MarcPeters (Name geändert), Hartz-IV-Empfänger

Marc Peters hat Geld ausgegeben, das er gar nicht hatte, und als ihm welches in den Schoß fiel, war es schnell wieder weg. Nun hat er ein Pfändungsschutzkonto, das nicht ins Soll abrutschen kann. Erst an diesem Nachmittag hat er eine eidesstattliche Versicherung abgegeben, dass er nicht mehr hat als jene Summe, die nicht gepfändet werden darf: Peters ist 49 Jahre alt und bekommt monatlich 670 Euro HartzIV, dazu 250 Euro Opferrente. In der Arbeitsbeschaffungsmaßnahme, die ihn wieder in den Arbeitsmarkt bringen soll, verdient er pro Stunde 1,50 Euro, monatlich kommen damit noch einmal 180 Euro zusammen. Die Rente erhält Peters als Entschädigung für seine Haft in der DDR – erst saß er elf Monate wegen versuchter Republikflucht und dann noch einmal drei Jahre, weil er sich nicht an die Auflage hielt, in ein sächsisches Dorf zu ziehen, sondern zurück nach Ost-Berlin ging.

Als er 1995 seine 25000 Mark Haftentschädigung bekam, kaufte er sich für 600 Mark einen Hund, einen Staffordshire. Blacky nannte er ihn, aber Blacky war so ängstlich, dass man ihn nicht einmal vor dem Supermarkt anbinden konnte, und zu Hause zerfraß er die Couch. Also hat Peters ihn wieder verkauft, für den gleichen Preis. Das wundert einen, man vermutet bei ihm Verlustgeschäfte an jeder Ecke.

Er ist in einem Heim in der DDR aufgewachsen, weil seine Mutter angeblich asozial war, also nahm man ihr das Kind weg. Er wäre gern Binnenschiffer geworden, aber weil seine Augen dafür zu schlecht waren, schickte man ihn in eine Lehre als Maschinenschlosser. Gearbeitet hat er aber nur in Gelegenheitsjobs. Im Herbst 1989 ging er in den Westen, jobbte in einer Siemens-Niederlassung in West-Berlin als Lagerist und verdiente gut. Gespart hat er nie. »Das hat man mir nie beigebracht«, sagt er.

Als er die Haftentschädigung bekam, war gerade die Beziehung mit seiner Freundin zerbrochen, und er hatte keine eigene Wohnung. Er ging auf Reisen, in die Schweiz, nach Tschechien, Holland und Frankreich. Es waren Mittelklasse-Unterkünfte für 70 Mark pro Nacht. Nach einem Jahr war das Geld so gut wie aufgebraucht. »Ich bin nicht damit in den Puff gegangen«, rechtfertigt er sich, ohne dass man danach gefragt hätte. Ein paar Tausend Euro hat er verliehen und nicht zurückbekommen. Von den letzten 5000 Mark hat er sich Gebrauchtmöbel gekauft.

So beiläufig, wie er die Entschädigung ausgab, hat sich Peters überschuldet. Er kaufte einen Fernseher und einen Videorekorder, als er schon kein Geld mehr hatte. Dazu kamen Schulden bei Vattenfall und zwei verlorene Kassetten aus der Videothek, mit all den Mahngebühren kosteten sie ihn 2000 Euro. Irgendwann hatte er Tausende Euro Schulden.

Es scheint, als sei die Wende zum Guten wie nebenbei gekommen: mit dem Einzug in die Einzimmerwohnung in Berlin-Tegel, die Peters nicht verlieren möchte. »Nichts Tolles«, sagt er, aber er mag die Lage zwischen zwei Seen. 295 Euro Miete zahlt er pro Monat, 35 Euro für Strom und, seit er einen alten Laptop für 150 Euro gekauft hat, 20 Euro fürs Internet. Für Lebensmittel gibt er 250 Euro aus, meist im Discounter, ab und zu gönnt er sich eine Scholle.

Neulich hat er einen Fernsehbericht über Aufstocker gesehen, Leute, die Geld beim Sozialamt beantragen müssen, obwohl sie arbeiten. »Ich kann mich da nicht beklagen«, sagt er, ihn lasse das Sozialamt in Ruhe, er müsse um nichts bitten.

Heute ist vieles vernünftig in den Finanzen von Marc Peters, manches ist nicht ganz so vernünftig, aber es bleibt eine Unvernünftigkeit im Rahmen. Als er einmal ins Krankenhaus musste und die Nachbarin nicht darum bitten wollte, seine Vögel zu versorgen, ließ er sich mit dem Taxi zur Wohnung fahren, um sie zu füttern.