ArchäologieKölns jüdische Wurzeln

Archäologen entdeckten in der Rheinmetropole offenbar ein Kultbad. Vermutlich stand dort bereits in der Antike eine Synagoge. von 

Mikwe Ausgrabung Köln Rathausplatz

Bei Ausgrabungen unter dem Rathausplatz von Köln stießen die Forscher auf das Becken. Treppenstufen deuten darauf hin, dass es eine Mikwe ist.  |  © Urs Willmann/DIE ZEIT

Yersinia pestis heißt das Bakterium, das Europa den Schwarzen Tod brachte. Der Einzeller war aber nicht der einzige Massenmörder des Mittelalters; niederträchtig nutzten Volksverhetzer in ganz Europa die Seuche aus. Sie schoben den Juden die Schuld für die Pest zu, mit fatalen Folgen: Die Mitte des 14. Jahrhunderts wurde die Zeit der Pestpogrome in Städten mit jüdischer Bevölkerung – ob in Genf, Basel, Mainz, Koblenz oder Königsberg.

Auch in Köln fand die paneuropäische Katastrophe ihren Niederschlag – die Bewohner des jüdischen Viertels wurden zu Sündenböcken gemacht, viele von ihnen vertrieben oder ermordet. Jüdische Häuser und die Synagoge setzte der Mob in Brand. Doch was am 23. und 24. August 1349 im Detail geschah, ist in den Geschichtsbüchern der rheinischen Metropole nur oberflächlich abgehandelt. Die schriftlichen Belege für die Mordtaten sind dünn.

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Nur langsam kommt Licht ins Dunkel. Einer der Orte, an denen die Verbrechen deutliche Spuren hinterlassen haben, ist der heutige Rathausmarkt, wenige Schritte vom Dom entfernt. Sven Schütte holt seit fünf Jahren Zeugnisse der Ereignisse aus dem Boden. Er ist Leiter des Projekts Archäologische Zone / Jüdisches Museum. Im Keller unter seiner Dienststelle zieht er eine Pappschachtel aus einem der vielen Regale. Darin ein Klumpen mit Tausenden kleinen Eisenringen, grau, rötlich braun, schwarz. Das sei, sagt Schütte, ein Kettenhemd gewesen. In der Feuersbrunst verschmolzen die Glieder der Schutzkleidung. Trotz der Deformationen hat Schütte darin eindeutige Spuren von Schwerthieben ausgemacht. Das Kettenhemd sei in jener Pogromnacht stellenweise entzweigehauen worden. Dies belege, dass es nicht »nur« um Vertreibung ging, sondern ein Kampf um Leben und Tod stattfand.

Mehrere Zehntausend neue Funde aus dem Untergrund des Rathausmarkts ergänzen die spärlichen Passagen in den Geschichtsbüchern und erzählen vom Leben und Sterben, von Essen, Unterricht, Handel und Handwerk im jüdischen Viertel. Jüngst von den Ausgräbern entdeckte Spuren dürften den jüdischen Annalen Kölns ein wichtiges neues, frühes Kapitel hinzufügen. Aus diesem Grund wartet Sven Schütte auf die Ankunft von Ronny Reich.

Doch sein Freund Ronny lässt sich Zeit. Erst im neuen Jahr wird der Präsident der Antikenkommission Israels nach Deutschland reisen können. Schütte möchte mit dem Wissenschaftler aus Jerusalem in das tiefe Loch hinabsteigen, das seine Mannschaft in der Archäologischen Zone gegraben hat. Die Forscher haben unter dem Gelände der ehemaligen mittelalterlichen Synagoge einen sechs Meter tiefen Schacht ausgehoben. Er stammt aus antiker Zeit, und ganz unten in dem Gemäuer fand sich ein Becken, das offenbar die Funktion hatte, Regenwasser aufzunehmen. Seit die Kölner Forscher auf das unterirdische Bauwerk gestoßen sind, rätseln sie über dessen Nutzen. Welcher Gepflogenheit gingen die Bewohner der Rheinmetropole in diesem trapezförmigen Wasserbecken nach? Und vor allem: Vergnügten sich einst Römer im Pool – oder wuschen sich hier rituell die frühen Juden?

Letzteres ist Schüttes und Reichs Vermutung. Stimmt sie, handelt es sich um eine archäologische Sensation. 100-prozentige Gewissheit wird Schütte erst haben, wenn Reich hier gewesen ist. Weil die Kölner in der Zwischenzeit Strukturen einer Treppe im Gemäuer entdeckt zu haben glauben, muss Ronny Reich unbedingt hinabsteigen in den Kölner Untergrund. Denn er gilt als »Mikwenpapst«. Keiner weiß mehr über diese antiken jüdischen Kultbäder – exakt ein solches glaubt Schütte vor sich zu haben.

Er hat seinem israelischen Kollegen daher Fotos, Schnitte und Zeichnungen von dem ominösen Wasserbecken und den auffälligen Strukturen an dessen Rand geschickt. Vor wenigen Tagen bestätigte Reich die Annahme, wenn auch erst vorläufig, per E-Mail. Nach Durchsicht der Dokumente halte er es »für sehr wahrscheinlich«, dass sich »in der (Ost-)Wand eine vermauerte Treppe befindet«. Und wenn es »also tatsächlich eine Treppe war, dann hat die Anlage als antike Mikwe gedient«. Das hieße: Bereits im 4. Jahrhundert befand sich an dieser Stelle eine Synagoge mit Kultbad. Ein solches Bauwerk gilt als Beweis, dass hier eine jüdische Gemeinde ihr Zentrum hatte.

Leserkommentare
  1. ...wie viele Todesopfer religiös motivierte Gewalt im Abendland (oder gar weltweit) gefordert hat.

    Das Massakrieren von Angehörigen anderer Konfessionen beschränkte sich beileibe nicht auf die Juden. Man denke auch an die Eroberung der protestantischen Hochburg Magdeburg durch katholische Truppen im Dreißigjährigen Krieg:

    http://de.wikipedia.org/w...

    "Die Magdeburger Bürger galten als vogelfrei. Es kam zu einer enormen Anzahl von Raubzügen, Vergewaltigungen und Ermordungen, auch von Kindern und erwachsenen Zivilisten, obwohl solches im Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation unter Todesstrafe verboten war. Die Greueltaten waren so zahlreich und in ihrer Ausführung entsetzlich, dass sogar einige Angehörige der Kaiserlichen Armee darüber erschraken. [...] Am 9. Mai 1631 hatte Magdeburg noch rund 35.000 Einwohner, 1639 waren es nur noch 450. [...] Erst im 19. Jahrhundert erreichte und überschritt Magdeburg wieder die alte Einwohnerzahl."

    Oder die Eroberung Konstantinopels durch die Kreuzfahrer, bei der abendländische Christen über griechisch-orthodoxe herfielen:

    http://de.wikipedia.org/w...

    Man mag sich hiermit hart an der Grenze zur "Relativierung" bewegen, aber es ist wichtig, die mittelalterlichen Pogrome aus ihrer Zeit heraus zu betrachen. Es ist sogar die Aufgabe von Historikern, die untersuchten Gegenstände in die richtige "Relation" zueinander zu setzen.

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    auch Angehörige ihrere eigenen Zwangskonfession gefoltert, getötet, verbrannt.

    Nicht nur Abweichler. Oder Menschen anderen Glaubens.

    • Skjelm
    • 27. November 2012 18:50 Uhr

    aber die Ueberschirft ist irreführnd. Denn es wirke als wäre Köln eine durch Juden erbaute Stadt. Was nicht bedeuten soll, das es bestreitbar ist das es eine starke jüdische Presänz gegeben haben soll, noch das diese keinen Einfluss nahm.

    Agrippa 39v.Chr., der damals Provinzverwalter war, begann mit den ersten Infrasturturen.

    Zuvor waren links vom Rhein in der Gegend keltisch und germanische Stänmme sässig wie u.a. die Eburonen sässig, die aber nach einen Aufstand vernichtet wurde.

    Damit Agrippa sein Vorhaben erfolgreich fortsetzen konnte war nicht nur Know How und Material von nöten sondern auch eine Bevölkerung und die daraus erzielten Einkommen.

    Zu besiedlung kamen natuerlich nur Roma freundlich gesindte in Frage wie die Ubii.

    Der entstandte Hauptsitz war dann jener wo sich circa die Kölner Altstadt befindet. Wurde aber noch nicht, wenn ich mich nicht irre, Colonia genannt. Erst durch Agrippina die Jüngere, Enkeltochter Agippas, kamm es zu diesen Namen bzw zum römischen Recht so 50.n. Chr..

    Die Infratsuktur wurd weiter ausgebaut auch im Umland.

    100e Jahre später kam es zu Kaiser Kosntains Edikte. Inwiefern und wie gross schon eine jüdische Gemeinschaft davor lebte weiss ich nicht.

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    "Kölns jüdische Wurzeln" sagt nicht mehr und nicht weniger aus, als daß Köln AUCH jüdische Wurzeln hat.

  2. Die Geschichte kann nur aus Köln kommen. Aus einem Wasserbecken, tief unter der Kölner Erde, ohne weiteres die älteste Synagoge nördlich von Rom zu machen, schaffen nur die Kölner. Aber ein Schelm ist, wer Böses dabei denkt.

    Die richtig spannenden Geschichten spinnen, können eben nur die Klüngelbegabten vom Rhein, egal wo, morgens an der Theke oder tagsüber im Stadtrat oder in der Stadtverwaltung. Die Kölner wissen halt wie es geht und wie man Aufmerksamkeit in Zeiten knapper Kassen erzeugt, zum Segen aller.

    Köln Alaaf

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    • road90
    • 27. November 2012 21:52 Uhr

    Entfernt, bitte beteiligen Sie sich mit Argumente. Danke, die Redaktion/se

  3. und mehr noch beim Interpretieren.
    Ich höre das erste Mal, dass man an den Resten eines Kettenhemdes erkennen könne, dass es vor 650 Jahren in der Nacht eines gegen Juden gerichteten Progrom entzweigehauen worden sein soll.

    8 Leserempfehlungen
    • road90
    • 27. November 2012 21:52 Uhr
    5. [...]

    Entfernt, bitte beteiligen Sie sich mit Argumente. Danke, die Redaktion/se

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    ... auch am Dativ ;-)

  4. "Vermutlich stand dort bereits in der Antike eine Synagoge."

    Köln muss das Areal an die jüdische Gemeinde abtreten.

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    ... ist ebenso missverständlich wie die Überschrift des Artikels. Wenn es um jüdisches Leben in Deutschland geht, sollte man doch genau sein.

    Im Übrigen scheint es, als ob hier eine Düsseldorfer Truppe auf die Kölner einschlägt. Naja, das mit dem Archiv ist schlecht gelaufen, und es gibt auch andere Sünden, aber die Kölner sind immerhin keine Militaristen gewesen. Wie stellte einst ein Artillerist (blauer Funke) fest? "Aber Schießen tut doch weh!" Diese Einsicht gilt bis heute.

  5. Wir haben im Frühjahr einen grossen Gartenteich gegraben. Ich habe den helfenden Freunden eingeschärft: "wenn ihr auf etwas stoßt, was antik sein könnte, haltet blos den Mund und deckt es zu. Ich habe keine Lust, meinen Garten für die nächsten zwei Jahre dem Denkmalamt zu reservieren.

    Eine Leserempfehlung
  6. als nur 2.000 Jahren ist auch Köln (wie alle Städte nördlich der Alpen) eine historisch noch junge Stadt mit vergleichsweise wenig Geschichte und dünner Kultur. Umso stolzer dürfen die Kölner aller Herkunft auf jede Spur kulturell vielfältiger Vergangenheit sein. Ohne Einflüsse aus dem Süden, seien sie römischer, jüdischer, griechischer, christlicher, syrischer oder sonstiger Herkunft jedoch gäbe es nicht eimmal dieses bisschen Geschichte.

    3 Leserempfehlungen
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    • otto_B
    • 28. November 2012 7:47 Uhr

    "Ohne Einflüsse aus dem Süden, seien sie römischer, jüdischer, griechischer, christlicher, syrischer oder sonstiger Herkunft jedoch gäbe es nicht eimmal dieses bisschen Geschichte."

    Jetzt mal sachte. Mit Schlüssen dieser Art kriegt man an anderer Stelle eins drübergezogen.
    Daß es so gekommen ist, beweist relativ wenig. Die Evolution geht ihre Wege, ob nun mit oder ohne äußere Einflüsse. Mal hoch, mal runter, schnell oder langsam.
    Natürlich hat es konkrete Ursachen, wenn sich der äußere Einfluß gegenüber der "lokalen Kultur" durchsetzt. Ich erinnere mal an die Ökonomie oder auch die Ökologie, z.B. über die Erweiterung der Fauna und Flora durch mitgebrachte "Kultur"-Arten. (heute sagte man: Neophyten bzw. -zooen.....)

    So wie ihrer Aussage daherkommt, kann man darin auch kulturchouvinistische Motive sehen:
    War in Mitteleuropa "nichts", bevor die Römer kamen?
    Sicher haben diese ihre vielfachen, z.T. bis heute dominanten Spuren hinterlassen.
    "Geschichte" bleibt das davor aber trotzdem. (die wär auch irgendwie weitergegangen, ohne die "römischen Imperialisten", um mal Monty Python zu zitieren...)

    War im Kontinent jenseits des Atlantiks "nichts", bevor die Europäer kamen?
    Für das meiste, was passiert ist, finden sich plausible Gründe. (z.B. hatten die "Indianer" nicht das Rad, und auch kaum domestizierbare Großtiere....)

    Es mutet nur etwas seltsam an, wenn die eine untergegangene Kultur vergöttert, und die andere verdammt wird.

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