EinkommenDie neue Offenheit

Über Geld wird nicht gern gesprochen. Dabei ließe sich viel dabei lernen, nicht nur fürs nächste Gehaltsgespräch. Wir haben acht Leute gefragt, was sie verdienen und wie sie ihr Geld ausgeben – von arm bis reich. von Friederike Gräff

Es war zu erwarten, dass es nicht einfach werden würde, Leute zu finden, die öffentlich über ihr Geld reden. Aber dass es so schwer werden würde, hatten wir nicht gedacht. Es dauerte fast ein halbes Jahr, bis sechs Arbeitnehmer und Selbstständige, ein Rentner und ein Hartz-IV-Empfänger bereit waren, hier Kassensturz zu machen. Über ihr Liebesleben oder ihre Krankheiten sprechen heute viele ohne Scheu – über Geld nicht. Das ist selbst unter guten Freunden nicht üblich. Warum eigentlich?

Ein Anwalt war bereit zu reden, aber seine Frau fand es nicht ratsam, wenn seine Mandanten, die er in Unterhaltsfragen berät, wüssten, was er verdient. Einem Werbefachmann bereitete es Sorge, dass in der Branche bekannt würde, welche Gehälter seine Firma zahlt. Einem Fondsmanager, den wir bereits interviewt hatten, fiel hinterher ein, dass sein Geschäftspartner dieses Gespräch für keine gute Idee halten würde.

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Keiner redet in Deutschland gerne über Geld, am wenigstens jene, das ergab unsere Recherche, die viel davon haben. Die Ärmeren machten bereitwilliger mit. Sie sind es ja gewohnt, auf dem Amt ihre finanzielle Lage auszubreiten.

Auch für alle anderen ist Geld ein großes Thema. Jeder denkt wahrscheinlich täglich mehrfach darüber danach. Und doch erfährt man über das Geld der anderen: fast nichts. Oder nur die Statistiken: Sparquoten, durchschnittliches Haushaltsnettoeinkommen (2922 Euro), solche Dinge. In den Wirtschaftsteilen der Zeitungen, die täglich eigens Geld-Seiten anbieten, steht praktisch nie, wie Menschen mit ihrem Geld zurechtkommen. Und wenn, dann werden Prominente befragt, die philosophieren ein wenig, nennen vielleicht eine Zahl. Kassensturz macht niemand öffentlich.

Niemand fragt den andern, was er verdient, aus Sorge, zu den weniger Geschätzten zu gehören

Vielleicht schweigen die Reichen nicht nur, weil sie negative Folgen für ihre Geschäfte befürchten, sondern auch Neid. Der Kampfbegriff »Sozialneid« ist mächtig genug, das Thema »Wer verdient eigentlich wie viel?« zu einem Tabu werden zu lassen. Und die nicht ganz so Reichen? Weite Teile der deutschen Mittelschicht werden bis heute noch dazu erzogen, Geld als notwendiges, aber nicht allzu interessantes Mittel zu betrachten, das man eben braucht. Niemand möchte sich als langweiliger Finanztest- Leser outen oder als Materialist erscheinen, also verschweigt man seinem Freund, dass man sich gefreut hat über die Gehaltserhöhung – die man selbstverständlich alleine mit seinem Chef verhandelt hat im Glauben, Einzelkämpfertum bringe ihn weiter, als sich mit seinen Kollegen auszutauschen. Niemand fragt den anderen, was er bekommt, auch aus Sorge, zu den weniger Geschätzten zu gehören.

Das Schweigen über Geld in Deutschland sei ein Erbe der Dezentralität, sagt Jochen Hörisch, Literatur- und Medienwissenschaftler, der in seinem Buch Kopf oder Zahl – Die Poesie des Geldes beschreibt, wie das Geld das christliche Abendmahl schon vor fünf Jahrhunderten als wichtigstes verbindendes Element abgelöst hat. Weil – anders als in Frankreich oder England – ein zentraler Hof fehlte, gab es keine Öffentlichkeit, vor der man seinen Reichtum hätte präsentieren können. Stattdessen hielten die Deutschen den Geist hoch und echauffierten sich über englische Pfeffersäcke und französische Frivolität. Dazu kam eine protestantische Kultur, die das öffentliche Zurschaustellen von Reichtum auch nicht unbedingt beförderte.

In den USA stehen mitunter die Gehälter gleich in den Stellenausschreibungen. Geld ist kein Tabu in einem Land, das glauben will, jeder könne zu Geld kommen, wenn er nur hart arbeite – und wo Geld als etwas uneingeschränkt Positives gesehen wird, nicht mit jener deutschen Schizophrenie, die Jochen Hörisch attestiert: mal fröhlich, mal melancholisch. Aber bei der Penetranz, mit der man in den USA über Geld und Verdienst als Statussymbol spricht, möchte man sich nicht unbedingt in dieses Land wünschen. Eher schon nach Schweden , wo man nahezu erwartbar alles besser macht als hierzulande. Dort kann man beim Finanzamt die Einsicht in die Steuererklärung des Nachbarn beantragen. Weil in Schweden ein großer Teil der Einkommensteuer direkt an die Kommunen geht, bestiehlt dort der Steuerlügner weniger den Staat, eher seine Nachbarn. Dort steht unter Zeitungsporträts nicht nur »verheiratet, zwei Kinder«, sondern auch das Einkommen. Und trotzdem sind die Schweden wahrscheinlich keine von Neid zerfressene Nation.

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