Rudolf Hellwig, Rentner

Es ist kühl im Wohnzimmer des Reihenhauses in St. Ingbert im Saarland. Rudolf Hellwig mag das. »Man kann sich ja auch wärmer anziehen.« Er zupft an seinem Pullover, »der ist übrigens von meinem Sohn«, es ist eine teure Marke, Ralph Lauren, er selbst würde so was auf keinen Fall kaufen. Wenn er erzählt, dass der Enkelin zur Überraschung seiner Tochter die Aldi-Kleider besser gefallen haben als die Markensachen, klingt er sehr zufrieden.

Die Schrankwand im Wohnzimmer ist 40 Jahre alt, ungefähr so alt wie die Ehe von Rudolf Hellwig. Seine Frau würde lieber einmal etwas Neues kaufen, sagt er, aber er sei nicht bereit, Dinge wegzugeben, die noch funktionierten. »Ich denke, meine Frau hat im Laufe unserer Gemeinsamkeit erkannt, wie schön es ist, wenn man Geld im Rücken hat«, sagt er. Geld, das man nicht ausgegeben hat.

Hellwig war Sozialarbeiter bei der Bundesagentur für Arbeit, er ist jetzt 70 und bezieht 1600 Euro Rente. Dazu kommen 500 Euro Betriebsrente und der Verdienst aus einem 400-Euro-Job bei einem Autovermieter. Von diesen 2500 Euro gehen 500 Euro an die Krankenversicherung, 500 zahlt er in Lebens- und Bausparversicherungen für die drei Kinder und die vier Enkelkinder, 300 Euro Haushaltsgeld gehen an seine Frau, die auch eine Rente bekommt. 150 Euro, so schätzt er, zahlen sie für Strom und Wasser, 120 Euro für Telefon und die Grundsteuer für das Haus. Es bleibt also immer etwas übrig, 300 bis 400 Euro, die Hellwig spart, für sich oder seine Frau oder für die Kinder. Vor ein paar Jahren hat eine Tochter eine Wohnung gekauft, für die die Eltern 200 Euro pro Monat zahlen.

Anders als seine Frau spart er an Mitbringseln für Kinder und Enkel. Seine Kinder verdienen gut, besser, als er selbst es jemals getan hat. Er käme auch nie auf den Gedanken, sie bei den seltenen Gelegenheiten, an denen sie gemeinsam auswärts essen, einzuladen. Dafür besorgt er Brennholz, Verpackungsholz aus der Industrie, lädt es in den alten Kombi und karrt es heran für die Kamine der Kinder.

Freigiebig ist Rudolf Hellwig mit seiner Zeit, er arbeitet ehrenamtlich für den örtlichen Fußballverein, er hat 20 Jahre lang die Frauenmannschaft trainiert. Seit vier Jahren besucht er jeden Montag einen Bekannten im Pflegeheim. Für den Nachhilfeunterricht eines Fünftklässlers nimmt er acht Euro pro Stunde, »der Alte hat Geld genug«, das Kickbox-Training des Jungen hat er sich aus reinem Interesse angesehen.

Hellwigs Liebe zum Sparen scheint das Erbe seiner Mutter zu sein. Die Mutter war alleinerziehend und arbeitete als Sekretärin. Als Junge bekam er für den Schulausflug 30, 40 Pfennig von ihr, die er immer nach Hause zurückbrachte. Sie bestärkte ihn darin. Als Aldi in Bochum die erste Filiale eröffnete, fuhr Hellwig hin, um die Preise zu vergleichen, er sagt, sie hätten ihn »beeindruckt«.

Es gibt einen sozialen und einen kaufmännischen Strang in Rudolf Hellwigs Charakter, deswegen hat er Sozialarbeit studiert und dann noch mit Betriebswirtschaft begonnen, aber das Abendstudium wurde zu aufwendig, und so ist er Sozialarbeiter geblieben. Geärgert hat er sich trotzdem über Kollegen, die nicht mit Geld umgehen konnten, die, wie er fand, immer nur nach mehr Geld schrien. Hellwig hat einmal, noch vor der Sarrazin-Debatte, versucht, vom Hartz-IV-Satz zu leben. Er sagt, dass es ihm keine Schwierigkeiten bereitet habe. Und doch habe er sich nie über Klienten geärgert, die mit dem Geld nicht auskamen. »Man muss es schließlich lernen.«

Rudolf Hellwig wirkt euphorisch, wenn er über Fleisch oder Wurst mit überschrittenem Haltbarkeitsdatum spricht, die er billig kauft, heute waren es zwei Kilo Käsewürstchen für die Hälfte. Auf ähnliche Weise begeistert es ihn, wenn er seinem Nachhilfeschüler beibringt, was ein Minuend ist. Das nämlich, was man abzieht.