Kirch-ProzessEs begann in einem Hotelzimmer

Finale im Prozess Kirch gegen die Deutsche Bank: Zahlt die Bank freiwillig, oder wird sie verurteilt?

Es geschah an einem Sonntag in einer Hotelsuite in New York, dass Rolf-Ernst Breuer seine Karriere ruinierte. Der Chef der Deutschen Bank nahm im Februar 2002 am Weltwirtschaftsforum teil. Am Rande der Konferenz war Breuer mit Michael Storfner von der amerikanischen Nachrichtenagentur Bloomberg zu einem TV-Interview verabredet, es sollte in Deutschland ausgestrahlt werden. Der Korrespondent fragte den Banker nach der Konjunktur und den Geschäften. Zum Schluss kam er auf die Finanzprobleme des Medienunternehmers Leo Kirch zu sprechen.

»Die Frage ist ja, ob man ihm mehr hilft, weiterzumachen«, sagte Storfner.

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Breuer entgegnete: »Das halte ich für relativ fraglich. Was man darüber lesen und hören kann, ist ja, dass der Finanzsektor nicht bereit ist, auf unveränderter Basis noch weitere Fremd- oder gar Eigenmittel zur Verfügung zu stellen. Es können also nur Dritte sein, die sich gegebenenfalls für eine, wie Sie gesagt haben, Stützung interessieren.«

Der Bloomberg-Mann maß Breuers Sätzen keine große Bedeutung bei, wie er später vor Gericht freimütig einräumte. Wie hätte er auch ahnen sollen, dass sich dieses Interview als eines der teuersten der Wirtschaftsgeschichte erweisen würde. Die Sache musste ja erst noch ihren Lauf nehmen.

Eine Bloomberg-Redakteurin formulierte eine Nachricht, Zeitungen verbreiteten die Meldung. Breuer, der damals auch Präsident des Bankenverbands war, wurde allgemein so verstanden, als hätten die Kreditinstitute Kirch endgültig den Hahn zugedreht.

Leo Kirch war der mächtigste Mann der deutschen Medienwirtschaft. Ihm gehörten die Fernsehsender ProSieben, Sat.1 und N24, das Bezahlfernsehen Premiere und 40 Prozent von Axel Springer. Er hielt die Mehrheit an der Formel 1 und besaß die TV-Rechte an den Fußballweltmeisterschaften 2002 und 2006. Überdies gehörte ihm eine der größten Sammlungen an Spielfilmrechten auf der Welt.

Aber Kirch war ein König auf Pump, dessen Schulden den Wert seiner Unternehmen übertrafen. Die Geschäfte liefen schlecht, und Kirch fand keine neuen Geldgeber. Zwei Monate nach dem Interview musste er Insolvenz anmelden. Die Schuld gab er Breuer: »Erschossen hat mich der Rolf.«

Bis zu seinem Tod im Juli 2011 kämpfte Kirch mit allen rechtlichen Mitteln gegen Breuer und die Deutsche Bank – das Finale findet nun post mortem statt. Für diesen Freitag hat das Oberlandesgericht München Jürgen Fitschen, einen der beiden amtierenden Bankchefs, einbestellt. Die Richter wollen ein letztes Mal versuchen, die Parteien zu einem Vergleich zu bringen. Sonst könnte noch am selben Tag das Urteil gesprochen werden – gegen die Deutsche Bank. Wie sie die Sache sehen, haben die drei Richter des 5. Zivilsenats in einem Beschluss vom September ausgeführt. Sie halten es für »sehr wahrscheinlich«, dass Breuer Kirch gezielt unter Druck setzen wollte. Das Ziel der Bank sei wohl gewesen, an einer Umstrukturierung der KirchGruppe als Berater mitwirken zu können. Die Richter sind zwar nicht der Ansicht, dass Breuer die Pleite der KirchGruppe verursacht habe. Sie neigen aber zu dem Urteil, dass es sich um eine vorsätzliche sittenwidrige Schädigung Kirchs gehandelt habe. Der Schaden bestand demnach darin, dass Breuer dem Medienunternehmer mit dem Interview »die wirtschaftliche Bewegungsfreiheit« nahm. Denn nachdem man ihm die Kreditwürdigkeit abgesprochen hatte, konnte Kirch nach Einschätzung der Richter sein Firmenreich nicht mehr umbauen und durch Verkäufe entschulden. Stattdessen kam es zu einem Insolvenzverfahren, bei dem die Vermögenswerte erfahrungsgemäß schlechtere Preise bringen.

Die Deutsche Bank und Breuer bestreiten, dass sie Kirch hätten schädigen wollen. Breuers Interview sei ein »Unfall« gewesen. Die Bank sei gar nicht daran interessiert gewesen, als Berater für die Sanierung der KirchGruppe engagiert zu werden, erklärten Josef Ackermann und frühere Vorstände 2011 vor Gericht. Ackermann war zu der fraglichen Zeit für das Investmentbanking verantwortlich.

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