Wie soll man mit seinem Monatsgehalt oder seinem Ersparten umzugehen lernen, wenn einem nicht mal die eigenen Eltern, Geschwister oder Freunde erzählen, wie sie es machen? Wie sehr helfen einem Anlagetipps im Wirtschaftsteil , wenn man eigentlich die Grenze zwischen Geiz und Sparsamkeit ausloten möchte? Das Schweigen ist umso bedauerlicher, da heute – anders als noch vor 25 Jahren – ein falscher Rat der nicht ganz unparteiischen Bank dazu führen kann, dass man im Alter ohne oder mit viel zu wenig Geld dasteht. Die Fähigkeit, Geld zu vermehren oder wenigstens zu behalten, ist ganz offenbar sehr ungleich in der Bevölkerung verteilt – es häuft sich bei denen, die schon seit Generationen genug davon haben.

Es ist sicher kein Zufall, dass viele der schlecht bezahlten Sozialberufe von Frauen ausgeübt werden, denen man früh beigebracht hat, dass sie sich nicht für Geld zu interessieren hätten, sondern für Barmherzigkeit. Diese Sprachlosigkeit ist genauso unsinnig wie die Scham derjenigen Armen, die nicht zum Sozialamt gehen, um Wohngeld zu beantragen.

Der gender pay gap, der Einkommensunterschied zwischen Männern und Frauen für dieselbe Leistung, ist etwas sehr Abstraktes – im Schnitt verdient zum Beispiel ein männlicher ausgelernter Arbeitnehmer 1728 Euro netto im Monat, eine Frau nur 1473 Euro. Wenn Frauen wissen und nicht nur ahnen, dass männliche Kollegen für den gleichen Job 20 oder 30 Prozent mehr bekommen, ist es wahrscheinlich, dass sie in der nächsten Gehaltsverhandlung das einfordern, was die Männer verdienen.

Gut möglich, dass sich gerade etwas ändert in Deutschland. Im Oktober 2009 hat das Landesarbeitsgericht Mecklenburg-Vorpommern eine weitverbreitete Klausel in Arbeitsverträgen für ungültig erklärt, die besagte, dass man Kollegen nicht verraten dürfe, was man verdient. Obwohl das Verbot fiel, wird weiter geschwiegen, sehr zur Freude der Arbeitgeber. Seit zwei, drei Jahren wird immerhin über die Höhe von Managergehältern diskutiert. Jochen Hörisch, der Professor von der Universität Mannheim, erzählt, dass das Sprechen über Geld bereits in den Uni-Fluren angekommen sei: Es ist interessanter geworden, seitdem eben nicht mehr alle Professoren gleich viel verdienen und derjenige, der genügend Drittmittel eintreibt, Gehaltszuschläge bekommt. Und Peer Steinbrück hat vorgeschlagen, die Nebeneinkünfte aller Bundestagsabgeordneten zu veröffentlichen . Der Vorschlag war schnell abgeschmettert, die Landtagsabgeordneten der Piraten und Grünen im Berliner Abgeordnetenhaus wollen ihre Nebeneinkünfte nun freiwillig verraten (und Steinbrück tat es schließlich auch).

Geld ist ein Spiegel der Freuden, der Ängste, der Herkunft und der Hoffnungen. Viele Menschen definieren sich über die Höhe ihres Gehalts – Status und Selbstwert sind damit verbunden. Noch interessanter als die Frage, was einer verdient, ist die, wie jeder mit seinen begrenzten Mitteln haushält, wie er wirtschaftet. Auf diesen Seiten geben acht Frauen und Männer Auskunft darüber, wofür sie ihr Geld ausgeben, woran sie sparen, wo sie großzügig sind. Was ihnen wichtig ist im Leben. Vielleicht sind sie Pioniere und Pionierinnen einer neuen Offenheit, die längst überfällig ist. Einige baten darum, man möge ihren Namen anonymisieren. Und über die Summe, die sie auf der hohen Kante haben, wollten die meisten nicht sprechen.

Bemerkenswert ist, dass die meisten, vor allem jene aus den unteren Einkommensschichten, nicht nach oben, sondern nach unten gucken. Und dabei feststellen, dass es ihnen nicht schlecht geht. Vielleicht sind die Deutschen gar nicht so unzufrieden und neidisch, wie es immer heißt. Vielleicht verändert sich eine Gesellschaft ja nicht grundlegend, wenn alle über ihr Geld reden. Aber abends, in der Kneipe, würde es auf jeden Fall spannender. Niemand will jedes Mal über sein Liebesleben reden.