Wettbewerb "Neue Stimmen"Singen mit Edda
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"Das Geheimnis des hohen Tons liegt immer unten!"

Edda Moser taucht unter den Großen nicht unbedingt auf, aber das sagt nichts über ihre Fähigkeiten als Pädagogin. Über die Gepflogenheiten bei Bertelsmann sagt es jede Menge: Im wettbewerbsfreien Jubiläumsjahr 2012 hatte man Moser ohnehin für einen Opern-Kurs gewonnen, da lag es nahe, sie das Lied gleich mitmachen zu lassen. Ihre Aufnahme von Der Hölle Rache kocht in meinem Herzen, der berühmten Arie der Königin der Nacht, mag seit 1977 an Bord der Voyager 2 durchs Weltall kreisen – als Liedinterpretin hat sie solchen Ruhm nicht erlangt. Aber das muss eine Lehrerin ja auch nicht. Unterrichtet sie Lied anders als Oper? Nein, sagt die gebürtige Berlinerin, Artikulation, Klangempfinden, Ausdruck, Präsenz, das sei absolut dasselbe. »Die Einsamkeit macht den Unterschied. Der Opernsänger hat die ganze Bühne, das Licht, Kostüm und Maske, den Chor, die Kollegen – der Liedsänger hat nur den Pianisten und seinen Glauben an Gott.«

Den lieben Gott könnte auch Simon Bode in K5 gut gebrauchen, denn Edda Moser lässt nicht locker und schlägt am Klavier noch einmal die Tonart an, A-Dur, und noch einmal die verfluchte Septime. Dem Tenor stehen die Schweißperlen auf der Stirn, mit rudernden Armbewegungen pumpt er Luft in seine Lungen. »Das Geheimnis des hohen Tons liegt immer unten!«, Moser springt auf, als wolle sie ihrem Schützling an die Gurgel fahren, legt ihm aber bloß die rechte Hand flach aufs Brustbein: »Wo sitzt deine Stimme, Schätzchen, wo?« Bode kennt das schon, jetzt wird’s technisch, »Ja!«, sagt er laut und erstaunlich tief und noch einmal »Jaa!«. Nein, das ist sie noch nicht, vibrieren muss die Hand über seinem Herzen, wie ein kleiner Presslufthammer. »Trauen Sie sich, kotzen Sie die Bude voll, los!« Das wirkt. »Jaaa!« – Moser schnellt zurück an den Flügel, greift in die Tasten, »klasse!«. Und plötzlich geht’s, der Knoten platzt, Bode singt ein stabiles hohes A, eine saubere Septime, lächelt glücklich und blass.

Singen ist harte Körperarbeit, das lernt man an diesen Herbsttagen in Ostwestfalen. Die Sopranistin wird wahlweise an den Ohren oder Haaren gezogen, der Bariton geschubst (»Lassen Sie sich von mir bloß nicht schubsen!«), und vor allem wenn sie den jungen Leuten beim Formen einzelner Laute im Gesicht herumkneten, haben Gesangspädagogen wenig Hemmungen. Mal ist das Kinn zu fest, mal der Mund zu breitmaulfroschig oder spitz, mal steht das Gebiss im Weg, mal stört die Halswirbelsäule hinten oder vorn, und ehe man sich’s verhört, klingt »Schmerz« nicht wie »Schmärz«, sondern wie »Schmörz« oder »Schmorz« und in hartnäckigen Fällen sogar wie »Schmarz«. Und da soll der Nachwuchs den Schmerz als Schmerz noch glaubhaft empfinden und ihm in die hintersten Winkel der eigenen Seele folgen? Das notorische Eindunkeln der Vokale hilft übrigens bei der Intonation, dem Treffen der richtigen Töne. »Loid« singt sich physiologisch leichter als »Leid«.

Wobei die Ausbildung keine reine Lehre kennt. Die einen setzen in der Klangerzeugung ganz auf Vokale, die anderen (wie Edda Moser) ganz auf Konsonanten, auf knallende »Ks«, leckere »Ms« und schmatzende »Ts«; die einen propagieren das Luftholen durch die Nase, die anderen das durch den Mund; die einen sagen, der hohe Ton solle nach vorne drängen, andere wie der bei Bertelsmann den Operngesang lehrende Francisco Araiza meinen, alles, was sich nicht zugleich nach hinten richte, klinge sauer und dürr. Bald fragt sich die Zuhörerin, wie der gemeine Sänger überhaupt noch zu einer spontanen Regung fähig ist. Daran ändert das allmorgendliche Gütersloher Warm-up nichts, bei dem die Schüler sich unter Anleitung des Amerikaners John Norris nach Herzenslust austoben. Trotzdem lustig, wie sie pantomimisch an Zitronen riechen oder laut kreischend durch das Affenhaus eines imaginären Zoos hüpfen.

Der Komiker Hape Kerkeling hat das Dilemma einmal in seinem Sketch Hurz! ingeniös auf den Begriff gebracht: Solange die Betonung im Kunstlied nicht auf »Lied« liegt, solange der einzelne Vortrag jeder Natürlichkeit, jedes Sagenwollens entbehrt und trotzdem für bare Münze genommen wird, der Tradition und Bildung halber, so lange droht dem Genre erst die Lächerlichkeit und dann der Tod. Ketzerische Frage: Wäre das so schlimm? Würden wir ernsthaft etwas vermissen?

Am Tag der Generalprobe sitzt Simon Bode in einem Gütersloher Café und schwärmt. Von privaten Schlössern und anderen Liebhaber-Orten mit einem »tollen, klugen Publikum«, von der historischen Distanz zu Schubert und Schumann, die ihn inspiriere – und von der Unmittelbarkeit, die sich an guten Abenden einstelle: »Dann fängt es an zu knistern, und plötzlich beben alle Zwischenräume, als wären Übermächte im Spiel. Wenn du das zulässt, dann überraschst du dich selbst, dann vergisst du alles. Das geht nur im Lied.« Bodes junges rundes Gesicht leuchtet, fast so enthusiastisch wie beim Singen, und man ertappt sich bei dem Gedanken, dass das Lied in unserer überindividualisierten, ichfixierten Gesellschaft doch eigentlich genau das Richtige wäre. Warum gibt es trotzdem immer weniger Liederabende, warum müssen Medienkonzerne wie Bertelsmann auf den Plan treten und mit Pomp und Trara notdürftig ein paar Sauerstoffzelte aufstellen?

Schon hört man sich wie Edda Moser sprechen: Weil die Deutschen das Eigene partout nicht schätzen. Weil Kinder hierzulande nicht mehr singen und der Musikunterricht brachliegt. Und das ist leider wahr. Der diesjährige ARD-Wettbewerb in München, bei dem ein Drittel der Teilnehmer aus Korea kam, mag ein besonders krasses Beispiel sein. Aber die großen Wettbewerbe mit Schwerpunkt »Lied« – ob im holländischen Herzogenbusch, in der Londoner Wigmore Hall, an der Hugo-Wolf-Akademie in Stuttgart oder in Berlin unter Thomas Quasthoffs Federführung – wissen nichts anderes zu berichten. Brigitte Fassbaender, Juryvorsitzende in München, sagt nur: »Die Koreaner haben eine exzellente Früherziehung, sind hochmusikalisch, fleißig und ehrgeizig. Das zahlt sich aus.« Vom abendländischen Publikum werden sie trotzdem nicht geliebt. Veranstalter meiden zwar den Begriff Rassismus, Am Brunnen vor dem Tore aber wolle man nach wie vor lieber von einem europäischen Gesicht vorgesungen bekommen. Auch das ist eine Grenze der Globalisierung, von der man nicht sicher weiß, dass man sie fallen sehen möchte.

Anna Sohn, die von Wettbewerb zu Wettbewerb reist, hat bei der ARD dieses Jahr einen zweiten Preis gewonnen und ist als Einspringerin in Gütersloh prompt diejenige, die mit der artifiziellen Werkstatt-Situation am besten zurechtkommt. Wie ein Floh springt sie am Notenständer auf und nieder, sobald sie sich versingt (»Entschuldigung, Entschuldigung!«), begierig kritzelt sie jede noch so kleine Korrektur in die Noten. Die Technik sei immer ihr didaktisches Credo gewesen, betont Edda Moser, Technik mit Liebe, und vielleicht hat sie damit ja recht. Vielleicht lässt sich tatsächlich nichts anderes vermitteln, und wir sollten froh und dankbar sein, solange wenigstens der Ferne Osten noch die Sehnsucht kennt. Als der Koreanerin in Hugo Wolfs Storchenbotschaft einmal ein harmonischer Farbwechsel ideal gelingt, ist die Kammersängerin direkt gerührt und verbeugt sich vor ihr: »Ich danke Ihnen, dass Sie sich das gemerkt haben.« Anna Sohns Verbeugung zurück fällt länger und tiefer aus.

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Leserkommentare
  1. h1-a2 ist immer noch eine kleine Septim.
    Oder lautet die fragliche Wendung b1-a2-b1?

    (wenn man in solchen Artikeln schon musiktheoretische Ausdrücke benutzt, sollten sie wenigstens korrekt verwendet werden.)

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
    Redaktion

    Vielen Dank für Ihren Hinweis. Ein Flüchtigkeitsfehler. Es handelt sich selbstverständlich um eine kleine Septime. Beste Grüße aus der Redaktion!

  2. schon richtig ;-) ( http://imslp.org/wiki/4_D...(Schumann,_Robert) )

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    h-a ist trotzdem eine kleine Septime.

  3. h-a ist trotzdem eine kleine Septime.

    Antwort auf "h-a-h ist"
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    mit dem Ausschluss von b-a-b bestätigen wollte ;-)

  4. mit dem Ausschluss von b-a-b bestätigen wollte ;-)

    Antwort auf "trotzdem falsch"
  5. ...vielen Dank auf alle Fälle für den imslp-Link. Hatte das fragliche Lied nicht gekannt.

    ...und mußte dann auch gleich feststellen, daß die "große Septim" nicht der einzige Lapsus in obigem Text ist.

    Es geht ja weiter im Text mit: "In der letzten Strophe ereignet sich das Ganze auf den Wörtlein »gewiss nicht« und bekommt, weil’s das Ende des Liedes ist, noch ein Echo hinterdreingeschickt, zwei große Sekunden und eine kleine, ebenfalls in hakeliger Lage, »gewiss nicht! gewiss nicht! gewiss nicht!«"

    Nur welche "große Sekunden" meint die Autorin? Die Tonfolge gis-a-e enthält keine große Sekund...

    Ich weiß ja nicht, in welchem Zustand dieser Text verfaßt wurde, oder ob er als Satire gedacht ist, denke aber, daß es besser ist, feuilletonistische Artikel nicht mit Fachausdrücken aufzupeppen, wenn man nicht über das dazu erforderliche Halbwissen verfügt. Sowas ist nämlich peinlich ... ;-)

  6. Ist hier eigentlich jemandem aufgefallen, dass Frau Lemke-Matwey in den 2000 Wörtern dieses Artikels eine ausgesprochen scharfsinnige und kritische Bestandsaufnahme des Kunstlieds heute einschließlich historischem Rückblick und Ausblick in die Zukunft abliefert - und dabei mehr Interessantes und Bedenkenswertes über dieses Genre sagt als ich im ganzen letzten Jahrgang "fonoforum" darüber gelesen habe?

    Bravo an die ZEIT, und vielen Dank für diesen Beitrag!

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Ich kann nicht beurteilen, was im "fonoforum" u. ähnlichem zu lesen ist, da mich ehrlich gesagt die Musik und weniger das Geschwurbel darüber interessiert...

    Aber ich denke, daß dieser Artikel unfreiwillig - in dem was er ist - die Problematik des Kunstliedes einfängt: Der Text ist einerseits durchzogen von einem blumigen, komplett veralteten Schreibstil; andererseits wird er konterkarikiert durch die eklatanten (oben erwähnten) musiktheoretischen Fehler (die, es tut mir leid, auf eine fehlende musikalische Bildung schließen lassen). Wer einfache Intervalle falsch benennt, sollte nicht über Mängel im musikalischen Bildungssystem schreiben, da er/sie selber Teil des Problemes ist.

    Und tatsächlich sind es diese beiden Aspekte, Blumigkeit (d. h. ein kitschiger und somit sinnentleerter Zugang) und fehlende musiktheoretische Bildung genau die beiden Hauptpunkte, an denen die meisten Darbietungen von Liedern kranken:
    Einersces ist echte Emotionetwas anderes, als eitle Selbstdarstellung, andererseits kann ein Sänger die intonatorischen und artikulatorischen Nuancen in Liedern von Schubert, Schumann etc. wohl kaum richtig ausdeuten, wenn er nicht weiß, was in harmonischer und melodischer Hinsicht geschieht.

    Das Kunstlied braucht keine selbsternannten eitlen Gralshüter, es braucht einfach musikalische Interpreten. In Vergessenheit geraten werden die Lieder von Schubert, Schumann etc. ohnehin nicht, dazu sind sie musikalisch viel zu wertvoll.

  7. Ich kann nicht beurteilen, was im "fonoforum" u. ähnlichem zu lesen ist, da mich ehrlich gesagt die Musik und weniger das Geschwurbel darüber interessiert...

    Aber ich denke, daß dieser Artikel unfreiwillig - in dem was er ist - die Problematik des Kunstliedes einfängt: Der Text ist einerseits durchzogen von einem blumigen, komplett veralteten Schreibstil; andererseits wird er konterkarikiert durch die eklatanten (oben erwähnten) musiktheoretischen Fehler (die, es tut mir leid, auf eine fehlende musikalische Bildung schließen lassen). Wer einfache Intervalle falsch benennt, sollte nicht über Mängel im musikalischen Bildungssystem schreiben, da er/sie selber Teil des Problemes ist.

    Und tatsächlich sind es diese beiden Aspekte, Blumigkeit (d. h. ein kitschiger und somit sinnentleerter Zugang) und fehlende musiktheoretische Bildung genau die beiden Hauptpunkte, an denen die meisten Darbietungen von Liedern kranken:
    Einersces ist echte Emotionetwas anderes, als eitle Selbstdarstellung, andererseits kann ein Sänger die intonatorischen und artikulatorischen Nuancen in Liedern von Schubert, Schumann etc. wohl kaum richtig ausdeuten, wenn er nicht weiß, was in harmonischer und melodischer Hinsicht geschieht.

    Das Kunstlied braucht keine selbsternannten eitlen Gralshüter, es braucht einfach musikalische Interpreten. In Vergessenheit geraten werden die Lieder von Schubert, Schumann etc. ohnehin nicht, dazu sind sie musikalisch viel zu wertvoll.

  8. Redaktion

    Vielen Dank für Ihren Hinweis. Ein Flüchtigkeitsfehler. Es handelt sich selbstverständlich um eine kleine Septime. Beste Grüße aus der Redaktion!

    Antwort auf "große Septimen"
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    wie im Kommentar 5 angemerkt, ist auch die Bemerkung: "...zwei große Sekunden und eine kleine..." falsch.
    Ein Verweis auf den Notentext findet sich in Kommentar 2.

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