Einkommen : Die neue Offenheit
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Svetlana Sartison, Ärztin, 1500 Euro netto

Svetlana Sartison, Ärztin

Aus dem Klinkerhaus mit dem adretten Vorgarten in einem ruhigen Viertel am Rand Göttingens hört man Klaviermusik. Svetlana Sartison übt ein Stück, das ihr kleiner Sohn gerade lernt, sie will ihm dabei helfen. Das Wohnzimmer ist so aufgeräumt, dass man nicht glauben kann, dass hier zwei Kinder unterwegs sind. Sartison ist 36 Jahre alt. Sie trägt ein schwarzes T-Shirt und auffallend wenig Schmuck. Man könnte sich eine Ärztin anders vorstellen.

Svetlana Sartison ist Russlanddeutsche, 1994 kam sie nach Deutschland. Der Vater war Busfahrer, die Mutter machte Gelegenheitsarbeiten, sie waren arm. Svetlana Sartison sagt nicht, dass sie in ihrer Kindheit etwas Wesentliches vermisst hätte, sie sagt nur, dass »die Eltern uns absolut nichts geben konnten« – und dass sie gelernt habe, ihr Glück nicht auf Materielles zu bauen. Jetzt, da sie mehr Geld verdient, als ihre Eltern es jemals taten, bekommen ihre Kinder all das, was sie selbst nicht hatte: hochwertige Kleidung, teures Spielzeug, Musikunterricht.

Ihr Sohn Ilja ist sieben Jahre alt, für die Klavierstunden zahlt sie 150 Euro monatlich, das Schulgeld für die Waldorfschule liegt bei 500 Euro, die Waldorfkrippe für seine dreijährige Schwester Anastasia kostet 400 Euro monatlich. Eigentlich wäre das Schulgeld sogar höher, seitdem Svetlana Sartison wieder als Ärztin arbeitet, aber die Schule gewährt ihnen einen Nachlass. Doch auch diese 500 Euro können sich die Sartisons nur knapp leisten, erst recht seitdem sie das Haus abbezahlen müssen. 900 Euro sind das monatlich, immer wieder fallen Reparaturen an, dazu kommen die 150 Euro Bafög, die sie beide monatlich zurückzahlen, und rund 270 Euro Benzinkosten, 70 Euro für ihren Nissan und 200 Euro für den Audi, mit dem ihr Mann täglich zur Arbeit nach Kassel fahren muss. »Natürlich Gebrauchtwagen«, sagt Sartison.

Sie ist Assistenzärztin für Strahlentherapie und Radioonkologie an der Uni-Klinik Göttingen, ihr Mann, ebenfalls ein Russlanddeutscher, ist Wirtschaftsingenieur. Sie verdient auf ihrer 60-Prozent-Stelle 1500 Euro netto, er bringt 2200 heim. Die Deutschen, sagt sie, machten aus Geldfragen ein Staatsgeheimnis, während die Russen ihr Geld gern zeigten. In Russland sei man es jahrzehntelang gewohnt gewesen, dass die Leute, in einer Schlange stehend, den Lohn vor aller Augen ausbezahlt bekamen.

Als Svetlana Teenagerin war, hätte sie gerne Markenkleidung getragen, aber es war kein Geld dafür da, und sie behielt ihre Wünsche für sich. Es war auch kein Geld da, um den Bruder, der zart war, innerlich wie äußerlich, durch Bestechung vom Militär freizukaufen, und keines, um ihren Traum, Ärztin zu werden, zu finanzieren. Deshalb gingen die Eltern mit den Kindern nach Deutschland, als Svetlana 18 war. Ilja, ihr eigener Sohn, ist auch zart und ein wenig ängstlich, er scheint dem Onkel zu ähneln.

Das Einkaufen für die Kinder sei ihre »schwache Stelle«, sagt Svetlana Sartison. Nie käme es ihr in den Sinn, eine billige Puppe zu kaufen. Einiges besorgt sie auf dem Flohmarkt, sie hat Freude an Schnäppchen, darin gleicht sie ihrem Mann. »Wir sind schlimmer als die Schwaben.« Diskussionen über Geld bleiben nicht aus. Wenigstens bewahrt ihr Mann sie so vor deutlich höheren Ausgaben. Fürs Ausgehen zum Beispiel, fürs Essengehen oder fürs Kino. Für Theater interessiert sie sich sehr, aber seit über einem Jahr hat sie kein Stück mehr gesehen. Zuletzt in Urlaub gefahren sind sie vor fünf Jahren. Ihr Mann fragt sich, wo das Geld bleibt und warum sie, zwei Akademiker, am Ende des Monats mit ein paar Hundert Euro im Soll stehen. Seine Frau tröstet sich damit, dass sie fürs Ausgehen und Reisen ohnehin keine Zeit hätte. Doch wenn Krankenschwestern Svetlana Sartison fragen, was sie verdient, schämt sie sich, weil es ihr im Vergleich so viel erscheint.

Kommentare

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Das Gerundiv - wo man es in der Mathematik bräuchte

Der Minuend (vom lat. Gerundiv "minuendum" - das zu Vermindernde) ist die Zahl, von der abgezogen wird, der Subtrahend (vom lat. Gerundiv "subtrahendum" - das Abzuziehende) ist die Zahl, die abgezogen wird.
Hoffentlich bringt es der Rentner R. H. seinem Nachhilfeschüler nicht falsch bei!

Vgl. beispielsweise de.wikipedia.org/wiki/Subtraktion .

P.S.: Ich bin kein Lehrer, schon gar kein Mathelehrer.

Interessantes Thema schlecht umgesetzt

Leider hält auch dieser Artikel nicht, was er verspicht: Transparenz.
Ich will nicht mit der Aufzählung im Einzelnen ermüden. Um meine Ansicht zu untermauern genügt ein Blick in die Finanzen der Familie Rohrbacher (Name geändert). Dem Anschein nach bekommen sie allein für das Milchgeld mehr, als der Betrieb insgesamt erwirtschaftet. Ganz zu schweigen vom Kindergeld für sieben Kinder, welches für sich schon höher liegt als das angeblich zur Verfügung stehende Monatseinkommen.
Der Gipfel - und ausschlaggebend für das Anmelden und Schreiben dieses Kommentares - war jedoch der letzte Satz zu Rudolf Hellwig. So etwas ist irgendwie beschämend.

Ungutes Gefühl

Nach Lektüre dieses Artikels fühle ich mich unwohl. Ich frag mich, woran das liegt. Der Begriff "Voyeurismus" kommt mir in den Sinn, aber so ganz trifft es das nicht. Ich schaue nochmal in die Texte. Es gibt sehr viele Sätze wie den folgenden:

"Wenn er erzählt, dass der Enkelin zur Überraschung seiner Tochter die Aldi-Kleider besser gefallen haben als die Markensachen, klingt er sehr zufrieden."

So ein Satz wirkt auf den den ersten Blick neutral-beschreibend. Ist er aber nicht. "Klingt er sehr zufrieden" ist eine subjektive Wahrnehmung. Vielleicht ist es der Mix aus - oberflächlich betrachtete - nüchternen Zahlenangaben und lakonisch wirkendem Tonfall der bei mir ein Gefühl von Zurschaustellung auslöst. Ich merke, ich hätte die Porträtierten gerne "beschützt". Ich finde den Tonfall des Artikels kalt und nahezu verächtlich.
Werde weiter darüber nachdenken und bin gespannt, wie andere Leser das empfunden haben.

Auch ein ungutes Gefühl

Ich habe beim lesen dieses Artikels auch ein ungutes Gefühl bekommen. Für mich wirken die hier beschriebenen Menschen allesamt farb- und leblos, egal wieviel Geld sie haben oder angeblich nicht haben. Da sind mir Menschen aus Ländern, wie Russland oder aus Afrika und Lateinamerika bei weitem sympathischer. Die haben zum Teil fast nichts im Vergleich zu den deutschen Wohlstandsbürgern, sind jedoch soviel herzlicher, freundlicher, familiärer ja einfach lebendiger. Vielleicht bilde ich mir das auch nur ein. Trotzdem sehe ich manchmal vor meinem inneren Auge, ein kaltes, graues Land, voller kleiner Häuschen und Wohnungen, darin sitzt ein alter Mann oder eine alte Frau, ganz alleine und schaut Wetten dass.. ohne eine Miene zu verziehen. Ich finde wir müssen viel mehr junge und lebendige Menschen, aus lebendigen Ländern für dieses Land gewinnen, ansonsten wird es irgendwann nur ein riesiges, kaltes Altersheim sein.

Überflüssig und peinlich!

Vielleicht hätte man den Mantel des Schweigens über diesem Thema lassen sollen?! Viele Beiträge sind einfach nur peinlich. Warum werden offensichtlich in Partnerschaft oder Ehe lebende Menschen hier so dargestellt, als müssten sie allein mit ihren Einkommen wirtschaften? Wenn die Frau des Rentners einmal Beamtin war, dann erhält sie doch sicherlich Pension - und die ist bekanntermaßen nicht zu vernachlässigen!? Wie kann man einen Lehrer hier beispielhaft zeigen, der offensichtlich keine Idee von der Realität des Lebens außerhalb seiner kleinen Welt zu haben scheint? Warum bleibt bei 1.500 Euro netto für "Nebeneinkommen" (Wow!) und fast genauso viel Kindergeld plus Einnahmen aus der Landwirtschaft bei Familie Rohrbacher bei 2.000 Euro Fixkosten am Ende des Monats nichts übrig?
Das Thema ist zweifelsohne genau deshalb keinen Artikel wert - weil Leben und Einstellungen verschieden sind und sich nichts vergleichen lässt.

Zu kurz gedacht!

Ich weiss ja nicht in was für Verhältnissen sie Leben, aber bei mir reicht das Kindergeld bei weitem nicht einmal für die Kinderbetreuung in der städtischen KiTa.

Wenn Sie berücksichtigen dass Familie Rohrbacher Raten für die Landmaschinen zu zahlen hat, Betriebskosten für einen Hof, eventelle Kredite für Investitionen & Modernisierugnen von Produktionsanlagen...

Man sollte etwas weiter denken als vielleicht die eindimensionalen Finanzverhältnisse eines zur Miete lebenden, angestellten Singles zum Vergleich herzuziehen.