KunstWie auf Wolken

Die Kunst der Gegenwart wird atmosphärisch. Was soll das bedeuten? von 

Die "H-Box" auf der Yokohama Triennale 2008. Der mobiler Vorführraum für Videokunst wurde von dem französischen Architekten Didier Fiuza Faustino entworfen und vom Modekonzern Hermes produziert.

Die "H-Box" auf der Yokohama Triennale 2008. Der mobiler Vorführraum für Videokunst wurde von dem französischen Architekten Didier Fiuza Faustino entworfen und vom Modekonzern Hermes produziert.  |  © Kiyoshi Ota/Getty Images

Wer heute ins Museum geht, kann sich auf etwas gefasst machen. Vorbei scheinen die Zeiten, in denen Bild an Bild gereiht wurde. Heute muss eine Ausstellung zeitgenössischer Kunst mehr bieten, sie soll die Besucher ergreifen, sie hineinziehen, sie zu einem Teil der Kunst machen.

Immer häufiger steht nicht mehr das einzelne Objekt im Mittelpunkt; es werden vielmehr ganze Räume gestaltet, in denen Werke zur Aufführung kommen und sich »ereignen«. Dabei werden oft unterschiedliche Kunstformen miteinander ins Gespräch gebracht, es gibt Tanz-, Theater-, Kunst-Performances, bei denen Töne wie Worte und Worte wie Farben sind. Ihre Bedeutungen soll man auch nicht mit den Augen »hören«, sondern mit dem ganzen Körper fühlen. Die Betrachter sind keine Statisten mehr, sie werden zu Mitspielern in einer großen ästhetischen Totale, in der vollendeten Gegenwart des Hörens, Sehens und Fühlens.

Anzeige

In dieser Art der Kunst geht es vor allem um eine möglichst dichte Atmosphäre, die den Abstand zwischen Zuschauer und Objekt beseitigen und beide zu einer innigen Gefühlsgemeinschaft verbinden soll – sodass die chaotische Welt »draußen« plötzlich geordnet und sinnvoll erscheint und noch das Fremde überraschend vertraut wirkt. Noch bevor der Zuschauer dies mit dem Verstand begreift, soll er es mit den Sinnen aufnehmen. Die Kunst der Atmosphäre zielt nicht auf Reflexion und Kritik, nicht auf Erkenntnis und Diskurs; sie zielt auf leibliches Verstehen, auf Präsenzgefühle und »Gegenwärtigkeit«, auf Emotion und »Gestimmtheit«.

Der in Darmstadt lehrende Philosoph Gernot Böhme war einer der Ersten, der von »Atmosphären« gesprochen und sie Mitte der neunziger Jahre als Schlüsselbegriff einer »Neuen Ästhetik« vorgestellt hat (Atmosphäre; Suhrkamp Verlag). Böhme attackierte das damals vorherrschende Kunstverständnis als schrecklich »verkopft« und klirrend abstrakt – als reine Urteilsästhetik, aufreizend unsinnlich und intellektualistisch vertrocknet. »Die Sinnlichkeit und die Natur sind auf diesem Wege fast gänzlich aus der Ästhetik verschwunden.« Als Skandal empfand es Böhme, dass im herkömmlichen Kunstverständnis das Werk nur als isoliertes Objekt beschrieben wird – als scheintoter, vor sich hin schweigender Gegenstand, der vom viereckigen Menschenverstand aus der Ferne taxiert, erfasst und kritisch gemustert wird.

Glaubt man Böhme, dann geht man nicht in eine Ausstellung, um etwas zu »lernen« und das artig Gelernte als portables Wissen mit nach Hause zu schleppen. Für ihn taucht der Museumsbesucher vielmehr in eine ästhetische Atmosphäre ein, er tritt aus seinem Ich-Gefängnis heraus, während das Objekt ebenfalls »ekstatisch« wird, sich zeigt und öffnet. Eine Atmosphäre, so hieße dies, ist ein eigentümlich schwebender »Zwischenstatus«; sie entsteht unsichtbar zwischen Betrachter und Werk und lässt spüren, dass die Menschen und die Dinge einander viel näher sind, als uns die kalte Kopfgeburt des europäischen Rationalismus immer hat einreden wollen.

Kultur-Manager und Stadtplaner – alle träumen von »Erregungsintensitäten«

Böhme, auch das muss man dringend erwähnen, möchte seinen Begriff der Atmosphäre durchaus kritisch verstanden wissen. Im atmosphärischen Kunsterleben schmelze das zivilisatorische Eis, und der Betrachter spüre wieder den Atem seiner »inneren Natur«, seine verdrängte Leiblichkeit. Gleichzeitig, so schreibt Böhme, protestiere die atmosphärische Kunst gegen eine hochgradig überhitzte »Verschwendungsökonomie«, also gegen den handelsüblichen Kapitalismus, der den Bürger vom Eigenwert der Dinge entfremde und in ihm nur eines wachrufe: blanke konsumistische Gier.

Böhmes »Atmosphäre« hat eine erstaunliche Diskurskarriere hinter sich. Es ist ein allfälliges Zauberwort in Kunstseminaren, in Ausstellungskatalogen und bei Kuratoren sowieso. Aber auch einschlägige Kultur-Event-Manager und die angeschlossene Gute-Laune-Publizistik träumen den Traum vom Glück der Atmosphäre, auch sie feiern sie als unerschöpfliche Quelle von »Erregungsintensitäten«, die am Verstand vorbei tief unter die Haut gehen. Nicht anders die Stadtplaner, die den urbanen Wohlfühl- und Erlebnisraum als atmosphärischen Standortfaktor entdeckt haben, ganz zu schweigen von der großen Industrie, die ihren Erzeugnissen gern eine »individuelle Atmosphäre« verpasst, damit man sie nicht mit den Produkten von der lieben Konkurrenz verwechselt.

Leserkommentare
    • ikonist
    • 28. November 2012 2:18 Uhr

    was für ein frommer wunsch: >auf der anderen seite aber bringt die atmosphären-kunst das subjekt erst zum vorschein....<

    • garl
    • 28. November 2012 11:03 Uhr

    die effeminierte kunst....na dann, gut nacht.

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

  • Artikel Auf einer Seite lesen
  • Schlagworte Kunst | Zeitgenössische Kunst | Moderne Kunst
Service