Einkommen : Die neue Offenheit
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Volker Behrendt, Hausmeister, 1570 Euro netto

Volker Behrendt, Hausmeister

Volker Behrendt hat für die Reporterin eine Liste gemacht, auf kariertem DIN-A4-Papier. Oben steht sein Nettogehalt, 1570 Euro – darunter ein Strich und dann die Ausgaben. Er ist 50 Jahre alt, groß und dünn, in seinem Gesicht erkennt man die Spuren eines exzessiven Lebens. Er sitzt an einem Holztisch in einer Zweieinhalb-Zimmer-Wohnung in Hamburg-Eilbek und bietet Pfefferminztee an.

Von den 1570 Euro, die er als Hausmeister eines Wohnblocks verdient, gehen 379 Euro für die Miete ab und 66,68 Euro für die Garage – in seiner Buchhaltung gibt es auch Nachkommastellen. Das Haushaltsgeld von 250 Euro stecken Behrendt und seine Frau in eine Blechdose. Das ist nicht viel. Er weiß aus dem Kopf, dass sein Mundwasser Listerine bei dem einen Supermarkt mit 3,33 Euro am günstigsten ist und dass es beim anderen um die Ecke auch nur zwei Cent mehr kostet. Er sieht nicht ein, wegen zwei Cent einen Umweg zu gehen. Aber eigentlich sei es eher seine Frau, die die Preise vergleicht, sagt er. Sie habe mehr Zeit dazu, sie war Zollbeamtin, bevor sie krank wurde und schließlich in vorzeitigen Ruhestand ging, und sei das Rechnen gewohnt. In der Blechdose sammeln sie auch die Quittungen. Warum? »Kontrolle«, sagt Behrendt. Neben »Haushalt« gibt es noch den Posten »Sparen«, in eine Lebensversicherung fließen 138,12 Euro. Dazu kommen 77 Euro Fahrgeld und 150 Euro für das Essen auf der Arbeit. Fürs Lottospielen, den Traum vom schnellen Geld, geben die Behrendts zwölf Euro im Monat aus. Es bleibt wenig übrig.

Das war einmal anders. Als Volker Behrendt noch in seinem erlernten Beruf arbeitete, als Klempner, verdiente er 3000 Mark netto, das war vor 20 Jahren viel Geld, mehr, als er zum Leben brauchte. Es lagen dann 10.000 Mark auf dem Girokonto, und er sagte sich: »Das ist ja richtig Asche, Alter, geil, was machst du nun?« Dann kaufte er sich nur ein paar Schallplatten, der Rest blieb auf dem Konto. Er hätte das Potenzial zum Verschwender, aber er lebt es nicht aus.

Behrendt hat viel Freude am Sparbuch der Haspa, der Hamburger Sparkasse. Er holt es aus einer Schublade, »dieses schöne kleine Büchlein«, sagt er, nur deswegen ist er noch bei der Hamburger Sparkasse, obwohl sie jeden Monat so hohe Kontoführungsgebühren verlangt und kaum Zinsen ausbezahlt. 6000 Euro sind da drauf. Wenn die Behrendts Geld davon abheben, dann für schöne Dinge, für einen Dänemark-Urlaub oder für die Couch im Wohnzimmer, 1500 Euro hat sie gekostet und ist ihr teuerster Besitz.

Volker Behrendts Vater war Kapitän zur See. Die Familie lebte gutbürgerlich, als der Vater plötzlich starb. Die Mutter blieb mit den vier Kindern im wohlhabenden Lokstedt, das Geld war knapp, knapper als bei seinen Freunden. Volker war mit den Söhnen von Ärzten, Steuerberatern und Lehrern unterwegs. Er bekam auch mal Streitigkeiten von deren Eltern mit, oft ging es da ums Geld. »Gruselig«, sagt Behrendt. Von da an sah er den unglücklichen Umgang seiner Mutter mit Geld in einem freundlicheren Licht.

Behrendt hat für seine Nichten und Neffen Versicherungen abgeschlossen, jeweils zur Geburt, und zahlt monatlich je zehn Euro ein. Sie sollen sich später mal eine gute Ausbildung leisten können. Für alle Nichten und Neffen gibt es mehrere Sparbücher, weil sich sämtliche Geschwister kümmern. Die anderen verdienen allerdings viel mehr als Volker Behrendt, weil sie in der Werbung sind oder bei der Lufthansa. »Ich bin das schwarze Schaf in der Familie, was das Finanzielle anbelangt.« Behrendt sagt das, als mache es ihm überhaupt nichts aus.

Die Angst vor Armut im Alter ist das Einzige, was ihn wirklich beunruhigt. Mit den 138,12 Euro, die er monatlich zuzahlt, wird er auf eine Rente von 1400 Euro kommen. »Aber was sind die in 18 Jahren noch wert?«, fragt er sich. »Ich will kein Sozialfall werden«, sagt er. »Obwohl ich wahrscheinlich trotzdem in die Richtung gehe.«

Kommentare

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Das Gerundiv - wo man es in der Mathematik bräuchte

Der Minuend (vom lat. Gerundiv "minuendum" - das zu Vermindernde) ist die Zahl, von der abgezogen wird, der Subtrahend (vom lat. Gerundiv "subtrahendum" - das Abzuziehende) ist die Zahl, die abgezogen wird.
Hoffentlich bringt es der Rentner R. H. seinem Nachhilfeschüler nicht falsch bei!

Vgl. beispielsweise de.wikipedia.org/wiki/Subtraktion .

P.S.: Ich bin kein Lehrer, schon gar kein Mathelehrer.

Interessantes Thema schlecht umgesetzt

Leider hält auch dieser Artikel nicht, was er verspicht: Transparenz.
Ich will nicht mit der Aufzählung im Einzelnen ermüden. Um meine Ansicht zu untermauern genügt ein Blick in die Finanzen der Familie Rohrbacher (Name geändert). Dem Anschein nach bekommen sie allein für das Milchgeld mehr, als der Betrieb insgesamt erwirtschaftet. Ganz zu schweigen vom Kindergeld für sieben Kinder, welches für sich schon höher liegt als das angeblich zur Verfügung stehende Monatseinkommen.
Der Gipfel - und ausschlaggebend für das Anmelden und Schreiben dieses Kommentares - war jedoch der letzte Satz zu Rudolf Hellwig. So etwas ist irgendwie beschämend.

Ungutes Gefühl

Nach Lektüre dieses Artikels fühle ich mich unwohl. Ich frag mich, woran das liegt. Der Begriff "Voyeurismus" kommt mir in den Sinn, aber so ganz trifft es das nicht. Ich schaue nochmal in die Texte. Es gibt sehr viele Sätze wie den folgenden:

"Wenn er erzählt, dass der Enkelin zur Überraschung seiner Tochter die Aldi-Kleider besser gefallen haben als die Markensachen, klingt er sehr zufrieden."

So ein Satz wirkt auf den den ersten Blick neutral-beschreibend. Ist er aber nicht. "Klingt er sehr zufrieden" ist eine subjektive Wahrnehmung. Vielleicht ist es der Mix aus - oberflächlich betrachtete - nüchternen Zahlenangaben und lakonisch wirkendem Tonfall der bei mir ein Gefühl von Zurschaustellung auslöst. Ich merke, ich hätte die Porträtierten gerne "beschützt". Ich finde den Tonfall des Artikels kalt und nahezu verächtlich.
Werde weiter darüber nachdenken und bin gespannt, wie andere Leser das empfunden haben.

Auch ein ungutes Gefühl

Ich habe beim lesen dieses Artikels auch ein ungutes Gefühl bekommen. Für mich wirken die hier beschriebenen Menschen allesamt farb- und leblos, egal wieviel Geld sie haben oder angeblich nicht haben. Da sind mir Menschen aus Ländern, wie Russland oder aus Afrika und Lateinamerika bei weitem sympathischer. Die haben zum Teil fast nichts im Vergleich zu den deutschen Wohlstandsbürgern, sind jedoch soviel herzlicher, freundlicher, familiärer ja einfach lebendiger. Vielleicht bilde ich mir das auch nur ein. Trotzdem sehe ich manchmal vor meinem inneren Auge, ein kaltes, graues Land, voller kleiner Häuschen und Wohnungen, darin sitzt ein alter Mann oder eine alte Frau, ganz alleine und schaut Wetten dass.. ohne eine Miene zu verziehen. Ich finde wir müssen viel mehr junge und lebendige Menschen, aus lebendigen Ländern für dieses Land gewinnen, ansonsten wird es irgendwann nur ein riesiges, kaltes Altersheim sein.

Überflüssig und peinlich!

Vielleicht hätte man den Mantel des Schweigens über diesem Thema lassen sollen?! Viele Beiträge sind einfach nur peinlich. Warum werden offensichtlich in Partnerschaft oder Ehe lebende Menschen hier so dargestellt, als müssten sie allein mit ihren Einkommen wirtschaften? Wenn die Frau des Rentners einmal Beamtin war, dann erhält sie doch sicherlich Pension - und die ist bekanntermaßen nicht zu vernachlässigen!? Wie kann man einen Lehrer hier beispielhaft zeigen, der offensichtlich keine Idee von der Realität des Lebens außerhalb seiner kleinen Welt zu haben scheint? Warum bleibt bei 1.500 Euro netto für "Nebeneinkommen" (Wow!) und fast genauso viel Kindergeld plus Einnahmen aus der Landwirtschaft bei Familie Rohrbacher bei 2.000 Euro Fixkosten am Ende des Monats nichts übrig?
Das Thema ist zweifelsohne genau deshalb keinen Artikel wert - weil Leben und Einstellungen verschieden sind und sich nichts vergleichen lässt.

Zu kurz gedacht!

Ich weiss ja nicht in was für Verhältnissen sie Leben, aber bei mir reicht das Kindergeld bei weitem nicht einmal für die Kinderbetreuung in der städtischen KiTa.

Wenn Sie berücksichtigen dass Familie Rohrbacher Raten für die Landmaschinen zu zahlen hat, Betriebskosten für einen Hof, eventelle Kredite für Investitionen & Modernisierugnen von Produktionsanlagen...

Man sollte etwas weiter denken als vielleicht die eindimensionalen Finanzverhältnisse eines zur Miete lebenden, angestellten Singles zum Vergleich herzuziehen.