könnte. Sie ist keine jener Mütter, die sich eigene Wünsche versagen. Nebenberuflich vertritt sie eine amerikanische Firma, die Kosmetik, Vitaminpräparate und Reinigungsmittel herstellt. Elisabeth Schönfeld wird sehr lebhaft, wenn sie über deren Qualität spricht, und erzählt, dass sie sich die Gesichtspflegeprodukte der Firma kauft – für immerhin rund 400 Euro pro Jahr, ein Vorzugspreis.

Vor ein paar Jahren hat sie nach der Trennung für 48.000 Euro das Haus nebst Grundstück erworben, dazu noch eine Obstwiese. Sie hatte so viel Erspartes, dass sie pro Monat nur 168 Euro für den Kredit zahlen muss. »Land ist die beste Geldanlage«, sagt sie. Warum sie das findet, kann sie schwer erklären, es muss an den bäuerlichen Vorfahren mütterlicherseits liegen.

Die Obstwiese liegt an der Oste und wird im Winter überspült. Eigentlich müsste man Masten einrammen, um das Land zu sichern, doch das würde wohl mehrere tausend Euro kosten. Es ist einer der wenigen Momente, in denen es Elisabeth Schönfeld wurmt, nicht mehr Geld zu haben, bei den kommunalen Stellen um Hilfe betteln will sie auch nicht.

Die Eier ihrer Hühner verschenkt sie sogar. Noch. Sie hat sich vorgenommen, sie zu verkaufen. Ganz gewiss klingt das nicht.

Auf Wunsch eines Protagonisten wurde ein Name in diesem Text am 28. Februar 2013 nachträglich geändert. Die Redaktion